Naturfotografie:
Bedingungen sind relativ

Was sind “gute Bedingungen”? Für Fotografen gelten andere Massstäbe als für Touristen. Zur richtigen Einstellung gehört deswegen auch die richtige Ausrüstung, um aus dem Regenmorgen eine fotografische Party zu machen.

Ladybird Johnson Grove, Redwood Ntl. Park, Nordkalifornien (© Peter Sennhauser)

Ladybird Johnson Grove, Redwood Ntl. Park, Nordkalifornien (© Peter Sennhauser)

Meine Finger sind klamm, die Ärmel des dünnen REI-Jäckchens kleben bis zu den Ellenbogen an meinen nassen Armen. Die Kapuze meines Ponchos ist in der Mitte gerissen. Der prasselnde Regen läuft an der Plastikhaut ab und durchnässt meine leichte Nylon-Outdoor-Hose vom Knie an abwärts.

Ich nehme den Objektivdeckel ab, schütze die Frontöffnung mit der linken notdürftig gegen Regentropfen und wische schimpfend den Polfilter ab, der sich vor dem kalten Objektiv permanent beschlägt.

Da kommt Workshop-Leiter Don Smith auf dem Waldpfad um die Ecke und ruft mir begeistert zu: “Wir bleiben eine Stunde länger – die Bedingungen sind einfach grossartig!”

Gelbe Blüten im Redwood

Gelbe Blüten im Redwood

Waldlilie im Regen

Waldlilie im Regen

Optimale Bedingungen? Klar: Licht und Wind. Ersteres ist sagenhaft weich und gedämpft, letzterer ist fast gar nicht vorhanden: Um uns herum breitet sich der Ladybird Johnson Grove des Redwood National Parks im höchsten Norden von Kalifornien in seiner vollen Pracht und genau jenen Bedingungen aus, welche diese unvergleichlichen Bäume hier wachsen lassen. Das Grün der jungen Büsche und Farne leuchtet, das Braun der Redwood-Giganten bietet einen schönen Kontrast und der zwischen ihnen durchziehende Nebel sorgt für Tiefenschichtungen, wie man sie sich nicht besser wünschen könnte. Wäre nicht der Regen (der durchaus auch Anlass für hervorragende Fotos sein kann), der früh morgendliche Ausflug wäre insgesamt ein Genuss – so ist er es vor allem fotografisch.

Die ganze Workshopgruppe hat sich auf dem Wanderpfad von anderthalb Meilen Länge verteilt und ist in die Anblicke und die Fotografie der Urwaldlandschaft vertieft. Alle kämpfen dabei mit der Unbill des Wetters – einige mit professionellen Covers für die Kamera, im Outdoor-Parka und mit Regenhaube über dem Fotorucksack; andere – wie der zweite Workshopleiter Gary Hart, der erfahrenste unter uns Landschaftsfotografen – mit Schlapphut, Regenschirm und einem Abfallsack, den er zwischen den Fotostopps, bei denen er die Kamera im Schutz des Schirms einrichtet, immer wieder über das Gerät stülpt.

Regenfotografen in Nordkalifornien...

Regenfotografen in Nordkalifornien...

Von Profis wie ihm lernt man am schnellsten, welche Anschaffungen sich lohnen und welche nicht. Dabei finde ich es besonders erfrischend, dass sich abgesehen vom optischen Equipment meistens einfache, preiswerte und in jedem Supermarkt erhältliche Ausrüstungsgegenstände als bewährte Lösung erweisen.

  • Der billige Poncho, den ich für solche Notfälle in der Fototasche habe, erwies sich die erste halbe Stunde als ganz praktisch. Aber spätestens für Perspektiven, bei denen man auf die Knie muss – und nach einer Stunde im strömenden Regen – erweist er sich als weniger wasserdicht als die Regenanzüge, die meine Kameraden unten auf dem Parkplatz übergestreift haben.
  • Eine Kapuze an der Jacke schützt zwar auch im Wind vor Regen, aber sie schränkt das Sichtfeld ein, und ich muss auf der Jagd nach starken Szenen immer wieder mit einer Hand die Kapuze mitdrehen. Garys breitkrempiger Hut bietet etwa gleichviel Schutz bei ungleich mehr Kopfdreh-Freiheit.
  • Die Wegwerf-Regenhülle von OP Tech für die Kamera, die ich bisher erst theoretisch getestet habe, versieht ihren Dienst mit Bravur und erweist sich, weil durchsichtig, als höchst praktisch: Ich kann sogar den Schlauch, der das Objektiv verdeckt, vorne geschlossen lassen und mein Bild zunächst grob durch den Klarsicht-Plastik hindurch komponieren, was das Risiko von Regentropfen auf dem Frontglas reduziert.
  • Das Pump-Zoom verringert zwar meine Ausrüstungsschlepperei und hat es mir ermöglicht, den Rucksack mit den Festbrennweiten im Auto zu lassen. Aber das ein- und ausfahrende Objektiv des Nikkor 18-200mm macht die Befestigung des Kamera-Regenschutzes mühsam. Ich erkenne einen weiteren Vorteil für die weitaus teureren 2.8-Zooms ohne bewegte Aussenteile (und ein Argument mehr für ihre Anschaffung).
  • Die Sonnenblende für das Objektiv, die ich nie mit mir rumschleppe, würde nicht nur zur Befestigung der Regenhülle gute Dienste Leisten, sondern auch als “Vordach” für leicht aufwärts gerichtete Kompositionen namentlich im Hochformat – in einem Wald voller Mammutbäume ja eine sinnvolle Perspektive – die Arbeit erheblich erleichtern.
  • Der Polfilter reduziert zwar das gedämpfte Licht um weitere zwei Blenden. Aber das ist erstens dank der Windstille (Stativ ist ohnehin Pflicht) kein Problem, und zum anderen lerne ich hier blitzschnell, wie unabdingbar der vermeintliche Schönwetter-Filter mitten im dunklen Wald ist: Das regennasse Blattwerk lässt sich mit einem Dreh fast völlig entspiegeln, die Blätter werden grün statt gleissend weiss. Dazu bald mehr in einem eigenen Posting.
  • Um den Schirm, über den ich anfänglich gelächelt habe, beneide ich Gary übrigens sehr schnell. Er hat ihn nämlich nur geöffnet, wenn er ein Bild komponiert – und kann dabei ungeniert die Kamera ausrichten, ohne Tropfen auf dem Glas einzufangen – zum Auslösen klemmt er ihn entweder kurz zwischen Schulter und Arm oder legt ihn sogar beiseite. Es gibt auch Schirmhalter fürs Stativ; schon bei leichtem Wind machen sie als Segel aber das Dreibein zum fliegenden Holländer.
  • Dass ein Mikrofasertuch, und zwar ein grosses, das länger trocken bleibt, sehr viel bessere Dienste leisten würde als das Papiertuch, mit dem ich meine Linse ständig trocken zu wischen versuche, kapiere ich spätestens, als es sich langsam in seine Einzelteile zerlegt.

Alles in allem war es ein erlebnisreicher, wunderschöner Morgen – fotografisch betrachtet. Nach zwei Stunden klatschnass im Auto sitzend, erhob ich die geschilderten Erkenntnisse rasch zum Beschluss, einen leichten Regenanzug, einen Hut und einen Schirm für die Fotografie anzuschaffen. Denn die besten Bedingungen für Landschaftsfotos sind meistens nicht deckungsgleich mit den besten Bedingungen für den Fotografen inmitten der Elemente.

 

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2 Kommentare

  1. Ein toller Artikel mit sehr viel Wahrheit … Die Fotografie in einem Wald lohnt sich eigentlich wirklich nur, bei Regen oder kurz nach einem kräftigen Schauer. Die Farben und die Atmosphäre sind dann wirklich eine ganz andere und es gibt auch weniger Probleme mit den sonst sehr unterschiedlichen Lichtverhältnissen.

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