Glasreihen:
Abstrakter werden

Eine abstrakte Fotografie muss abstrakt sein – das heisst, sie darf nicht zu viel vom Inhalt preisgeben.

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Gabriela Seglias).

Kommentar des Fotografen:

Erst seit vier Monaten habe ich eine Spiegelreflex-Kamera und beginne SEHR langsam mit dem Fotografieren (und dem Verstehen). Unter anderem suche ich immer wieder mal Motive, die ich auf Postkarten-Grösse ausgedruckt in der Einstiegs-Runde meiner Workshops verwenden könnte, die also jedeR nach eigenem Gusto interpretieren bzw. zur Vorstellung der eigenen Person als „Eisbrecher“ verwenden kann. Bisher habe ich das mit gekauften Postkarten gemacht, vor ein paar Tagen habe ich zum ersten Mal meine eigenen Bilder ausgelegt. Dieses Bild wurde von einer Teilnehmerin ausgewählt, was mich erstaunte und erfreute, weil man nicht auf Anhieb erkennt, was es eigentlich ist. Gerade das gefällt mir daran, dass man mehrmals hinschauen muss, dass es ein „banales“ Motiv ist. Mir gefallen aber auch die Farben. Das Foto wurde im Frascati an der Bar aufgenommen.

Profi Stuart Schwartz meint zum Bild von Gabriela Seglias:

Am Anfang war gutes Licht – und ein gutes Auge. Jawohl, dies ist eine abstrakte Fotografie – aber nicht so, wie sie hier präsentiert wird. Wir sehen nämlich zu viel von der ganzen Szenerie, als dass wir es ein Abstrakt nennen könnten, also ist das erste, was ich tun werde, einen Beschnitt vorzunehmen, der es zum abstrakten Bild macht, und dann die Kritik fortsetzen:

Durch einen beherzten Schnitt wird das Bild erst abstrakt.

Nach dem Cropping wirkt das Bild durch das rückwärtige Licht in den Gläsern spannend. Das Hintergrundlicht schafft einen interessanten Kontrast, die Formen und Tonwerte, die wir präsentiert erhalten, werden provokativer (ich habe ausserdem den Kontrast verstärkt).

Das Geheimnis heisst: Nicht zu viel Information mitliefern, wenn man ein eine Aufnahme als abstrakte Fotografie präsentieren will. Der Kontrast im Licht erhöht den Spannungswert des Bildes.

Lass mich etwas zu dem Auge sagen, welches dieses Bild gesehen hat: Ein gutes Auge. Hier liegt ein alltäglicher Anblick vor, der interessant eingefangen wurde. Perspektive und Blickwinkel erlauben uns eine Vision, welche die meisten von uns verpasst hätten. Die Schärfentiefe ist perfekt gewählt, indem sie uns nicht zu viel verrät und dadurch den Blick in den Vordergrund zum Subjekt zieht. Die Diagonale der Gläserreihe und die Linien auf der Bar verstärken die Komposition. Dabei wird der Effekt durch den Beschnitt dramatisch verstärkt.

Ich suche immer eine bessere Version für jedes vorliegende Bild. Mit dem Schnitt und der Kontrastverstärkung wird diese Aufnahme mysteriöser: Es handelt sich noch immer um Gläserreihen auf einer Bar, aber sie sind nicht mehr sofort erkennbar. Denn wie gesagt: Ein abstraktes Bild sollte wirklich abstrakt sein.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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