Langzeitaufnahme:
Nordische Mystik auf Rügen

Landschaftsaufnahmen von Stränden und Meeren wirken wegen ihrer Schlichtheit oft einfach und simpel. Aber das Arrangement erfordert genau deshalb besonders viel Fingerspitzengefühl.

Kommentar des Fotografen:

Am nördlichsten Punkt der Insel Rügen befand sich einst eine slawische Kultstätte. Betritt man den schmalen Strandstreifen, sieht man diese Holzstehlen. Die Darstellung kühler Ruhe gepaart mit nordischer Mystik war hierbei meine Intention. Langzeitbelichtung am Strand von Kap Arkona / Rügen

Profi Robert Kneschke meint zum Bild von Johannes Gericke:

Schlicht und ruhig. So wirkt dieses Foto einer slawischen Kultstätte auf der Insel Rügen. Genau das wollte der Fotograf festhalten. Es ist ihm gelungen:

Die verkohlten oder vom Meer unten angeschlagenen Holzstehlen sorgen im Vordergrund für den Blickfang und bringen mit ihren vertikalen Linien einen Gegenpol zum weiten, geraden Horizont hinten im Foto.

Die Stehlen ziehen den Blick nach unten, wo sie auf die Steine treffen, die nach hinten rechts ebenfalls auf den Horizont zuzulaufen scheinen. Im Wasser schon sind noch mal ein großer Stein und ein anderes Objekt zu sehen. Der Blick wandert so immer weiter ins Bild hinein, bis er auf den langgezogenen, von nichts unterbrochenen Horizont stößt und merkt: Hier ist Tiefe.

Das Bild wirkt simpel, aber die vorhandenen Gegebenheiten so im Sucher zu arrangieren, dass das Auge ungestört ins Bild wandern kann, ist nicht so einfach, wie es oft aussieht. Dem Fotografen ist es hier meisterhaft gelungen.

Die vermutlich künstliche Randabdunkelung trägt ebenfalls zur Ruhe im Bild bei, weil sie auch den Blick vom Rand abhält und außerdem den hellsten Fleck im Bild in die Mitte des Horizonts legt, wo er wie eine sanft strahlende Sonne wirkt. Die Langzeitbelichtung sorgt für einen weichgespülten Wassereffekt, und die Blautöne für die gewünschte Kühle im Bild. Dadurch würde sich das Foto zum Beispiel auch gut auf dem Buchcover für einen skandinavischen Krimi machen.

Einziger Kritikpunkt ist das kleine Objekt auf der vierten Holzstehle von links, die wie ein Metalldraht aussieht. Da dieser genau auf der Horizontlinie und bildmittig liegt, bleibt dem Auge nicht anderes übrig, als sich von der Wanderung durch das Bild ablenken zu lassen und zu rätseln, was das sein könne.

Zur geplanten Gedankenruhe beim Bildbetrachten trägt das leider nicht bei, weswegen ich das Objekt in Photoshop entfernen würde. Das Foto sähe dann so aus: Viel ruhiger und friedlicher.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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6 Kommentare

  1. Frank
    schrieb am 21. März 2011 um 13:24 Uhr (#)

    Der zweite Holzbalken von links endet oben exakt auf der Horizont-Linie und zerbricht damit den Horizont. Geht es nur mir so, dass mein Blick von dieser Stelle immer wieder magisch angezogen wird? Keine Ahnung wieso, aber damit wird Ruhe und Friede für mich irgendwie gestört und ich würde versuchen den Balken, mit Hilfe von Photoshop, ein Stück unterhalb des Horizonts enden zu lassen.

  2. R. Kneschke
    schrieb am 21. März 2011 um 17:37 Uhr (#)

    Hm, mich stört das nicht so wie dieser vertikale “Knubbel”.

  3. Reinhard Witt
    schrieb am 21. März 2011 um 18:10 Uhr (#)

    @Frank: Ich habe auch keine Bedenken deswegen. Da war der “vertikale Knubbel” doch viel störender. Insgesamt gesehen gefällt mir die Komposition sehr gut. Es ist ein schöner Zusammenhalt von Himmel und Wasserfläche gelungen und das Gefühl von Tiefe im Bild wird durch die Linienführung verschiedener Komponenten auch nicht enttäuscht. Ich finde nichts Negatives an dem Bild.

  4. Ronny
    schrieb am 21. März 2011 um 18:48 Uhr (#)

    Mir gefällt die Bildgestaltung und Bearbeitung sehr gut. Neben dem schon angemerkten “Metalldraht”, welchen ich auch entfernen würde, finde ich die Vignettierung irgendwie zu gleichmäßig – ist nur so ein Gefühl!

  5. Johannes
    schrieb am 22. März 2011 um 00:26 Uhr (#)

    Hallo,
    ersteinmal vielen Dank für die Bildkritik, Robert.
    Sie hat mir weiter Mut gemacht auch an der Landschaftsfotografie dranzubleiben.
    Danke auch den Kommentatoren für ihre Anmerkungen.
    Ab und an fehlt einem doch der manchmal nötige Abstand zum Bild.

  6. Daniel
    schrieb am 23. März 2011 um 21:38 Uhr (#)

    Da ich diesen Sommer ganz in der Nähe vom Kap ein paar Tage Urlaub verbringen werde, wird’s mich wohl nun auch an diese Stelle ziehen und mir die Kamera hervor zaubern.

    Ja, der Draht. Der fiel mir auch zuerst ins Auge. Ein störendes Element – ohne Frage. Die Vignette… Ich weiß nicht, ohne wäre es auch irgendwie nicht so prickelnd. Vielleicht hätte ich links noch etwas mehr Meer ins Bild gebracht, sodass die Vignette nicht nur das Subjekt umrahmt und ein wenig ungleichmäßiger wirken würde. Vermutlich würde dadurch aber der Blick aufs Wesentliche zu sehr aus dem Fokus gerückt werden.

    Das Bild ist richtig gut. Die Langzeitbelichtung lässt den Mythos des Nordischen wie im Nebel wirken. Wirklich klasse.

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