Konzeptfoto:
Märchenbild mit Wolf

Krasse Brüche mit den grundlegendsten Bildregeln – einem abgeschnittenen Subjekt beispielsweise – sind oft ärgerlich, und manchmal spannend.

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Susanne Schlott).

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Susanne Schlott).

Kommentar des Fotografen:

An einem schönen sonnigen Abend auf dem Spaziergang in den Schrebergärten. Hinterher wurde das Bild noch in s/w umgewandelt und mit einer leichten Vignette versehen.

Peter Sennhauser meint zum Bild von Susanne Schlott:

Dieses schwarz-weisse Hochkant-Bild zeigt etwas wie eine Heckenreihe in sehr geringer Schärfentiefe. Im Vordergrund, wo im Fokuspunkt scharf gezeichnetes Gras zu sehen ist, sehen wir den hinteren teil eines Tiers – Hund, Wolf, Fuchs? – aus dem rechten Bildrand hinauslaufen.

Wer kommt, und warum, auf die Idee, einem Tier im Bildfokusbereich den Kopf und mehr abzuschneiden? Du hast es hier getan, und zwar so bewusst und konsequent – oder so wirkt es zumindest – dass niemand an der Absicht zweifelt:

Danach fragt der normale Betrachter des Bildes aber gar nicht. Er fragt sich vielmehr, welche Art von Tier es ist, das Du hier abgebildet hast; welche Situation Du darstellst und welche Farbe wohl das Fell haben mag: fuchsrot, wolfgrau oder bärenbraun? Hat der buschige Geselle wohl ein Hund oder gar Rotkäppchen zwischen den Lefzen? Ist er ein treuherzig Blickender Brummbär oder ein furchteinflössender Jagdhund?

Wir kriegen keine Antworten auf diese Fragen, und das macht das Bild anregend: Die Geschichten entstehen mit dem ersten Blick auf die Aufnahme. Ich habe sofort an Grimms Märchen gedacht und mir einen Wolf ausgemalt, der durch die Heckenlandschaft zieht, mit verschlagenem Blick und gesenkter Nase.

Viel mehr als das, was ich mir ausmale, ist auf dem Bild auch gar nicht wirklich zu sehen: Im Hintergrund verläuft die “Allee” zwischen den Hecken und etwas, was in der Schärfenuntiefe auch Grabsteine sein könnten; der Lichtverlauf aus dem dunkleren Vorder- in den hellen Hintergrund schafft Tiefe und der Verlauf der Gasse führt in die Herkunft des “Wolfs”. Der steht selber nur zum Teil in der Schärfentiefe, sein Schwanz ragt in den Hintergrund-, seine Brust in die Vordergrundunschärfe.

Das sollte mich eigentlich stören, tut es hier aber nicht, weil ohnehin nicht die Details des Fells, sondern seine generelle Erscheinung hier von Bedeutung sind und die Unschärfe zu einem geringen Teil auch noch Bewegung ins Bild bringt. Ich nehme automatisch an, dass das Tier gerade im Begriff ist, sich wegzubegeben – dabei könnte es auch ruhig stehen.

Egal, ob das Bild fein konzipierte Absicht oder das Produkt eines Zufalls ist, indem Dir Dein Hund aus dem Ausschnitt gelaufen ist – es funktioniert als emotionale Miniatur, als Auslöser für die geschichten im Kopf und Erinnerungen, und es hält den Blick einige Sekunden lang gefangen.

Die Umsetzung in Schwarz-Weiss trägt das ihre dazu bei, weil wir beispielsweise das Tier ohne Fellfarbe nicht identifizieren können und wir irgendwie darauf konditioniert sind, Traumbilder als Schwarz-Weiss zu sehen. Mich hat das Bild jedenfalls nicht trotz, sondern wegen seiner klaren, einfachen Komposition gepackt, die zugleich Raum lässt und Rätselaufgaben stellt. Sehr gelungen.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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9 Kommentare

  1. Sehr gelungen?
    Mich packt da nur die Lust ein Kommentar zu schreiben –
    wenn ich so eine Aufname meinen Fotofreunden zeigen würde,müßte ich mit sehr viel Unverständnis und Kopfschütteln rechnen!
    Für mich ein Märchen das man sofort an die Grimmschen denken muß. Das Tier war etwas schneller…
    Aber auch bei diesem Bild ist zu merken,das die Betrachtungsarten und weisen unendlich sind.Und das ist letztendlich ja auch gut so.
    nette Grüsse Reinhard

  2. Geniales Bild. Denn: Einen Hund fotografieren kann jeder, aber einen Hund beim Weggehen zeigen, das kann nicht jede. Wir sehen hier nämlich nicht nur das Tier, sondern auch die Zukunft, das entschwundene Tier. Das Bild erzählt damit eine Geschichte, ist mehr als ein Abbild einer Begebenheit. Kritiker könnte ich fragen: Wie sonst kann man den Hund beim Weggehen zeigen? Wie sonst müsste ein Bild aussehen, bei dem man weiss, dass der Anblick des Tiers nur kurz dauert und es gleich darauf verschwunden ist? Alternative Vorschläge können ab sofort per Kommentar-Antwort an dieser Stelle abgegeben werden!

    Heute habe ich mir übrigens zum ersten Mal überlegt, ob es nicht an der Zeit sei, ein paar Fehler in meinen Fotos einzubauen, denn wenn man es dank Übung schafft, den Ausschnitt richtig zu wählen und das überraschende Sujet nicht zu übersehen, ist es vielleicht an der Zeit, über den Big Mac der Kunst die individuelle Würze mittels Abweichung vom rechten Weg zu streuen.

  3. Ich finde dieses Bild auch äußerst gelungen und ansprechend. Ich habe dazu einen kleinen Film im Kopf – und nicht nur das! Das Bild löst in mir Emotionen aus – mystisch, neugierig, prickelnd (in Worte schwer zu fassen, Emotionen eben ;-)). Danke für die Anregung und für das gute Gefühl, dass nicht alles den Regeln zum Perfektionismus folgen muss. Schön!

  4. Warum nicht einmal ungewöhnliche Blickwarten wagen?

    Solches kann und muß nicht jedermann überzeugen, weil der Betrachter schnell in die Falle seiner eigenen Seherwartungen (“das ist jetzt aber nicht so schön wie die Postkarte, die ich gestern gekauft habe”) gerät. Andererseits zeigt ein solchermaßen unkonventionelles Bild eben auch auf, daß der Fotograf einen eigenen (kreativen) Weg beschreiten möchte – und das ist zunächst einmal gut so …

    Das längerfristige Schicksal solcher Bilder wird sich wohl daran entscheiden, ob es gelingt, aus dem zunächst vielleicht eher zufällig bzw. spontan entstandenen Einzelwerk eine eigene “fotografische Handschrift” im Sinne einer Konzeptserie erwachsen zu lassen.

  5. Ich habe geradezu Lust, dem Bild eins zur Seite zu stellen, auf dem ein Mädchen mit rotem Hut und Korb mittig im Bild sehr harmlos in die Kamera schaut.
    Auch ein toter Vogel in einem zweiten Bild würde eine Geschichte erzählen.
    Oder man könnte ein farbiges Bild machen, in dem jemand an einer Leine zieht, die am linken Bildrand verschwindet.
    Jedenfalls ist das Bild sehr anregend und kann auch in einer Bildreihe viel auslösen.

    Einen Kritikpunkt habe ich allerdings. Da ich so alt bin, dass ich mich ans Fotografieren mit Schwarz-weiss-Filmen und sorgfältigem Entwickeln der Negative, gefolgt von längeren Vergrösserungsversuchen auf diversen Papiertypen erinnere, geht ein Foto wie dieses für mich nie als schwarz-weiss durch. Für mich ist das grau-grau.

    @Peter: Weisst Du, was bei der Umwandlung von Farbe in Schwarz-weiss technisch schief läuft? Die Digitalisierung allein müsste eigentlich kein Verlust sein, da unser Auge die Farben erstaunlich ähnlich codiert wie der Foto-Chip (im Auge nämlich mit drei Sorten Zapfen, je für Blau, Grün, Rot, sowie sehr empfindliche Stäbchen für hell-dunkel respektive schwarz-weiss).

  6. Erst mal 10 Punkte für den Mut etwas aus der Reihe zu tanzen und sich damit der Öffentlichkeit zu stellen !
    Gerade in Fotografie Foren herrschen ja oft Glaubenskriege wie ein Foto zu sein hat. Auch ich finde man sieht das der Schnitt nicht einfach zufällig gemacht wurde. Ausserdem regt das Foto an darüber zu nachzudenken. Ist doch schon sehr viel …oder?

  7. Kunst darf Alles!

    • “Kunst darf Alles!”

      Mit leicht ironischem Unterton möchte ich dazu anmerken, daß die Aussage völlig korrekt ist, soweit es um die Konzeptbildung des Künstlers geht; und komplett falsch, wenn der Künstler von seinen Verkäufen leben muß …

  8. Das kann man ironisch sehen oder auch nicht.

    Kunst darf Alles – vor allem soll sie den Betrachter irgendwie anregen und auf keinen Fall darf Gleichgültigkeit aufkommen, d.h. nicht das einem das Kunstwerk dann gefallen muß…

    Trotzdem dieses Foto wäre bei mir im Papierkorb gelandet :o)

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