Ai Weiwei:
Verflochtene Kanäle

Der chinesische Künstler Ai Weiwei ist präsent in allen Medien und Kunstformen. In Winterthur können wir uns Fotos und Videos von ihm ansehen.

Ai Weiwei: Provisional Landscapes (Provisorische Landschaften), 2002-2008

Ai Weiwei: Provisional Landscapes (Provisorische Landschaften), 2002-2008

“Interlacing” heißt die Ausstellung des Fotomuseums. Das heisst einerseits “verflechten” – die Verflechtung der vielen Kanäle und Formen. Andererseits weist es auf das technische Zeilensprungverfahren mancher Bildschirme hin.

Ai Weiwei: Dropping a Han-Dynasty Urn (Eine Urne aus der Han-Dynastie fallenlassen), 1995

Ai Weiwei: Dropping a Han-Dynasty Urn (Eine Urne aus der Han-Dynastie fallenlassen), 1995

Die Ausstellung stellt also den Kommunikator Ai Weiwei in den Vordergrund, den dokumentierenden, analysierenden, verflechtenden und über viele Kanäle kommunizierenden Künstler, teilt das Fotmuseum mit. Ai Weiwei hat bereits in seiner New Yorker Zeit während der Achtziger- und Neunzigerjahre fotografiert, vor allem aber seit seiner Rückkehr nach Peking unablässig die alltäglichen, städtebaulichen und gesellschaftlichen Realitäten in China dokumentiert und über Blogs und Twitter diskutiert.

Ai Weiwei: Fairytale 1 (Märchen), From Fairytale (Aus Märchen), 2007

Ai Weiwei: Fairytale 1 (Märchen), From Fairytale (Aus Märchen), 2007

Die Fotografien des radikalen städtebaulichen Wandels, der Suche nach Erdbeben-Opfern, der Zerstörung seines Shanghai-Studios werden zusammen mit den kunstfotografischen Projekten, dem Documenta-Projekt Fairytale, den unzähligen Blog- und Handy-Fotografien vorgestellt.

Ai Weiwei setzt sich direkt mit den gesellschaftlichen Verhältnissen in China und in der Welt auseinander – mit fotografischer Dokumentation des Kahlschlags von Peking im Zeichen des Fortschritts zum Beispiel, mit provokativ erscheinenden Vermessungen der Welt, mit radikalen Schnitten an der Vergangenheit (wie beim Fallenlassen der Han-Urne) oder mit seinen Zehntausenden von Blogtexten, Blog- und Handy-Fotografien.

Der Künstler wirkt als Netzwerk, als Firma, als Aktivist, als politische Stimme, als soziales Gefäss, als Agent provocateur: Jede Gesellschaft auf dieser Welt brauche zu jeder Zeit, in der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft, singuläre, herausragende Figuren wie Ai Weiwei, um wach zu bleiben, um wach gerüttelt zu werden, so schreiben die Ausstellungsmacher. Die Fertigstellung des Winterthurer Projektes war mit der Verhaftung von Ai Weiwei zusammengefallen, “die wir aufs Äusserste missbilligen. Wir sind in großer Sorge um den Künstler und wünschen, dass dieser grosse Denker, Gestalter und Kämpfer uns allen, besonders aber China, als widerständige öffentliche Stimme erhalten bleibt.” Inzwischen ist Ai Weiwei aus der Haft wieder freigekommen, kann aber nur noch sehr eingeschränkt wirken.

Ai Weiwei: Profile of Duchamp, Sunflower Seeds (Duchamps Profil, Sonnenblumenkerne), 1983. Aus New York Photographs (New-York-Fotografien), 1983-1993

Ai Weiwei: Profile of Duchamp, Sunflower Seeds (Duchamps Profil, Sonnenblumenkerne), 1983. Aus New York Photographs (New-York-Fotografien), 1983-1993

Ai Weiwei wurde 1957 als Sohn des Dichters Ai Qing geboren. Nach einem Studium an der Beijing Film Academy gründete er 1978 mit anderen zusammen das Künstlerkollektiv The Stars, das sich gegen den sozialistischen Realismus auflehnte und sich für die künstlerische Individualität und das Experimentelle in der Kunst einsetzte. In New York entdeckte er Künstler wie Allen Ginsberg, Jasper Johns, Andy Warhol und vor allem Marcel Duchamp. Duchamp ist wichtig für ihn, weil er Kunst als Teil des Lebens begreift. Als sein Vater erkrankte, kehrte Ai Weiwei 1993 nach Peking zurück. 1997 begründete er das China Art Archives & Warehouse (CAAW) mit und begann, sich auch mit Architektur auseinanderzusetzen. 1999 eröffnete Ai Weiwei ein eigenes Studio.

Ai Weiwei: 6/1/08, Wenchuan, China, Aus Blog Photographs (Blog-Fotografien), ca. 2005-2009 © Ai Weiwei

Ai Weiwei: 6/1/08, Wenchuan, China, Aus Blog Photographs (Blog-Fotografien), ca. 2005-2009 © Ai Weiwei

2003 war er zusammen mit den Schweizer Architekten Herzog & de Meuron maßgeblich am Bau des Olympiastadions, des sogenannten Bird’s Nest, beteiligt, das inzwischen zum neuen Wahrzeichen Pekings wurde. 2007 reisten 1001 Chinesen und Chinesinnen auf seine Veranlassung hin zur Documenta 12 nach Kassel (Fairytale). 2010 verwunderte er die Welt mit seinem Teppich aus Millionen von porzellanenen Sonnenblumenkernen.

Zur Ausstellung erschien im Steidl-Verlag Göttingen ein englisch-deutscher Katalog: Ai Weiwei – Interlacing (Affiliate-Link), herausgegeben von Urs Stahel und Daniela Janser.

Ai Weiwei – Interlacing
Bis 21. August
Fotomuseum Winterthur, Grüzenstrasse 44+45 , CH-8400 Winterthur (Zürich)
+41 52 234 10 60, fotomuseum@fotomuseum.ch
Geöffnet Dienstag bis Sonntag 11 – 18 Uhr, Mittwoch 11 – 20 Uhr

Ai Weiwei – offizielle Website
Fotomuseum Winterthur

 

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