Landschaftsfotografie:
Bilder machen statt aufzunehmen

Die Kamera sieht anders als das Auge: Das ist oft ein Vorteil der Fotografin, bisweilen aber auch ein fast unüberwindbares Hindernis.

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Liselotte Brunner-Klaus).

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Liselotte Brunner-Klaus).

Kommentar des Fotografen:

Zufällig blieb ich an diesem einfachen Motiv hängen bei einem abendlichen Spaziergang.

Peter Sennhauser meint zum Bild von Liselotte Brunner-Klaus:

Teile eines aus Holzleisten gezimmerten Zauns inmitten einer Weidelandschaft mit blauem Himmel im Hintergrund sind auf dieser Farbfotografie zu erkennen.

Die wichtigste Fähigkeit, die eine Fotografin entwickeln muss – vor allen technischen Kenntnissen der eigenen Ausrüstung, der Wirkung von Blende und Verschlusszeit und Brennweite und so weiter – ist das eigene Sehen. Wer Motive in der Landschaft, auf der Strasse oder im Studio nicht erkennt, wird keine guten Bilder schiessen. Das gesagt:

Wenn das Sehen entwickelt ist, muss die technische Fähigkeit ausgebildet werden, das wiederzugeben, was man gesehen hat. Darin besteht die handwerkliche Kunst des Fotografierens. Denn die Kamera sieht völlig anders als unser Auge.

Sie nimmt beispielsweise Farben neutraler wahr, kann mit hohen Kontrastunterschieden nicht umgehen, zeigt (bei kleiner Blende) den ganzen Bildinhalt scharf und so weiter. All das sind Dinge, die unser Auge ganz anders handhabt – und die den Eindruck eines Bildes ausmachen. Deswegen finde ich es wichtig darauf zu bestehen, dass ich nicht Bilder aufnehme, sondern Bilder mache mit meiner Kamera.

Die Gestaltung fängt bei der Wahl des Standorts, der Brennweite, des Ausschnittes und danach der technischen Einstellungen der Kamera an und setzt sich bis hin zum Druck der Fotografie fort. Und wenn mich jemand angesichts meiner Landschaften fragt, ob es dort “so ausgesehen hat” oder ob ich das Bild bearbeitet habe, ist es mir wichtig zu betonen, dass es dort für mich genau so ausgesehen hat und ich das Bild deswegen entsprechend bearbeitet habe, bis es meinem subjektiven Eindruck entsprach.

Deine Aufnahme halte ich für ein gutes Beispiel dafür, was passiert, wenn man ein Motiv sieht, es aber nicht ganz so umsetzen kann, wie man es gesehen hat. Das Bild ist nämlich leider nicht “lesbar”: Weil eine technische Gestaltung, eine Bildführung und eine optische Blickführung schwer erkennbar ist, erschliesst sich mir nicht wirklich, was genau Du an diesem Motiv spannend fandest.

Ich sehe Holzlatten, die waagerecht vor einer Wiese stehen. Sie zeigen Maserung und Textur, die vielleicht mit jener der Wolken im Hintergrund korrespondiert. Ich sehe eine grüne Wiese und einen hellblauen Himmel mit Federwolken darin, vor denen ein zerbrochener Zaun steht. Ich sehe einen Sommerabend im freien Feld.

Aber ich sehe nicht, was von all dem Du mir eigentlich zeigen wolltest, was Dich fasziniert und veranlasst hat, das Bild zu machen.

Das heisst keinesfalls, dass dies kein Motiv ist. Es heisst nur, dass die Kamera nicht das gesehen hat, was Du gesehen hast – oder es nicht so abgebildet hat. War es die Holzmaserung auf der Latte, die Dich fasziniert hat? Dann wäre es wichtig gewesen, sie zu isolieren, näher ran zu gehen, mit Makro-Modus zu fotografieren. War es die Kombination aus Maserung und Wolken? Dann hättest Du mit einem anderen Bildausschnitt und einer kleinen Blende dafür sorgen können, dass nur diese beiden Dinge sichtbar sind. War es die Lücke im Zaun? Dann hättest Du mit offener Blende und einem etwas weiter zurückliegenden Standpunkt den Zaun in der Landschaft inszenieren können.

Bei der vorliegenden Aufnahme aber liegt die eine Holzlatte fast parallel zum Horizont; der Himmel und die Weide sind leicht unscharf durch die Blendeneinstellung, aber nicht genug, um mich zu führen, und die Holzmaserung ist ein Indiz, aber kein Subjekt für das Motiv.

Ich sehe häufig solche Bilder von Freunden, die mich etwas ratlos lassen, mir aber, sobald sie erklärt wurden verdeutlichen, das der Fotograf lediglich nicht wusste, wie er das Bild umsetzen soll. Das ist aber ein wesentlich einfacherer Mangel als der umgekehrte: Menschen, die Bilder sehen, können sich leicht die technischen Kenntnisse aneignen, sie aufzunehmen. Menschen, die die Technik verstehen, aber keine Motive finden, haben ein weit grösseres Problem.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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4 Kommentare

  1. Mir gefällt das Bild ausserordentlich, denn es hat nebst dem Offensichtlichen auch etwas Undefiniertes darin. (Ich gehe davon aus, dass Peter Sennhauser dasselbe meint, es aber anders ausdrückt – und vor allem anders bewertet.)

    Fotos, bei denen zu laut herausgeschrien wird, was wir zu sehen haben, lassen mich kalt oder ärgern mich. Selber frage ich mich öfter, welche Auswahl ich persönlich fotografiere. Die Antwort fällt mir schwer, denn warum sehe ich an einen Tag an drei oder vier Orten ein Bild, während die unendlichen Bilder dazwischen mich nicht zum Fotografieren anregen, mir als blosse Umgebung erscheinen, nicht als spezielles Bild?

    Um zu verdeutlichen, warum mir ein Bild mit Form und Farbe reicht, sende ich ein eigenes ein. Ich habe es bei der Eröffnung eines sehr hübschen neuen Fussballstadions aufgenommen. Am Ende des Tages musste ich feststellen: Das Fussballstadion kam in meinen Bildern kaum vor (und wenn, dann bloss als Spiegelung), dagegen Formen, Farben, Kabel und Schatten um so mehr. Die Serie ist für mich trotzdem sehr stimmig – und ich bedaure sehr, dass ich sie hier nicht als Serie zur Kritik einreichen kann ;-)

    Vielleicht liegt in der Suche nach Undefiniertem heute der grössere Reiz als im korrekten Wiedergeben erotischer Frauenporträts, harmonischer Landschaften und gerader Architekturlinien. Wenn alles immer besser und richtiger wird, bringt die Fehlerhaftigkeit unbeschwerter Bilder die einzige Spannung, wegen der mein Blick haften bleibt. Ich brauche – von dokumentarischen Fotos abgesehen – keine, bei denen die Aussage jedem sofort klar ist und für jeden die selbe ist.

    Deshalb suche ich eher nach Dingen, die unklar bleiben.

  2. Mich würde interessieren, warum Lieselotte ausgerechnet an diesem Motiv hängengeblieben ist, welche Gedanken sie mit diesen Bild in Verbindung bringt.

  3. Die Bilder von Liselotte und Corinne erzeugen ganz eindeutig einen Klang, der sich mitteilt.
    Auch ohne eine entfernt passende Kunstrichtung zu zitieren. Was ich hiermit trotzdem tue : von ferne grüßt
    Symbolismus, Futurismus.
    Das in diesen Bildern “etwas unklar” bleibt, macht sie nicht interessant. Zumindest diese Passage aus dem engagierten Beitrag von CorinneZS ist unbefriedigend.
    Wenn Gegenstände so kombinert werden, daß sie in eine Wirkspannung zueinander treten, dann geht es nicht um Schrank und Bank. Und die Unklarheit, wie etwa die Bank zum Schrank käme, wenn sie es denn wollte – die ist nicht interessant. Interessant ist, daß die Wirkung zwischen Schrank und Bank existiert, aber mit dem Schranksein nichts zu tun hat. Oder dem Stadionsein.
    Eine abstrakte Aussage, die mit Gegenständen, Schatten, Licht, Rand, Fläche und Co arrangiert ist. Eine abstrakte
    Aussage ist nicht unklar – sie ist nur abstrakt.
    Nun kann man sich leicht vorstellen, welcher Malerei meine Vorliebe gehört…ein frühes outing…

  4. Nachbearbeitung : “Zumindest diese Passage…ist unbefriedigend…”
    - dieser negative Anklang ist mir übertrieben geraten.

    CorinneZS Beitrag bewegt sich auf dem richtigen Pfad, dreht nur zum Schluß etwas ab.
    Wenn es darum geht, Kritiker solcher Bilder an die Hand zu nehmen – dann sind “Unklarheiten” und “Fehlerhaftigkeiten
    unbeschwerter Bilder” keine besonders schlagenden Argumente. Denn das bestärkt sie ja in ihrem Vorwurf, es handele sich um pure Unbedarftheiten…

    Wenn solche minimalistischen oder symbolistischen Bilder
    den Betrachter mitnehmen, dann liegt das daran, daß sie eine “Aussage” machen, die über den konkreten Zusammenhang zwischen den Gegenständen auf dem Bild hinausgeht, vielleicht ein Rätsel, eine Frage – aber wer will schon immer rätseln. Ich meine, der Reiz solcher Bilder liegt in
    einem optischen Klang – der sich aus Proportion und Kontrast teilweise, und weiterhin aus verborgenen Assoziationen, Anrührungen herleiten läßt. Man schaue z.B. auf Giacomelli.

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  1. [...] sind Abbilder der Realität – oder dessen, was wir gemeinhin für Realität halten. Dass die Kamera anders sieht als unser Auge, oder vielmehr eben unser Hirn, kann einerseits für Bilder verwandt werden, die wir so noch nicht [...]

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