Fotomontage:
(Zu) perfekte Illusion

Gut gemachte Bildmanipulationen verbinden perfekte Technik mit fotografischem Handwerk. Dies gelingt am besten, wenn realistische „Fehler“ ins Bildwerk integriert werden.

[textad]Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Norbert Senser).

Kommentar des Fotografen:

Meine fotografische Leidenschaft sind Fotomontagen. Hier habe ich einen Raum in einem Kunstmuseum aufgenommen. Auf den Bildern waren Motive aus der Natur zu sehen. Da kam mir ide Idee, wie es den aussehen würde, wenn die Natur nun tatsächliche aus den Bildern „heraus käme“. Der 2. Gedanke war, dass vielleicht in Zukunft die Natur nur noch in Museen zu „besichtigen“ sein könnte. Außerdem gefallen mir solche surrealistischen Szenen. Ich habe mit diesem Bild schon bei einigen Wettbewerben teilgenommen und dabei in einem FIAP-Wettbewerb in Zargozza (Spanien) eine Goldmedaille gewonnen. Mich würde natürlich auch Ihre Meinung dazu interessieren!

Profi Peter Sennhauser meint zum Bild von Norbert Senser:

Wir blicken in dieser Farbfotografie frontal in einen kleinen Museumsraum mit Holztäferung bis Hüfthöhe und Fischgräte-Holzboden. An den drei rostroten Wänden hängen jeweils zentriert drei barocke Goldrahmen. Darin sind aber nicht Bilder zu sehen; aus den beiden Rahmen an den seitlichen Wänden wachsen uns hellgrüne Dschungelpflanzen entgegen, aus dem Bildrahmen an der Stirnseite des Raums strömt ein kleiner Wasserfall mitten in den Raum, das Wasser spritzt vom Holzboden auf.

Die Nachbearbeitung von Fotografien in Photoshop ist eine der ersten neuen Erfahrungen, welche viele Einsteiger in die Fotografie heute zunächst scheuen, dann begeistert aufnehmen und sehr rasch bei dem ankommen, was nicht mehr reine Nachbearbeitung, sondern bereits Bildmanipulation genannt werden muss.

Du hast daraus eine Spezialität gemacht und es bei der digitalen Fotomontage, wie dem Bild anzusehen ist, auf ein beachtliches Niveau geschafft: Von Anfängerfehlern wie verschiedenem Lichteinfall auf den Kombinierten Fotos oder Motiven, falsch fallenden oder gar nicht vorhandenen Schatten und dergleichen ist nichts auszumachen; das Wasser im Zentrum des Bildes strömt dermassen glaubhaft aus dem Rahmen und schäumt am Boden auf, dass ich zunächst dachte, Du habest das Fotomotiv als Kulisse aufgebaut und abfotografiert.

Das spricht sehr für dieses überraschende, witzige Bild, das wohl nicht zu unrecht einen Preis gewonnen hat. Ich bin persönlich zwar kein grosser Anhänger von digitaler Bildverfremdung, aber ich denke, wenn schon, denn schon: Fotomontagen, die neue Welten schaffen, die mich überrumpeln und Auge und Gehirn in einen Zwiekampf verwickeln, haben eine Anziehungskraft, denen sich niemand verschliessen kann. Insofern: Gratulation zur Idee, zur hochklassigen Umsetzung und zum Preisgewinn dieser Fotomontage.

Geht es nun darum festzuhalten, wie das Bild noch besser hätte werden können, dann fällt mir paradoxerweise seine Perfektion ins Auge. Sie nagt ganz leise an der Glaubwürdigkeit – etwa so wie bei einem Model-Foto auf dem Cover eines Frauenmagazins: Da ist alles so perfekt, dass wir inzwischen bereits die Gewissheit haben, dass die Frau niemals so aussieht, dass Leberflecke übermalt, Krähenfüsse und Pölsterchen wegretuschiert und das ganze Wesen dermassen überinszeniert wurde, dass es dem wahren Erscheinungsbild der Frau kaum mehr gleicht. Wir gehen davon aus, dass es sich um eine Illusion handelt.

Genau dieses Bewusstsein kannst Du Dir bei der Kreation von Illusionen zunutze machen, indem du es umkehrst. Wäre dieses Bild nicht perfekt im rechten Winkel zur Stirnwand, nicht perfekt ausgeleuchtet, nicht genau auf Augenhöhe und nicht ohne Fehler in der fotografischen Technik aufgenommen und weiterverarbeitet, dann gewänne es an Glaubwürdigkeit.

Die erste, einfachste Massnahme dazu wäre es gewesen, den Raum eben nicht genau frontal aufzunehmen, sondern deutlich versetzt, wie in einem flüchtigen Blick im vorbeigehen. Eine weitere könnte ein verwischt durchs Bild gehender Museumsbesucher sein (welcher die Anforderungen an die Technik der Montage massiv erhöhen würde, weil Belichtungszeit auf das Wasser und auf die Bewegung des Besuchers passen müsste – wir haben inzwischen alle, ohne es zu wissen, ein feines Sensorium für derlei Details).

Insofern wirkt dieser gut gelungenen Montage ihre eigene Perfektion – nicht die der technischen Umsetzung der Nachbearbeitung, sondern die in der Vorbereitung des „Rohmaterials“ – ganz leicht entgegen. Der nächste Schritt könnte darin bestehen, natürlicher wirkende Fotos miteinander zu kombinieren – denn perfekte Illusion besteht darin, den Mangel an Perfektionismus in der realen Welt mit zu simulieren.

In der Rubrik „Bildkritik“ analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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4 Antworten
  1. Norbert Senser says:

    Danke für die ausführliche Beurteilung und die Anregungen. Es gibt natürlich schlimmere Kritik als „zu perfekt“. Es war in der Tat meine Ansicht, eine „perfekte“ Illusion zu schaffen, so dass das Surreale nur durch die Kombination „unmöglicher“ Bildteile entsteht. Die Idee mit dem Museumsbesucher gefällt mir aber gut, mal sehen…

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  2. Andreas Wenter says:

    Hochinteressante Meinung von Peter, die ich absolut teile, aber nie von selber draufgekommen wäre.
    Ich bin auch kein Fan von Fotomontagen, diese ist aber deart skuril und witzig, dass es mir wieder gefällt.
    Chapeau und alles Liebe Andi

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