Bergbach in der Moräne:
Den Raum unterstützen

Ein Geheimnis einer guten Landschaftsfotografie liegt in der Illusion eines dreidimensionalen Raums, der sich hinter die zweidimensionale Bildebene erstreckt. Der Fotograf kann sie verstärken, aber mit Fehlentscheiden auch abschwächen.

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Christian Lauener).

Kommentar des Fotografen:

fotografiert mit einem Stativ, um mir mehr Zeit für die Bildgestaltung zu nehmen.

Peter Sennhauser meint zum Bild von Christian Lauener:

Ein Bergbach schlängelt sich in diesem querformatigen schwarz/weiss Bild durch eine Geröllmoräne. Im unteren Bildzentrum der Telefotografie liegt eine offensichtlich vom Wasser angeschwemmte tote Tanne, im oberen Drittel sticht rechts ein von Menschenhand geschaffener Steinhaufen und im Zentrum ein grosser Felsklotz aus dem Bild heraus.

Was macht eine Landschaft aus, was fasziniert uns daran? Die Antwort auf diese Frage ist keine eindeutige. Ist es der Raum, die Linien darin, die Farben, das Naturschauspiel – oder jedesmal etwas anderes?

Ein Aspekt, der mich an der Fotografie fasziniert ist, dass es selbst in den unzähligen Genres noch Unterkategorien, Stile und immer neue Möglichkeiten gibt, kreative Ansichten zu schaffen. Es ist ein Paradox:

Dass der vermeintlich eindeutige Vorgang der Abbildung von „Realität“ auf Knopfdruck wider Erwarten ein gigantisches Mass an Spielarten erlaubt – Blenden- und Zeitwahl, Komposition, Farbe oder Schwarz-Weiss, Perspektive, Nachbearbeitung. Eine „objektive“ Sicht gibt es (nicht zuletzt dank eines Ausrüstungsteils namens Obejktiv) ganz einfach nicht. Die Kombinationen und die Resultate möglicher Einstellungen und Variationen sind in ihrer Anzahl unendlich.

Und trotzdem fallen wir als Anfänger häufig in ein bereits vorhandenes Muster zurück, scheinen sich einige Abbildungskonstellationen fast schon „natürlich“ zu ergeben – und sie haben leider meistens ein langweiliges Ergebnis zur Folge.

Dies noch nicht einmal, weil im Bild nichts Spannendes zu sehen wäre. Sondern weil die Art der Abbildung für unsereins nach nicht ganz zweihundert Jahren Fotografie banal und oft gesehen erscheint. Der Massstab hat sich geändert.

Im Jahre 1840 hätte eine Fotografie dieses Bergbachs weitherum Begeisterung und Staunen ausgelöst, wenn auch nicht als Kunstwerk, sondern als spektakuläre Übermittlung der wilden Natur in die Zivilsation.

Das tut sie im Jahre 2011 nicht mehr: Wir alle kennen Bergbäche, selbst die unter uns, die noch nie in den Bergen waren; wir alle kennen schwarz/weiss-Landschaftsfotografien, die uns magisch anziehen und uns – obwohl darin nichts Spektakuläres zu sehen ist – nicht mehr loslassen.

„Darin“ schreibe ich deswegen, weil ein Rezept für eine packende Landschaftsfotografie (nicht das einzige und nicht ein ausschliessliches, aber ein wichtiges) die gestaltete Illusion ist, eine begehbare Landschaft und nicht die zweidimensionale Abbildung davon vor sich zu haben (ein zweiter zentraler Aspekt ist das Spiel des Lichts. Beides, Raum und Licht, sind zentrale Themen der Malerei seit den ersten Höhlenwandmalereien).

Was genau bei deiner Bildkonzeption schief gelaufen ist, lässt sich ohne das Wissen um Deine Absicht nicht eindeutig sagen. Dass sie als klassische Landschaftsaufnahme nicht funktioniert hingegen schon. Dafür gibt es mehrere Gründe:

  • Zunächst hast Du mit dem Tele und einer Brennweite von über 200mm Kleinbildäquivalent fotografiert. Das ist nicht per se falsch in der Landschaftsfotografie, aber es bietet spezielle Herausforderungen. Denn der Effekt eines langen Tele ist, Tiefenebenen im Raum zusammenzuziehen: Das Teleobjektiv vernichtet Tiefe. Es wirkt der Schaffung einer Raumillusion direkt entegegen.
  • Zweitens hast Du, teilweise auch schon durch diese Objektivwahl, keinen Vordergrund und damit auch keinen Hintergrund mehr. Die Akzentuierung der Motivelemente muss aus anderen Kriterien als ihrer Platzierung im Raum heraus geraten. Das ist machbar, aber hier nicht gelungen.
  • Drittens machst Du die unabdingbaren Linien, die ebenfalls Tiefe und Schichtung erzeugen und einige der Tele-Effekte wieder aufheben könnten, mit dem Verzicht auf Farbe fast unsichtbar. Gehen wir davon aus, dass die Tanne hellbraun, das Bachwasser stahlblau und die Felsen grau oder gelblich sind, dann hättest Du im Farbbild (welches Du auch durch den Sucher bei der Bildkomposition gesehen hast) eine klare Mäanderlinie des Baches, die durch das Bild führt, und mit der Tanne einen Vordergrund, an dem wir uns festhielten. In der Schwarzweiss-Version schalteste Du all diese zusätzlichen Tiefenelemente wirksam aus und müsstest sie mindestens mit einer entsprechenden Kanalverstärkung im Kontrast versuchen herauszuarbeiten.

Es gäbe noch mehr zu dieser Landschaftsfotografie zu sagen, die keineswegs katastrophal schlecht ist, sondern einen guten Ansatz erkennen lässt. Ich wollte hier aber zeigen, dass Du bei bester Absicht mit drei einfachen Entscheidungen just eine Kombination von Einstellungen für die subjektive Abbildung erstellt hast, die der Absicht – oder zumindest dem „Rezept“ – für eine eingängige Landschaftsfotorafie diametral entgegen wirkt.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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