Konzept-Porträt:
Romantisches Paar

Tageslicht, 50mm, zwei Menschen: Mit sehr einfachen Mitteln entstand dieses romantische Portrait, was vor allem durch die Haltung des Paars wirkt.

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Max Niemann).

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Max Niemann).

Kommentar des Fotografen:

Bei meinen Fotos lege ich großen Wert auf Authentizität, erst weit danach auf technische Perfektion. Während ich dieses Bild machte, wurde gleichzeitig ein Musikvideo gedreht, und ich als Fotograf wenig beachtet. Das gab mir die Möglichkeit, die Schönheit und Echtheit des Moments einzufangen, die alle Teilhabenden bemerkten und genossen – ohne dass man sich auf den Fotografen konzentrierte. Die (nahezu) offenblendig bedingte Tiefenunschärfe harmoniert in meinen Augen perfekt mit den vollkommen verschwommenen Gräsern im Vordergrund, die dem Bild mehr Tiefe geben.

Profi Robert Kneschke meint zum Bild von Max Niemann:

Es ist eine sehr schöne Pose: Ein junger Mann und eine junge Frau, die Frau liegt auf dem Rücken im hohen Gras und lehnt mit ihrem Kopf an der Brust des Mannes, der sitzend zu ihr nach unten schaut. Die Nasen berühren sich fast, und auch die Lippen könnten sich wahrscheinlich berühren, wenn sie wollten:

Die Frau faltet ihre Hände wie zum Gebet und der Mann umschließt diese mit seinen eigenen. So liegend bzw. sitzend strahlen die beiden Ruhe, Gelassenheit und ein verliebte Vertrautheit aus, die das Foto zu einem gelungenen Portrait macht.

Der – sehr wahrscheinlich bewölkte – Himmel, immerhin die größtmögliche Softbox, die ein Fotograf sich wünschen kann, sorgt für eine sehr gleichmäßige und sehr weiche Ausleuchtung, welche ideal zu dem romantischen Portrait passt.

Interessanterweise stört mich bei diesem Portrait genau das, was der Fotograf für sich als “perfekt harmonierend” betrachtet: Die Gräser im Vordergrund. Die Staffelung von Objekten im Raum ist meist ein sehr geeignetes Mittel, um im zweidimensionalen Medium Fotografie immerhin die Illusion von Tiefenwirkung und Räumlichkeit zu erzielen.

Das Problem bei diesem Bild ist, dass die eher zur räumlichen Orientierung gedachten Elemente nicht zurückhaltend das Bild schmücken, sondern sich radikal quer über das Hauptmotiv im Bild legen. Einmal genau über die Lippen der Frau und noch mal über die Nase des Mannes. So irritieren die Gräser mehr als sie in ihrer Funktion als “Tiefenwirkungsverstärker” das Recht dazu hätten.

Verbesserungswürdig ist auch die Kleidung des Mannes. Wenn wir die Aussage des Fotografen ernst nehmen, er wolle authentische Fotos machen, dann können die Leser meine Anmerkungen vor allem als Hinweise für eigene, gestellte Szenen lesen. Der Kragen an der (Leder-) Jacke des Mannes ist hochgeklappt, was meist härter und “cooler” wirkt, als es bei dieser eher zarten Pose sinnvoll wäre.

Der Hut nimmt eine sehr prominente Position im Bild ein und verdeckt logischerweise auch viel vom männlichen Kopf, was ebenfalls etwas von der Nähe aus dem Bild nimmt. Wer auf eine harmonische, sanfte Aussage Wert legt, könnte diesen beiden Punkte noch verbessern.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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4 Kommentare

  1. Einen guten Tag!

    Ich möchte mich an dieser Stelle herzlich für Ihre Kritik bedanken! Interessant ist in der Tat der Punkt, dass Sie die Gräser eher als störend empfinden. Zugegebenermaßen: Vielleicht hätte das Portrait ohne die Gräser profitiert – diese Überlegung war damals allerdings obsolet, da ich nur ein 50mm-Objektiv für alle Fotos angeschraubt hatte und ich das »Grünzeug« daher nicht entfernen konnte, ohne in die Natürlichkeit einzugreifen.

    Ihre Anregungen für gestellte Portraits kann ich gut nachvollziehen; der Hut ist hier einfach ein besonderes Merkmal des Portraitierten, der Kragen stört nicht unerheblich.

    In diesem Sinne besten Dank für die Denkanstöße und natürlich auch die doch recht positive Rückmeldung!

    Viele Grüße,
    Max Niemann

  2. Sonst wird in den Bildkritiken meist moniert, wenn Gliedmaßen abgeschnitten sind – was mich gar nicht immer stört, weil mein Augenmerk anderem gilt. Hier ist es hingegen so, dass mich auf den ersten Blick irritiert, dass u.a. seine linken Fingerkuppen “amputiert” werden.

    Aus meiner Sicht gehört die zärtlich-vertraute und spielerische Berührung der Hände des Paars zum romantischen Portrait dazu. (Ich erkenne darin übrigens bei ihr keine gefalteten Hände; die Assoziation Gebet hatte ich nicht.)

  3. Ein schönes, inniges Portrait – der Moment ist perfekt abgepasst! Besonders der fast madonnenhafte, gleichwohl sinnliche Ausdruck der Frau, der durch ihren blassen Teint noch unterstützt wird gefällt mir. Dazu kontrastierend die eher dunkle Erscheinung des Mannes.
    Das Gewicht des Fotos liegt für mich aber zu weit unten und der Kopf des Mannes zu mittig. Oben über dem Hut ist zuviel Leerraum wogegen links die interessante Gestik abgeschnitten ist. Vielleicht wäre hier Querformat besser gewesen, ggf. mit beschnittenem Hut.
    Aber sowas alles in der Sekunde des Momentes zu bedenken finde ich persönlich immer sehr schwer und wer das kann ist in meinen Augen nicht nur ein guter Fotograf sondern ein Meister. :-)

    • Hallo Markus,

      Danke auch für deine Kritik, die ich sehr gut nachvollziehen kann. Die Komposition selbst bereitete mir im Nachhinein auch selbst am meisten Bauchschmerzen. Mit dem Hochformat bin ich durchaus zufrieden, aber das Auge im goldenen Schnitt wäre beispielsweise nicht schlecht gewesen.
      Aber noch bin ich jung, vielleicht fällt kommt die Meisterschaft noch irgendwann :-)

      Viele Grüße,
      Max Niemann

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