Landschaftsfotografie:
Das Bild im Kopf

Wenn ich an einer herrlichen, stimmungsvollen Stelle bin, die Ruhe und Schönheit geniesse, überlege ich mir oft, ob diese Stimmung auch im Bild rüberkommt.

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Renate Erker).

Kommentar des Fotografen:

Ich fand diesen Ort so schön mit viel Schatten und Licht. Ich hoffe, ein bißchen von der Ruhe und der Schönheit eingefangen haben zu können. :-))

Profi Thomas Rathay meint zum Bild von Renate Erker:

Renate hat wohl ein ähnliches Erlebnis gehabt. Sie war fasziniert von Licht, Schatten und eventuell auch noch von dem fliessenden Wasser. Auch die Form der Brücke passt sich gut ins Bild ein, ist doch auch hier ein Rundbogen zu erkennen, der gut mit den abgeschliffenen Steinen korrespondieren könnte.

Nur leider passiert alles dies nicht auf Renates Bild:

Es ist schon sehr schwer, den grossen Kontrast zwischen Licht und Schatten in einem Wald zu beherrschen. In einem ruhigen Waldstück könnte dieses Licht-Schatten-Spiel wirklich spannende Effekte bringen. Doch bedarf es dafür nichts weiter im Bild, was stört und um Aufmerksamkeit buhlt.

In Renates Wald befindet sich aber vieles, was gesehen werden will und auch gesehen wird. So viel, dass es sehr unruhig wirkt, es nichts wirklich Dominantes im Bild gibt, was unser Auge „festhält“.

Der helle Stein im Vordergrund hätte das Zeug dazu. Er könnte gut als wiederkehrendes Element mit dem Brückenbogen in Verbindung gebracht werden, doch stört der umgestürzte Baum zu sehr. Wenn dies nicht wäre und das Wasser auch im Bild fliessen würde, hätten wir eine kleine Geschichte in diesem Foto, und der Betrachter würde vom Stein zur Brücke wandern und darüber nachdenken, ob die Brücke vielleicht sogar aus den Steinen der Gegend gebaut wurde.

© Thomas Rathay: Wasser mit Stein

Meine Beispielbilder sind in Schweden während meines Outdoor-Foto-Workshops entstanden. Hier sollte auch die Stimmung im Wald eingefangen werden. Das fliessende, fast flauschige Wasser umschmeichelt den Stein und hält ihn trotz der hohen Tiefenschärfe noch als tragendes Element im Bild. Im linken wirkt das Wasser unruhiger, trotzdem wird der Blick durch das Licht und die Unschärfe zum Stein geführt. Beide Bilder strahlen nach meiner Meinung Ruhe aus und zeigen doch etwas von der „Wildheit“ der Landschaft.

Dem Bild von Renate etwas mehr Unschärfe oder ein ganz anderer Aufnahmestandpunkt gut tun, so ist dieses Bild sehr nichtssagend. Allerdings wird Renate in dem Bild immer noch die Ruhe des Ortes sehen und spüren… sie war auch dort vor Ort und hat ganz andere Erinnerungen.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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1 Antwort
  1. Dr. Thomas Brotzler says:

    Zunächst möchte ich der Rezension Respekt zollen dahingehend, daß eine wirklich konstruktive Kritik im besten Sinn des Wortes gepflegt wird: die Dinge werden beim Namen genannt, die konkreten Schwächen benannt und das gleichwohl vorhandene Potential aufgezeigt. Eine solche Herangehensweise wird womöglich schmerzlich für die Fotografierende sein, hat sie doch – wie der Eingangskommentar nahelegt – ihr Bild mit Herzblut gemacht und mit der hiesigen Veröffentlichung auf eine Bestätigung gehofft. Wenn die Fotografierende in ihren Ausdrucksmöglichkeiten wirklich weiter kommen will, wird sie nicht einfach – wie ritualisiert in den sogenannten Fotogemeinschaften erkennbar – die „ablehnende Kritik ablehnen und den Kritiker ignorieren“, sondern sich damit auseinandersetzen.

    Der Wald ist auch nach meiner Erfahrung wirklich ein außerordentlich schwieriger Motivbereich in der Fotografie, der den Anfänger schlichtweg überfordern kann. Wie kaum in einem anderen Motivbereich klaffen hier die vielfach außerordentliche Ergriffenheit vor Ort und die oftmals enttäuschende Banalität im Bild extrem auseinander. Das Waldthema weist – wie es schon in der Rezension anklang – eine Reihe von technischen und kompositorischen Schwierigkeiten auf. Es gilt also einerseits, sehr sorgfälig und klug mit dem Licht zu arbeiten und andererseits, aus der allfälligen Überladung eine schlichte und überzeugende Komposition herauszuholen.

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