Alleefoto:
Das Auge trumpft beim Kontrastumfang

Kameras und das menschliche Auge sind ähnlich, aber doch so verschiedenen. Diese Fotografie illustriert gut, wo die Grenzen einer Kamera liegen, während das Auge das Szene in ihrer vollen Schönheit wahrnehmen kann.

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Sophie Wolter).

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Sophie Wolter).

Kommentar des Fotografen:

Ich liebe Alleen und versuche hin und wieder, eine gute Bildumsetzung von diesem Motiv. Probleme habe ich mit den hier herrschenden hohen Kontrastunterschieden. Daher stelle ich zeitgleich eine Fachfrage: Lohnt sich die Verwendung eines nicht allzu starken Graufilters? Bei der Aufnahme habe ich die kamerainterne automatische Belichtungszeit etwas korrigiert. Vielleicht bewirkt der Graufilter auch nur das Gleiche? Die Kamera- und Objektivdaten sind in der Bilddatei hinterlegt. Ich freue mich über Hinweise!

Profi Robert Kneschke meint zum Bild von Sophie Wolter:

Das Prinzip ist ähnlich, aber die Unterschiede sind enorm. Wer das menschliche Auge mit dem System einer Kamera vergleicht, wird viele Parallelen, aber auch Differenzen finden. Ein sehr wichtiger Unterschied für Fotografen ist die Tatsache, dass das menschliche Auge gleichzeitig einen deutlich höheren Kontrastumfang wahrnehmen kann und sich so schnell an unterschiedliche Lichtgegebenheiten anpasst, dass wir zum Beispiel verschiedene Farbtemperaturen kaum wahrnehmen.

Ein guter Fotograf kennt die Beschränkungen seiner Kamera und kann auch sein Auge schulen, damit dieses mögliche Aufnahmeprobleme besser erkennt. Das hier gezeigte Foto ist ein gutes Beispiel für den Kontrastumfang. Das Auge sieht eine schöne Allee, romantisch von rechts von der strahlenden Sonne beschienen. Die Kamera muss sich jedoch entscheiden: Will ich die hellen Bereiche genau abbilden und dafür die dunklen Stellen schwarz werden lassen oder lieber das Dunkle mit Details versehen und die Sonne komplett weiß werden lassen. Beides geht heute noch nicht, auch wenn die Kamerahersteller fieberhaft daran arbeiten, einen größeren Kontrastumfang einfangen zu können.

Ein Graufilter ist bei diesem Problem nicht hilfreich, denn er kann zwar Helligkeit runterregeln, aber keinen Kontrast. Graufilter werden beispielsweise benutzt, wenn ein Fotograf an einem sehr hellen Tag mit einer offenen Blende fotografieren will und trotzdem lange Belichtungszeiten erreichen will, zum Beispiel um das fließende Wasser eines Baches weich verschwommen wiederzugeben. Ausserdem gibt es Verlaufsfilter – das sind Graufilter, die mitten in der Filterung einen Übergang zu Klarglas haben – mit denen sich in Landschaften mit eindeutigem Horizont und grossen Unterschieden zwischen der Helligkeit des Himmels und des Vordergrunds Kontrastunterschiede ausgleichen lassen.

Nachgebessert und beschnitten

Nachgebessert und beschnitten

Die Lösung für ein Motiv wie dieses wäre eine Belichtungsreihe oder – bei einer Aufnahme im RAW-Format – nachträglich eine Belichtungskorrektur, um ein HDR-Bild (High Dynamic Range) zu erstellen, bei dem – verkürzt erklärt – eine Software die zu hellen und zu dunklen Bereiche eines Bildes miteinander verrechnet, um zum Schluss ein Bild zu fertigen, wie es das menschliche Auge ungefähr empfunden hat.

Zusätzlich hätte ich das Bild auch etwas enger beschnitten wie in der bearbeiteten Version gezeigt, um den sehr dunklen Bereich rechts auszublenden.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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9 Kommentare

  1. Vielen Dank für Ihre Bildkritik! Sie haben mir weitergeholfen. Mit den HDR-Bildern tue ich mich noch etwas schwer. Meine wirken unnatürlich. Große, eigentlich visuell zusammengehörige Flächen zerfledern kleinteilig. Aber ich muss noch mehr probieren. Es gibt ja auch sehr schöne HDR-Aufnahmen…

    LG, S.

    • Hallo Sofie,

      ich konnte leider irgendwie keine Antwort unter dem richtigen Kommentar plazieren. Daher hier.

      Danke für deine Antwort. Von dem Rauschfilter habe ich noch nichts gehört, von Photomatix schon. Ich versuche, zunächst einen kostenlosen Filter zu finden. Photomatix kann ich bei einem Bekannten nutzen.

      Der Arbeitsschritt 4 ist für mich neu. Wahrscheinlich wird das der wesentliche Schritt, damit mir ein HDR dann auch gefällt. Danke für den Hinweis!

    • Der 4. Schritt ist fast der wichtigste, denn ansonsten hast Du immer noch die Quietschfarben und Auraeffekte drin, die ich einfach nur schrecklich finde. “Stuck in Customs” reitet aus genau dem Grund auch sehr lange drauf um, denn das Foto soll ja irgendwie auch noch nach etwas aussehen.

      Was den Rauschfilter angeht, Photoshop kann man dafür auch benutzen, ist aber nicht so gut. Viel Spaß, und stell mal was ein, wenn Du damit “gespielt” hast! :)

  2. Probier mal “Stuck in Customs” (HDR Tutorial auf Englisch), das fand ich eigentlich sehr lehrreich.

    • Hallo Sofie,

      danke für den Hinweis. Ich wünschte, ich könnte gut Englisch. Aber ich probiere es…

      LG

    • Es gibt mit Sicherheit auch was auf Deutsch irgendwo. Die Arbeitsschritte gehen etwa so:

      1. Du brauchst mindestens 3 RAW Aufnahmen, lieber aber 5+. Die sollten idealerweise von der Kamera im Aufnahmereihemodus aufgenommen worden sein, Du kannst aber auch dieselbe duplizieren. Das gibt leicht andere Ergebnisse, erspart Dir aber u.U. das Stativ.
      2. Ich persönlich benutze Photomatix, aber es gibt etwa von Nik ein Plugin, glaube ich, um HDRs herzustellen. Drehe an den Einstellungen, bis es für Dich im Tonemapping gut aussieht.
      3. Das resultierende HDR sieht in der Regel unnatürlich aus, mit Auraeffekten und Quietschfarben. Außerdem mit viel Bildrauschen. Zieh es erstmal durch einen Rauschfilter wie Noise Ninja.
      4. Dann holst Du Dir diejenigen der Aufnahmen mit ins Bild, die Elemente enthalten, um z.B. die Auraeffekte korrigieren zu können. Die legst Du dann mit Masken übereinander und feilst an dem Bild, bis es so “normal” wie möglich aussieht.

      Das hört sich u.U. alles etwas kompliziert an, ist es aber eigentlich garnicht. Und die Mühe lohnt sich, denn es macht aus einem stümperisch aussehenden HDR etwas Außergewöhnliches, wenn richtig angewandt. Allerdings kann man per HDR nicht aus einem Bild etwas herausholen, was nicht schon angelegt ist. Hoffe, das macht Sinn. LG ~

  3. Etwas, was mich ehrlich gesagt völlig verwirrt ist die Schärfeebene…
    Normalerweise verläuft sie ja von rechts nach links in einer gleichmäßigen Schärfe. Hier aber von vorn nach hinten und das auch nur rechts.
    Zum besseren Verständnis: rechts ist nur scharf und links nur unscharf – wie kann das sein?
    Oder wurde nachgeholfen? ;-)
    Ich zumindest kann mir das Bild SO nicht erklären.

    • Hallo Reinhard,

      du hast Recht, gut gesehen. Es wurde nicht thematisiert. Ich konnte mit einem Tilt-shift objektiv experimentieren. Ich bin mir unsicher wegen dem Schärfeverlauf. Ich habe die Frage, ob es stört nicht aufgeworfen.

  4. Hätte möglicherweise der Fotograf nicht auf die Knie gehen sollen – oder noch tiefer, flach auf den Boden ?
    m.E ist es die allzu große Nähe des düsteren Blätterdaches, die die Kamera dynamisch überstrapaziert.

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