See-Ufer in HDR:
Effekte statt Bilder

Technische Effekte wie High Dynamic Range schaffen neue Möglichkeiten für Digitalfotografen. Dazu gehört leider auch, falsche Akzente zu setzen.

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Thomas Pfenninger).

Kommentar des Fotografen:

Habe ich kurz vor einem Gewitter aufgenommen. HDR Bild aus drei verschiedenen Belichtungen. Mich fasziniert vor allem die Wasserspiegelung unten im Bild.

Peter Sennhauser meint zum Bild von Thomas Pfenninger:

Ein Holzsteg führt aus der Bildmitte dieser Aufnahme frontal durch Schilfbüsche hinaus auf einen See, dessen gegenüberliegendes Ufer unter einem drohenden grauen Wolkenband liegt.

Die Revolution der Digitaltechnik in der Fotografie liegt nicht in neuen Effekten – auch wenn es die eine oder andere gibt, die herkömmlichen Fotografen bisher so nicht zur Verfügung stand, wie HDR – sondern in erster Linie darin, dass faktisch alle Möglichkeiten, die man früher mit viel Zeit- und Materialaufwand erlernen musste, auf Mausklick zur Verfügung stehen. Das ist Segen und Fluch zugleich, und hier zeigt sich der Fluch:

Viele Anfänger tendieren aufgrund der unendlichen technischen Möglichkeiten dazu, in der Nachbearbeitung zu versuchen, mit einer Vielzahl von Effekten aus einem mittelmässigen oder schlechten Bild ein ansprechendes zu machen. Ich habe noch kein Beispiel gefunden, in dem das gelungen ist.

Ich habe Dein Bild ausgewählt, weil ich es gar für ein Beispiel des Gegenteils halte: Hier wurde ein durchaus passables Bild kaputt-effektiert. Denn die Komposition, die Stimmung, das Licht und das Motiv sind nicht schlecht; die Rahmung der Sicht über den Steg durch die Schilfbüschel verschafft einem Blick etwas Räumlichkeit, die tief hängenden Wolken sorgen für Stimmung, und der noch im Bild abgebrochene Steg wirft Fragen auf.

Das gilt aber auch für die Aufnahmetechnik – es ist mir nicht klar, warum Du die Aufnahme mit weit offener Blende gemacht hast, wo Deine Absicht doch offensichtlich in einer durchgehenden Schärfe lag, zum Beispiel – sonst hättest Du einen eindeutigeren Vordergrund gewählt.

Aber der eigentlich Stein des Anstosses ist die unnötige und das Bild ausbrennende Umsetzung als HDR. Dafür gibt es keinerlei Grund: Bei bewölktem Himmel sind die Kontrastunterschiede nur selten grösser als die ungefähr sechs Blendenstufen, die der Sensor zu erfassen vermag – und der Haupteinsatzzweck von HDR besteht darin, einen grösseren Kontrastumfang (von Bildbereichen in gleissendem Sonnenlicht bis zu tiefschwarzen Schatten) aus mehreren, verschieden belichteten Aufnahmen in die Kontraststufen der digitalen Bilddarstellung zu „komprimieren“. In dieser Szene wäre das aber überhaupt nicht nötig gewesen, mit einer korrekten Belichtung hättest Du alle Tonwerte von weiss bis Schwarz in das Bild gekriegt – mit einer Aufnahme.

Das Resultat der HDR-Berechnung ist entsprechend herausgekommen: Die völlig ausgebrannten Flächen im vorderen Teil des Stegs, einiger Schilfblätter und im Wasser lassen es wie den Abzug eines alten Negativs aussehen. Die Spiegelung, die Du ansprichst, kann ich nicht ausmachen, abgesehen davon, dass HDR-Prozesse mit bewegten Wasserflächen grosse Mühe haben, um nicht zu sagen, sie nicht bewältigen können.

Ich finde das deshalb sehr schade, weil Ansätze für eine gute Fotografie und eine enthusiastische Einstellung erkennbar sind, die Gewichtung auf die Effektspielerei sie aber übertönt. Du hättest an diesem Standort und bei dieser Stimmung eine Fülle spannender, überraschender Fotos im Weitwinkel- und im Telebereich machen können; mit dem Polfilter Spiegelungen nutzen oder aufheben, die Perspektive ändern, mit der Belichtung, Hoch- und Querformat spielen und sogar auf das Gewitter warten können.

Ich kann mich hier des Eindrucks nicht erwehren, dass Du den Wert der Szenerie erkannt oder erahnt, dann aber mit verhältnismässig wenig Zeitaufwand die Belichtungsreihe für ein HDR gemacht hast. Daran ist grundsätzlich nichts falsch ausser der Reihenfolge im Prozess: Bearbeite die Szene vor Ort, versuch, aus dem Motiv herauszufiltern, was Dich daran interessiert und was Du spannend findest, beschäftige Dich mit der Spiegelung vorne rechts, bevor Du abdrückst, und mach dabei, wenn Du es für nötig hältst, Belichtungsreihen.

Das gibt Dir die Möglichkeit, zu Hause am PC zuerst die besten Bilder mit den spannendsten Perspektiven und Komposition zu finden und dann, wenn man mit Effekten noch mehr herausholen könnte, diese anzuwenden. Die Umgekehrte Folge, bei der Du hinausgehst mit dem Vorsatz, „heute mach ich ein HDR-Bild“, führt fast nie zum Erfolg.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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