Konzeptfoto:
Die monochrome Birne

Ein neues Kunstwerk steht selten im luftleeren Raum, sondern muss sich – und manchmal will es auch – dem Vergleich mit und der Einordnung in bestehende kunstgeschichtliche Epochen und Stile stellen. So lassen sich auch gut Stärken und Schwächen eines Werkes – hier ein Foto – erkennen.

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Moritz Wörle).

Kommentar des Fotografen:

Dieses Bild ist eines von drei Stillleben, die ich für meine Bewerbungsmappe beim Lette-Verein erstellt habe. Aufgabe war es, drei Stillleben zu erstellen die den Betrachter sensibilisieren sollen in Bezug auf Pestizide, Verunreinigungen oder Gifte. Meine Idee war es, ein Bild zu gestalten, das in sich bereits einen extremen Kontrast besitzt. Auf der einen Seite die „perfekte“ Birne. Und dann die andere Hälfte, wo es von Würmern nur so wimmelt.

Profi Robert Kneschke meint zum Bild von Moritz Wörle:

Dieses Foto fasziniert vor allem aus zwei Gründen. Zum einen ist es das Motiv. Eine saftige Birne auf der seinen Seite, eine Birnenhälfte voll mit wimmelnden Maden auf der anderen. Da verschluckt man sich fast an dem Wasser, was einem erst im Munde zusammengelaufen ist.

Gute Kunst lebt von solchen Reaktionen, und hier bettet sich das Foto sogar mit einem Kunstgriff in zwei historische Strömungen ein:

Im Barock erlebte die Stillleben-Malererei ihren Höhepunkt, auf dem sich innerhalb dieser Sparte noch mal mehrere Nischen bildeten. Eine davon waren Stillleben von Mahlzeiten, üppig gedeckte Tische mit Speis und Trank, eine weitere waren Vanitas-Stillleben, welche viele symbolgeladene Objekte zeigten, welche für Tod und Verfall standen.

Innerhalb der Mahlzeiten-Stillleben lassen sich noch mal mehrere Untergruppen bilden, von denen die „monochromen Bankettbilder“ uns hier am meisten interessiere wollen. Bei diesen Bildern stand nicht der opulent gedeckte Tisch im Mittelpunkt, sondern der Fokus lag auf einer oder wenigen Zutaten, die farblich sehr ähnlich (monochrom) gehalten waren. Zusätzlich spielte der Vanitas-Gedanke hier auch stärker als in anderen Mahlzeiten-Stillleben eine Rolle.

Genau in diesem Stil ist das Foto arrangiert und beleuchtet werden, weshalb nicht nur der Ekel-Faktor, sondern auch der kunsthistorische Rahmen beachtenswert sind.

Wenn diese hohe historische Messlatte angelegt wird, sind jedoch einige Punkte zu kritisieren. Zum einen sind Anschnitte verpönt gewesen, die paar Zentimeter Brett an beiden Rändern hätte noch mit ins Bild gepasst. Außerdem ist die Beleuchtung im Vergleich zu den Malereien etwas zu hart und der Beschnitt (vor allem oben) könnte enger sein. Wären das Brett vollständig zu sehen gewesen, hätte sich vielleicht sogar ein quadratisches Format empfohlen.

Insgesamt aber ein solides Foto, welches auch das selbstgesteckte Ziel, auf die Gefahr durch Pestizide aufmerksam zu machen, dezent erreicht.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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7 Antworten
  1. R. Kneschke says:

    @Corinne:
    In dem von mir verlinkten Text zur Stilart der „monochromen Bankette“ ist ausdrücklich die Rede davon, dass die Reduzierung der Objekte zum Stil gehört.

    Ansonsten: Kevin Shot ist natürlich schwer zu toppen, würde ich aber eher bei den flämischen Mahlzeitenstillleben einordnen.

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  2. CorinneZS says:

    Bei Stilleben sehe ich sofort die genialen Fotos Kevin Shots vor mir (siehe unbedingt http://www.bestshots.com.au). Sie vereinen mega-viel Wissen mit unglaublichem Können, Humor inkl. – für mich praktisch das Paradies auf Erden. Um den Zusammenhang zum hier besprochenen Bild sprachlich zu fassen: Ich erwarte eine etwas ausgeprägtere Opulenz beim Stilleben als bloss die ziselierte Gabel (der ich im Übrigen unterstelle, dass sie zum Fleischessen ist und von einer Birne wenig hält). Oder anders: Von diesem guten Bild zu einem herausragenden ist es ein machbarer kleiner Schritt. Hopp!

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  3. R. Kneschke says:

    @Sven: Sagen wir es so: Ich habe auf der Webseite die anderen Vorschläge des Fotografen zum Pestizid-Thema gesehen, die ich jedoch weit weniger überzeugend fand.

    Ich gebe zu, dass das Pestizid-Thema auch bei diesem Bild nicht so deutlich wird wie es hätte sein können. Deswegen richtet sich meine Besprechung auch mehr in Richtung der „klassischen“ Vorbilder.

    Du kannst Dir die anderen Versionen selbst anschauen, wenn du oben auf den Link bei seinem Namen klickst. Ich bin mir sicher, dass das Birnenfoto mehr Anklang beim Lette-Verein finden würde als die anderen.

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  4. Swonkie says:

    Wenn es um Sensibilisierung bez. Pestiziden geht wäre es wohl sinnvoller den Ort der Anwendung der Pestizide zu zeigen, oder zumindest negative Folgen in irgendeiner weise. Beim Produkt (hier die Birne) sollten Pestizide ja wenn, dann nur positive Auswirkungen haben (frei von Schädlingen).
    Hier handelt es sich deshalb meiner Meinung nach eher um ein Pro-Pestizid Bild ;)

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    • Sven Hirthe says:

      Das hast du nun aber sehr großzügig herein interpretiert weil es eine Vorgabe war.
      Und du hast ja sehr schön ausgeführt das die negativen Gedanken eher mit der „Wurmbirne“ assoziiert werden.
      Wahrscheinlich ist ein komplexerer Bildaufbau nötig um ein so schwieriges Thema anschaulich darzustellen.

  5. Sven Hirthe says:

    Also egal wie ich es drehe und wende. Wie macht das Bild den in irgendeiner Weise auf den Missbrauch von Pestiziden aufmerksam?
    Ein interessantes Bild, aber ich finde nur weil im Stillleben eine Birne und ein paar Mehlwürmer?! vorkommen bringt mich das noch lange nicht auf Pestizide.

    Grüße
    Sven

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