Die Tränen:
Intensiver Moment

Emotionale Porträts sind in der Studioatmosphäre wohl eher eine Seltenheit. Dies hier ist, ob echt oder gestellt, eine Ausnahme von gehobener Eindringlichkeit.

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Reinhard Witt).

Kommentar des Fotografen:

Ein Shooting, welches eine andere Wende nahm als geplant.

Peter Sennhauser meint zum Bild von Reinhard Witt:

Eine Junge Frau, noch fast ein Mädchen, blickt mit leicht geneigtem Kopf in diesem Schwarz-Weiss-Porträt in die Kamera. Das Gesicht nimmt die linke Bildhälfte ein, sie blickt über ihre linke Schulter, die in ein Cape oder einen weissen Schal gehüllt zu sein scheint. Auf ihrer linken Wange rollt eine Träne über die Sommersprossen, eine zweite hängt unter dem Auge in den Wimpern.

Ich kann’s nicht anders sagen – ich bin hingerissen:

Dieses Porträt ist nicht nur technisch und kompositorisch ein Volltreffer, es steckt zugleich noch soviel Emotion drin, wie man sie von einem derart nahen, intimen Studioporträt einfach nicht erwarten würde.

Egal, ob es sich wirklich – wie Du schreibst – um einen emotionalen und nicht geplanten Moment in einem Studioshooting handelt oder um eine sorgfältig inszenierte Aufnahme. Sie funktioniert, und das unter anderem durch die sphinxhafte Mischung im Ausdruck des Modells. Da sind die Tränen und der teilweise bittende Blick, auf der anderen Seite aber keine eindeutige Regung in der Mundgegend – die junge Dame könnte sich kurzfristig sehr verletzt gefühlt, dann aber sogleich wieder gefasst haben. Oder sie unterdrückt ihre eigentlichen Gefühle. Oder es sind – sogar das scheint möglich – Lachtränen. Es spielt keine Rolle, weil es uns jedenfalls fesselt und ergründen lässt, was es mit diesem überaus hübschen, natürlichen Gesicht und der unergründlichen Stimmung auf sich hat.

Auch technisch ist das Bild eine Glanzleistung, auch oder weil es ganz leicht neben dem Gewohnten steht: Die Bildaufteilung scheint zunächst falsch, weil sich das Gesicht nach links aus dem Bild zu wenden scheint, aber durch den zurückgewandten Blick und die ganze Bewegung in der Haltung wird der Raum in wieder einbezogen und bietet die Möglichkeit für eine Wende.

Die Schärfentiefe ist genau ausreichend auf das gesamte Gesicht gelegt, von den Poren auf der Nase bis ungefähr auf Ohrenhöhe. Das natürliche, offensichtlich vollkommen ungeschminkte Gesicht hebt sich von den hyperprofessionellen Studiofotografien gerade so weit ab, dass es zusätzlich interessant wird, echte Sommersprossen und eben auch die Hautporen zu sehen. Die Glanzlichter in den Augen sorgen zusammen mit der noch stehenden Tränennässe für eine glaubhafte und ungekünstelte Situation.

Als Tüpfelchen auf dem I kommt schliesslich die Emotion des Betrachters ins Spiel, der zwischen Faszination und schlechtem Gewissen hin und her gerissen wird – der intimen Beobachtung haftet etwas Voyeuristisches an, und so berührend das Bild ist, wirkt es doch auch wie eine Verletzung der Privatsphäre. Jedenfalls mir geht es so.

Aber gerade das macht die enorme Wirkung aus, und ich wäre an Deiner und an Stelle des Modells sehr stolz auf die Aufnahme. Ich gehe jedenfalls davon aus, dass Du für die Veröffentlichung die Zustimmung des Modells über den vorgängig unterzeichneten Model-Release hinaus hast…

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5 Antworten
  1. Reinhard Witt says:

    Ich gehe jedenfalls davon aus, dass Du für die Veröffentlichung die Zustimmung des Modells über den vorgängig unterzeichneten Model-Release hinaus hast…

    Komisch, dass man bei mir dauernd daran zweifelt… :-)

    Zunächst einmal bin ich baff… so einen Comment habe ich nicht erwartet. Ich habe ihn natürlich gleich Leonie zugesandt. Ich denke sie wird sich genauso darüber freuen, wie ich. Was sollte ich dieser positiven Kritik noch hinzufügen?… Außer ein dickes Dankeschön… :-)

    LG Reinhard

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