Meeresufer-Dynamik:
Aggregatszustand undefiniert

Wasser ist ein hervorragendes Objekt, um die Rolle der Zeit in der Fotografie zu nutzen. Die Entscheidung für eine «dünne» oder «dicke» Zeitscheibe im Bild hat entscheidende Auswirkungen auf seine Wirkung.

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Horst Bottner).

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Horst Bottner).

Kommentar des Fotografen:

Das Foto zeigt einen kleinen, mit Tang bewachsenen und von Brandung umspülten Felsen an der Grand Anse auf der Insel Grenada. Es ist Teil einer Serie, die bei unterschiedlichen Lichtverhältnissen aufgenommen wurde. Die Location habe ich zufällig bei einem Spaziergang entdeckt. Es ging eine derartige Faszination davon aus, dass mich die in der Dämmerung überaus aktiven Sandflies nur wenig beeindrucken konnten. Zusätzlich zu den aufgeführten Metadaten wurde ein Stativ und ein Polfilter verwendet.

Peter Sennhauser meint zum Bild von Horst Bottner:

Eine Reihe von giftgrünem Tang bewachsener schwarzer Felsen an einem Sandstrand wird von einer Welle überspült. Das Meerwasser spritzt im Bogen von der hinter den Felsen liegenden Brandung in den Bildvordergrund des Sandstrands.

Wasser ist ein überaus spannendes Objekt für die Fotografie, weil es den Zusammenhang von Zeit und Bewegung darstellen lässt:

Je nach Dauer der Aufnahme scheint es in einen anderen Aggregatszustand versetzt zu werden. Langzeitaufnahmen machen aus bewegten Wasseroberflächen wattigen Nebel, sehr kurze Verschlusszeiten lassen die Tropfen der Gischt zu vermeintlich knallharten Glaskugeln werden.

Damit ist auch das angesprochen, was ich für das Problem Deiner Aufnahme halte: Die Bandbreite der Verschlusszeiten und ihrer Wirkung ist sehr gross. Im Fall dieser Aufnahme allerdings ist sie entweder zu kurz oder zu lang – je nachdem, welche Wirkung Du erzeugen wolltest.

Eine 30stel Sekunde sorgt dafür, dass in der spritzenden Gischt ein gewisses Mass an Bewegungsunschärfe erkennbar ist; sie vermag aber aus den Wasserspritzern noch keine neue Form zu machen, die uns packen würde – es wirkt vielmehr einfach wie unscharfes Wasser. Das Problem daran ist, dass die Felsen nicht deutlich genug dein Hauptmotiv und das Wasser mehr als nur Begleitumstand ist.

Viele Langzeitaufnahmen beeindrucken dadurch, dass sie die Wasseroberfläche, die in unserem alltäglichen Sehen automatisch zum Subjekt wird, das alles andere an den Rand drängt, eben plötzlich die Statistenrolle einnehmen muss und das, was sonst nur Eingrenzung ist, in den Vordergrund tritt. Es sind Betrachtungen der Welt aus der Zeitdimension der Steine, sozusagen.

Das gelingt hier nicht ausreichend.

Etwas anderes wäre entstanden, wenn Du die Verschlusszeit noch deutlich weiter verlängert hättest – angesichts der aktuellen Kameraeinstellungen von Blende 22 bei 200 ISO wohl nur mit Neutralgrau- zusätzlich zum Polfilter oder ganz einfach dem Abwarten auf den Sonnenuntergang möglich -, um das Spritzwasser durch noch mehr Bewegungsweg zu einem «neuen Körper» werden zu lassen.

Der umgekehrte Effekt hätte darin bestanden, die Verschlusszeit zu verkürzen und das Bild auf die Spritzer zu konzipieren, die bei Zeiten jenseits der Tausendstel-Grenze zu kristallklaren Objekten geworden wären. Aber Dir ging es ja nicht um das Wasser, sondern um die Felsen. Für diese Wirkung beim Betrachter ist das Wasser noch zu dominant. Das Bild bleibt in der Zeitdimension des Wassers, will aber den Felsen zum Subjekt machen.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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