Fashionfotos:
Gegenüberstellung

Zwei mal fast identische Fotos mit gleicher Komposition und sehr ähnlicher Pose von verschiedenen Fotografen. Die Wirkung ist jedoch unterschiedlich. Woran liegt das?

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Laura Steiner).Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Patryk Bafia).

Kommentare der Fotografen:

Laura Steiner, links

Cooles Fashionshooting mit Sara im Boyfriend-Look

Patryk Bafia, rechts

Das ist mein Sohn, Quentin. Dieses Bild ist bei einem Outdoor-Shooting mit Quentin entstanden.Ich sah diese Wand und es passte wie angegossen zu seiner Kleidung. Pose sollte ganz locker und cool aussehen.

Profi Robert Kneschke meint zu den Bildern von Laura Steiner und Patryk Bafia:

Beim Stöbern durch die eingereichten Fotos für die Bildkritiken bin ich auf zwei Fotos gestoßen, die innerhalb von drei Tagen von einem Fotografen und einer Fotografin unabhängig voneonander eingereicht worden waren.

Beides sind Fashionfotos, und beide Fotografen schrieben in den Kommentaren, dass der Look „cool“ wirken solle. Das Erstaunliche an den Fotos ist, dass sie sich sehr ähnlich sehen. Trotzdem wirken sie sehr verschieden:

Dieser Widerspruch reizte mich, und deshalb bespreche ich das erste Mal zwei Fotos gemeinsam. Warum unterschieden sich beide Fashion-Fotos trotz ihrer Ähnlichkeit so sehr in der Wirkung?

Das erste Foto von Laura Steiner ist ein eher „klassisches“ Fashion-Foto. Eine junge, hübsche Frau im – wie die Fotografin schreibt – „Boyfriend-Look“. Betont lässig mit leicht arrogantem Blick schaut sie in die Kamera. Die schräge Kamerahaltung soll die Coolness betonen.

Trotzdem geht es nicht ganz als Fashion-Foto durch. Der Boyfriend-Look soll laut Definition so wirken, als hätte die Frau die Kleidung ihres Freundes mal schnell übergeworfen. Aber weder die High-Heels noch der Blazer sind männlich, und nur die kaputte Jeans allein macht noch keinen Boyfriend-Look. Vor allem, weil sich Männer (unter einem bestimmten Alter) nie das Shirt in die Jeans stopfen würden.

So wirkt das ganze Foto leider nur wie eine unfreiwillige Parodie auf die Fashion-Fotostrecken in den Hochglanz-Modemagazinen, wo ein ganzes Team von Stylisten und Visagisten dafür sorgt, dass solche Details stimmig sind.

Vergleichen wir das mit dem zweiten Foto von Patryk Bafia. Hier lehnt der junge Sohn des Fotografen ebenso lässig an der Wand, das Basecap in den Nacken gedreht, den Stock zum Spielen noch wie zufällig in der Hand.

Auch wenn das Kind wahrscheinlich keine Designerin als Mutter hat, die es einkleidet, passt jedoch die rote Latzhose zu den roten Schuhen und der geringelte Pullover sowohl farblich als auch vom Muster zu den Socken.

Die Linien und das Rötliche der Kleidung findet sich in den Graffiti an der Wand wieder, und das Silberne der Wand lässt den Jungen gut vom Hintergrund hervorstechen. Kurzer Blick aufs erste Bild: Der dunkle Blazer verschmilzt fast mit den schwarzen Fliesen.

Der Sohn nimmt eine fast ebenso coole Haltung ein wie das Fashion-Model, durch seine kindlichen Proportionen (Kindchen-Schema) wird Hier die Coolness durch Niedlichkeit konterkariert.

Während das erste Foto einer unfreiwilligen Parodie gleicht, würde das zweite Foto fast als absichtliche Parodie auf die Modefotos durchgehen, eben weil die Details besser passen.

Genau das macht den Unterschied in der Wirkung aus: Einmal wurde etwas angestrebt, aber nicht erreicht, das andere Mal wurde etwas erreicht, was nicht angestrebt wurde.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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2 Antworten
  1. Uwe S says:

    Eine gute Idee, wenn es passt, auch mal eine Gegenüberstellung zu wagen. Mir gefällt, dass im Vergleich die wesentlichen Aspekte der Bildgestaltung mehr ins Auge fallen und technische Spielereien dort, wo sie keine Rolle spielen, nicht überbewertet werden. Danke.

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  2. jan says:

    Schief kann schön sein, aber gerade beim zweiten Bild wird das Kind m.E. durch die Wand erdrückt, etwas weniger wäe m.E. mehr gewesen, ansosnten wieder eine gut nachvollziehbarer Kritik. Danke, Jan

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