Langzeit-Wasserfall:
Ein- und Ausfluss beachten

Fliessendes Wasser ist ein ideales Motiv für Langzeitbelichtungen. Dabei sollte man beachten, dass das Wasser in der Komposition Raum zum fliessen hat.

© Markus Kohlhoff - Klick für Vollansicht

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Kommentar des Fotografen:

Hier in Minas Gerais (Brasilien) gibt es zwar kein Meer, aber dafür viele Wasserfälle, welche beliebte Ausflugsziele sind. Langzeitaufnahmen von fließendem Wasser wirken auf mich immer faszinierend surreal/mystisch, weshalb ich das auch einmal ausprobieren wollte. Aufnahme mit Hoya ND400, f16, 2s, , Spiegelvorauslösung, leicht unterbelichtet, damit das helle Wasser nicht ausfrisst und in s/w konvertiert. Etwas beschnitten und geradegerückt, weil ich nur den Fotorucksack als Stativersatz dabei hatte.

Peter Sennhauser meint zum Bild von Markus Kohlhoff:

Diese Schwarz-Weiss-Fotografie zeigt einen Wasserfall, ziemlich frontal und mit einer gehörig langen Verschlusszeit von 2 Sekunden abgelichtet. Die wie Seidenvorhänge fallenden Kaskaden ergiessen sich über mehrere Stufen.

Bewegtes Wasser, namentlich solches, das sich sehr schnell bewegt, ist ein wunderbares Motiv für längere Verschlusszeiten. Und weil Wasserfälle – anders beispielsweise als die Brandung an einem stürmischen See oder am Meer – recht konstant bleiben, lässt sich an ihnen die ideale Zeit und die ideale Komposition wunderbar erproben:

Deine Aufnahme ist mit vollen zwei Sekunden Belichtungszeit bei einer geschlossenen Blende 16 auf der sicheren Seite, was den Wischeffekt der feinen Spritzer angeht:

Tiefe und Schärfe sorgen zusammen mit der langen Dauer der Belichtung ddafür, dass auch die feinsten Spritzer noch zu – ebenso feinen – weissen Fasern in diesem Seidenvorhang auf Wasser werden. Wer es ausprobiert wird merken, dass es einen Bereich von Verschlusszeiten gibt, in dem die Bewegung zu kurz kommt und das Wasser nicht mehr weich oder schaumig, sondern zäh und gummig wirkt. Das ist allerdings eher an der Küste in der Brandung eine Herausforderung. Zu lange Zeiten verwandeln dort dafür die wilden Wellen in einen kaum mehr sichtbaren Nebel, was am Wasserfall und vor einem dunklen Felsen wie hier für umso feinere Strukturen sorgt.

Ich möchte Dein Augenmerk hier aber auf die Komposition lenken. Zwar ist die Mehrstufigkeit des Wasserfalls ein enormer Gewinn für die Dynamik, und Du hast die Stufen gut eingefangen.

Wir dürfen aber bei solchen Bildern nicht vergessen, dass die Betrachter das Wasser als fliessend wahrnehmen – und einen Zu- und einen Ausfluss erwarten. Es gibt zwei einfache Methoden, damit umzugehen am Wasserfall: Den brutalen Schnitt und die Komposition, die den ganzen Fall und das stehende Wasser darunter zeigt.

So, wie man vor dem Auslösen bei einer Landschaftsaufnahme die Ränder der Komposition nach “Lecks” absuchen sollte, welche durch helle Teile, Brüche in der Gestaltung oder Linien das Auge nicht dem Bildzentrum zu-, sondern aus dem Rahmen führen, kann man bei Bildern mit fliessenden Gewässern darauf achten, dass das Wasser aus einer eindeutigen Richtung heran fliesst – und diese Richtung sollte im Idealfall spürbar Raum bieten, hinter dem sich das Gewässer weiter ausdehnt. Der Abfluss kann oder sollte seinerseits einen Raum einnehmen, aus dem das Wasser in einem anderen Tempo als im Bild abfliesst und in einem erahnbaren, fernen Raum verschwindet.

Wasserfall, Hawaii. (c) PS 2011

Wasserfall, Hawaii. (c) PS 2011

Ich habe das vor einigen Wochen mit diesem Wasserfall in der Nähe von Hilo auf Hawaii versucht. Wenn ich mich richtig entsinne, habe ich mit der Komposition nicht alle sichtbaren Stufen erfasst, denn so liegt der “Zufluss” innerhalb des Bildrahmens, der Endpunkt der Stufenfälle ebenfalls: Die Kaskade wandelt sich vor unseren Füssen in einen kleinen, ruhigen Teich, der nur noch unmerklich nach rechts abfliesst.

Einen solche simpel zu inszenierenden Fluss trifft man natürlich nicht an jedem Wasserfall an, vielfach ist auch das obere oder das untere Ende gar nicht sonderlich fotogen. Dann wiederum haben wir – und das ist wohl das grössere Hemmnis für mehr faszinierende Wasserfallbilder – Hemmungen, etwas von der Kaskade wegzulassen. Die Pracht des Wasserfalls, sagt der kleine Mann in unserem Kopf, liegt in seiner Höhe und den vielen Stufen – und davon sollte man nichts weglassen.

Das ist fotografisch falsch. Denn wenn ein Wasserfall sich in einer Komposition mit nur zwei seiner drei Stufen dynamischer präsentiert und dem Hirn der Betrachter mehr Platz bietet für den imaginären Weiterfluss ist das Bild häufig viel wirksamer, als wenn der ganze Fall zu sehen, aber seine Dynamik nicht zu spüren ist.

Im vorliegenden Fall meine ich, würde das Bild gewinnen, wenn Du es knapper komponiert hätest oder es beschneidest. Am oberen Bildrand entsteht ein Trichtereindruck, welcher der in die Gegenrichtung gewölbten Kante des nächsten, dicht darunter liegenden Absatzes entgegenwirkt. Ich würde ihn nach Möglichkeit kappen.

Am unteren Bildrand hast Du offensichtlich versucht, noch möglichst viel des ruhenden Wassers auf der untersten Stufe mitzunehmen – aber das geht schief: Wir erhalten noch einen horizontalen Bruch in der Falldynamik des Wassers, der aber nicht beruhigt und einen Kontrast bildet, weil er dafür zu knapp ist. Die Steine im Vordergrund können ihre Aufgabe, einen Abschluss zu bilden, nicht wahrnehmen, weil sie ganz an den Bildrand gedrängt wurden. Ihre Aufgabe in der Komposition hättest Du vor der Aufnahme bedenken und dann das entsprechende Bild rahmen müssen. Das braucht den Mut, ins fallende Wasser hineinzuschneiden – oder am oberen Ende des Falls grosszügig eine oder zwei Stufen zu kappen und dem Abfluss mehr Raum zu geben.

Jedenfalls eine gelungene Arbeit, was Belichtung und Umwandlung angeht, die durch eine sehr bewusste Komposition vor Ort und jetzt doch immer noch durch einen beherzten Beschnitt noch profitieren könnte.

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2 Kommentare

  1. Vielen Dank für die Auswahl und ausführliche Besprechung des Fotos! Deinen Kritikpunkt mit dem fehlenden Abfluss kann ich gut nachvollziehen, jedoch tummelten sich Badende im unteren Bereich, welche die Stimmung gestört hätten und bei 2s Belichtungszeit unschön verschwommen wären. Oben wäre auch nur die Felskante mit abrupten Schnitt zum Himmel gewesen. Aber ich werde mich mal an Beschnitten versuchen. Außerdem wird das nicht der letzte Wasserfall gewesen sein… :-)

  2. Danke für das tolle Bild und die lehrreiche und ausführliche Bildbesprechung! Ich habe schon öfters versucht diesen Effekt zu erreichen aber war mit dem Ergebnis nie zufrieden. Die Tipps motivieren mich es wieder einmal zu versuchen.

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