Dokumentation:
Dramatisierte Queen

Um die schiere Grösse von Objekten zu dokumentieren, ist ein klarer Masstab nötig – und ein Normal- oder Weitwinkelobjektiv auf grosse Distanz eine unglückliche Wahl.

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© René Quint).

Kommentar des Fotografen:

Das Foto ist im Rahmen des Hamburg-Besuchs der Queen Mary II am 04.05.2011 entstanden. Ziel war es grundsätzlich die Mons der Queen darzustellen. Dies wird schon durch die davor liegenden Versorgungsschiffe sehr schön deutlich. Die Ausarbeitung der Wolken soll diese „bedrohliche“ Größe durch eine künstlich geschaffene Dramatik unterstützen. Gleichfalls wählte ich aus diesem Grund eine tiefe Kameraposition hinter Steinen, um dem Betrachter unbewußt das Gefühl zu geben, ich hätte mich dahinter versteckt. Den zusätzlichen Eindruck von Enge und Bedrohlichkeit bringt der lediglich enge Fluchtkanal zwischen Wolken und Steinen, deren Begrenzungslinien aufgrund der absichtlich so gewählten Steinposition parallele Verläufe andeuten. Die Steine habe ich nicht zusätzlich bearbeitet, sie sind durch die Kombination aus Brennweite und Objektivabstand entstanden.

Peter Sennhauser meint zum Bild von René Quint:

Die majestätische Queen Mary II ist in diesem Bild im Hafen von Hamburg zu sehen. Im Vordergrund sind in der Unschärfe einige Felsen zu erkennen, dahinter erstreckt sich eine wasserfläche, in der schliesslich die Queen am Pier liegt, umgeben von kleinen Versorgungsschiffen. Über der Szene türmen sich Häufchenwolken.

Kein Zweifel, sie ist ein majestätisches Schiff, und Du hast einen guten Standort gewählt, um die Queen Mary II in ihrer vollen Pracht abzulichten. Ob allerdings Deine insgesamt recht anspruchsvollen und komplexen Absichten zur Bildaussage aufgehen, wage ich zu bezweifeln:

Das grösste Hindernis ist meiner Ansicht nach das gewählte 35mm-Objektiv auf eine solch grosse Distanz. Mit dem APS-C-Sensor der Canon EOS 7D ist es zwar fast ein Normalobjektiv mit einem KB-Äquivalent von etwas mehr als 50mm.

Trotzdem sind diese Brennweiten nicht sehr gut geeignet, um die Kolossalität eines Motivs, das verhältnismässig weit weg ist, darzustellen.

Etwas anderes wäre es, wenn man beispielsweise mit dem Weitwinkel dicht an das Schiff heranginge und den sich hochwölbenden Rumpf das Foto ausfüllen liesse – was aber logischerweise auf Detailaufnahmen hinausliefe.

Umgekehrt hätte ich mir vorstellen können, dass Du von Deinem Standpunkt aus mit einem Tele die Queen und die davorliegenden Versorgungsschiffe herangezogen und so in einen direkteren Kontext gebracht hättest. Das könnte auch mit einem Ausschnitt passieren, auf dem ein Versorgungsschiff vor der den Rest des Bildes sich hochtürmenden Wand der Queen liegt.

Hier zeigst Du mir das Schiff in seiner vollen Pracht, aber die Grössenvergleiche gehen daneben eher unter, als dass sie die Ausmasse anzeigen. Um ehrlich zu sein, kann ich auch mit den Felsen im Vordergrund nur wenig anfangen – der Zusammenhang zwischen Grösse und versteckter Beobachtung erschliesst sich mir nicht.

Ich kann gut verstehen, dass Du dieses Schiff in seiner vollen Würde und Grösse präsentieren wolltest und dazu alle Mittel angewendet hast, die es gab – und wahrscheinlich gehörte die optimale Komposition mit dem optimalen Standpunkt in optimaler Nähe (was ja wohl auf einem Boot in halber Distanz zur Queen gewesen wäre) nicht dazu.

Aber manchmal müssen wir mit dem leben, was unter den Umständen möglich ist – und das gilt vor allem für Dokumentar-Fotografie. Wenn wir danach aus dem Bild mit allen Mitteln etwas zu machen versuchen, was in erster Linie die Komposition hätte zum Ausdruck bringen müssen, entfernen wir uns oft stärker vom Ziel, als dass wir uns ihm nähern.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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