Strassenfotografie:
Der Geschichte Raum geben

Strassenfotografen versuchen in der Regel, Szenen aus dem realen Leben zu finden, die sich in einem Bild wiedergeben lassen und dabei einen ganzen Handlungsstrang insinuieren.

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Jens Franke).

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Jens Franke).

Kommentar des Fotografen:

Eine ältere Dame auf der Suche nach Leergut in den Strassen von Stuttgart. 1/50 f/1.8

Profi Peter Sennhauser meint zum Bild von Jens Franke:

Eine ältere Frau mit Kopftuch in roter Jacke geht von links nach rechts fast formatfüllend durch dieses Bild. Sie trägt eine grüne Plastik-Netz-Einkaufstasche mit undefinierbarem Inhalt – vielleicht Plastiktüten. Im Hintergrund, offenbar einer Strassenecke, sind in der Unschärfe andere Menschen auszumachen.

Strassenfotografie heisst so, weil sie auf der offenen Strasse statt im Studio stattfindet.

Der Name steht inzwischen aber zugleich für ein Genre, das Szenen aus der Realität anderer Menschen, meistens unbekannter, einfängt und so wiedergibt, dass die Fotografie den Rest der Handlung erahnen oder erraten lässt. Die Interaktion der Protagonisten liefert dabei die Emotionalität, ihre Gestik die Spannung und die Hinweise auf das Geschehen. Manchmal ist es auch nur das gelungene Zusammenspiel von Motiv-Subjekt, Lichtsituation, Umgebung und Details, die eine spannende Strassenfotografie ausmachen.

Aber es sind eigentlich immer mehrere Faktoren. In deiner Aufnahme von der alten Dame steckt davon zu wenig: Mir ist noch nicht einmal Deine Bildunterschrift eindeutig nachvollziehbar, wonach sie auf der Suche nach Leergut ist. Das lässt sich allein aufgrund des Bildes schlicht nicht sagen.

Es ist einfach eine ältere Dame in nicht ganz alltäglichem Aufzug, die du auf ihrem Weg zu irgendwelchen Besorgungen fotografiert hast. Der Hintergrund und die anderen Menschen stehen nicht weiter in Bezug zu ihr, wirken aber auch nicht in einer Kontrastform als Definition für sie. Das Bild wird so zu einer Art Ganzkörperporträt einer Fremden im Vorbeigehen – als solches ist es aber nicht spannend genug.

Auf der technischen Seite hat die Aufnahme ebenfalls Mängel aufzuweisen. Den Fokus etwa hast Du auf die rechte Hand der Frau gesetzt – möglicherweise, weil sie im Bildzentrum war, die Frau an Dir vorbeiging und Du den Mut/die Zeit nicht hattest, auf ihr Gesicht zu fokussieren. Das müsstest Du aber, es sei denn, die Hand spiele irgendeine spezielle Rolle in Deinem Bild.

Abgesehen davon ist Blende 1.8 etwas gar weit offen – idealerweise wäre die Frau insgesamt in der Schärfentiefe. Und dann ist am Boden eine seltsame Unschärfe auszumachen, die vielleicht vom Mitziehen rührt – weil es aber nicht klar als solches Erkennbar ist, wirkt es wie ein Versehen.

Alles in allem kein schlechtes Bild, aber auch nicht die klassische Streetfotografie. Deren Nachteil Herausforderung liegt darin, dass es noch schwieriger ist als in der Landschaft oder im Studio, wirklich richtig gute Fotos hinzukriegen – denn der Fotograf hat es nicht in der Hand, ob sich vor seinen Augen auch etwas fotografie-wertiges abspielt.

Hier jedenfalls war das nicht der Fall.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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2 Kommentare

  1. Für die meisten Situationen in der Streetfotografie empfiehlt sich Blende 5,6 bis 8. Der Bereich der Schärfentiefe umfaßt damit in der Regel das bildwichtige Geschehen mit der Person, und es erlaubt die gleichsam wünschenswerte Freistellung vom Hintergrund.

    In den genannten Kritikpunkten muß ich mich Peter Sennhauser anschließen. Vor allem die mittige und allzu prominente Anordnung der Person läßt jedwede Spannung und Dynamik im Bild vermissen. Ein Querformat, die Isoliertheit der Person vor verhuschtem Hintergrund betonend, hätte hier womöglich Abhilfe geschafft.

    Der Fluch der Streetfotografie ist das “Abgleiten ins Banale und Dokumentarische”. Die fehlende Schöpfungshöhe des Bildes reicht hier eindeutig nicht aus, um diesen Fluch zu bannen.

    Darüber hinaus stellt sich auch die allfällige Frage nach der Legitimität der Aufnahme – die Person ist eindeutig erkennbar, und das “Recht am eigenen Bild” gilt auch für randständig und exotisch wirkende Personen. Wenn Du Dich mit moderner Streetfotografie ernsthaft befassen willst, wirst Du erkennen, daß etwa Anschnitte und Rückenporträts ein probates Mittel sein können, sowohl die rechtliche Problematik zu umschiffen wie eine aussagekräftige Bildspannung aufzubauen.

  2. Vielen Dank für die spannende Auseinandersetzung mit meinem Bild. Von diversen Fotoplattformen bin ich ja sehr unkonstruktive Kommentare und unbrauchbare Anregungen gewohnt. Hier hat sich aber wirklich jemand mal mit der Materie auseinandergesetzt und vieles auch auf den Punkt gebracht! Mich würde jetzt einmal interessieren wie andere Strassenfotografen ans Werk gehen und wie man mit seinen Bildern eindeutigere “Geschichten” erzählen kann. Zum Thema Recht am Bild würde mich an dieser Stelle auch interessieren, wie man das überhaupt im Falle eines Street Portrait lösen kann. Bei spontanen Portraits kann man ja den Protagonisten nicht um ein Bild fragen, da dieser ja spontan fotografiert werden soll. Sonst ist das im Endeffekt keine Streetfotografie mehr. Vielen Dank schonmal!

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