Sportfoto:
Geschwindigkeit in Bildern zeigen

Die Fotografie friert die Zeit ein. Aber wie sie das genau tut, entscheidet der Mensch am Auslöser. Und er entscheidet damit über die Wirkung von Bewegung und Stillstand.

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Patrick Kittel).

Kommentar des Fotografen:

Aufgenommen beim Slalom Ski Weltcup. Kurze Verschlusszeit, um eine hohe Schärfe zu erhalten, und eine große Blende, um den Hintergrund verschwimmen zu lassen.

Profi Martin Zurmuehle meint zum Bild von Patrick Kittel:

Es gehört zu Wesen der Fotografie, dass sie die Zeit anhält. Anders als unsere Augen, die eher wie eine Videokamera funktionieren, schneidet die Fotografie eine „Zeitscheibe“ aus. Wie wir das machen entscheidet darüber, ob die Geschwindigkeit im Bild angedeutet wird. Die von Patrick Kittel gewählte Methode kann die hohe Geschwindigkeit des Skifahrers aber nur teilweise verdeutlichen.

Als Fotografen sind wir nicht in der Lage, den dreidimensionalen Effekt einer schnellen Bewegung genauso wiederzugeben, wie wir es selbst sehen und erleben. Um Geschwindigkeit in Bildern zu zeigen benötigen wir „Symbole“:

Wir können zum Beispiel mit einer langen Belichtungszeit die sich bewegenden Bereiche verwischen lassen und so einen Geschwindigkeitseffekt erzielen. Je stärker die Verwischung wird, desto schneller erscheint uns die Bewegung zu sein.

Patrick Kittel wählt bei seiner Aufnahme eine andere Strategie. Er „friert“ durch eine kurze Belichtungszeit die Bewegung ein und ermöglicht uns so, einen ganz kurzen Teil einer schnellen Bewegung zu erkennen. Diese Strategie ist gut und sinnvoll, wenn wir dadurch etwas sehen können, was sonst unseren Augen verborgen bleibt (zum Beispiel aufspringende Tropfen auf einer Wasserfläche, Geschosskugeln im Flug). Hier allerdings zeigt uns sein Bild nichts Neues, weil wir diese Bewegung des Skifahrers, dank unseren mit bewegenden Augen, durchaus so sehen können. Der Geschwindigkeitseindruck wird deshalb nur durch die Schneewolke hinter dem Skifahrer angedeutet.

Die kleine Schärfentiefe ist gut gewählt, denn die führt den Betrachter auf das Motiv und betont es so. Die Lage der Aufnahme ist geschickt gewählt, so dass der Skifahrer vor einem neutralen Hintergrund liegt und die unscharf gezeigten Leute im Hintergrund alle separat auf der gegenüberliegenden Seite stehen. Diese geben einen Ortsbezug und verdeutlichen das Ereignis. Störend ist hingegen die blaue Stange in der Mitte, die keinen Beitrag zum Bild liefert und den Betrachter ablenkt. Die Lage des Skifahrers auf der linken Seite ist richtig gewählt, denn er erhält so genügend Raum in der Bewegungsrichtung.

Um die hohe Geschwindigkeit des Skifahrers zu zeigen, wäre aber eine andere Strategie zielführender gewesen. Dazu hätte Patrick Kittel seine Kamera auf eine längere Belichtungszeit (z.B. 1/60 sek) stellen müssen, um dann in der gleichen Geschwindigkeit wie der Skifahrer die Kamera bei der Aufnahme mit zu schwenken und auszulösen. Dadurch wird der Skifahrer scharf abgebildet, während der Hintergrund stark verwischt (Mitziehtechnik). Solche Aufnahmen sind nicht einfach zu realisieren, und es braucht viele Versuche, bis es klappt. Dann aber entstehen Bilder, die die Geschwindigkeit visuell sehr stark und kraftvoll zeigen und eine starke Wirkung auf den Betrachter erzielen.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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