Naturfoto:
Die Sicht der Ameise

Ungewöhnliche Perspektiven sind eine gute Wahl für Pflanzenfotos. Auch wenn es inzwischen nicht mehr zu viel „Ungewöhnliches“ gibt.

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Gisela Diederichs).

Kommentar des Fotografen:

Darstellung einer Distel aus Ameisensicht. Im schönen herbstlichen Sonnenuntergangs-Gegenlicht erscheint diese eher unscheinbare Pflanze goldumwoben. Und ich glaube (hoffe), daß verblühte Disteln auf diese Art noch nicht so oft fotografiert wurden.

Peter Sennhauser meint zum Bild von Gisela Diederichs:

Ein wildes Gewirr eines Stoffs wie Watte ragt in dieser Farbaufnahme von links oben in den Bildvordergrund, der in einer deutlichen Unschärfe liegt. Im oberen Mittelteil des Bildes ist die Sonne zu erkennen, die durch den Pflanzenbestand hindurch scheint. Sie glänzt in den feinen Haaren der nur auf der rechten Bildhälfte als solche erkennbare Distelblütenständen.

Wir haben die Tendenz, Blumen und Pflanzen generell aus der Sicht zu fotografieren, aus der wir sie am häufigsten sehen:

Von oben. Es nicht zu tun und sich dem Blütenstand zu nähern, ihn von unten abzulichten oder wie eine Fliege mit der Kamera darauf zu landen, das sind Alternativen, die jedes Blumenbild sofort spannender machen.

Das ist Dir hier jedenfalls gelungen. Bleibt die Frage, ob aus der ungewohnten Perspektive mit dem Gegenlicht bereits ein gutes Bild geworden ist.

Ich meine, interessant ist die Aufnahme jedenfalls: Wann immer ich nicht auf den ersten Blick alles gesehen habe und ergründen möchte, was das Motiv und die Aussage der Fotografin ist, hat die das halbe Spiel gewonnen.

Die andere Hälfte besteht dann darin, meinen gebannten Blick mit etwas zu belohnen, was anzuschauen sich lohnt.

Da liegt meiner Meinung nach ein Defizit in Deiner Aufnahme. Es gibt in diesem Gewirr aus Licht und Haaren, Blütenständen und grünen Blättern eigentlich nichts, was wirklich sichtbar und dabei auch interessant anzusehen ist. Anders gesagt, die ganze Faszination der Fotografie liegt in der Verwirrung, die sie in meinem Kopf anrichtet, bevor ich verstanden habe, was ich hier anschaue.

Danach müsste aber noch etwas kommen: Die feinen Details der Distelblüten, die Sonne im Hintergrund oder ein Stück der Wiese, in der die Distel steht.

Hier aber lässt Du mich alleine, es gibt nicht mehr und nicht weniger zu sehen als das Gewirr der Distelblüten. Und das ist zwar ein Blickfang, aber noch nicht wirklich mehr.

In der Rubrik „Bildkritik“ analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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7 Antworten
  1. Gisela says:

    Das Bild – wie auch alle anderen Bilder aus dieser Serie – ist ursprünglich unter dem Titel „Herbstgold“ erschienen. Ich muß zugeben, daß die „Distelgeschichte“ nachträglich aufgesetzt ist und den Blick in eine falsche Richtung führt. Das Pflanzengewirr dient ja nur als Mittel zum Zweck, denn das Motiv soll der golddurchwirkte spinnennetzartige Lichtkreis mit den bunten Reflexen sein.

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  2. DKlein says:

    Geniale Bildidee.

    Das Pflanzendach als überwältigender Dom über der Ameisenebene. Kritisierenswert finde ich hier nicht, daß es bei diesem Foto nur einen „Blickfang“ gibt.
    Das ist, mit Verlaub, bei ziemlich vielen Fotos so. Es möge doch darauf ankommen, WIE dieser Blickfang konstruiert – oder zufällig getroffen – wurde.
    Was ich kritisierenswert finde, ist die exzessive Verwendung von Unschärfe. Die Unterseiten der Distelkronen werden linksseitig zu unangenehm bräunlichen Flatschen.
    Ob das die Ameise überhaupt so sieht ? Man sollte davon ausgehen, daß sie die Dinge in ihrer Nähe klar sieht.
    Aber selbst wenn es so wäre, für den hier intendierten Effekt „Dom über Kleinlebewesenswelt“ ist diese Unschärfe nicht nur unnötig, sondern extrem störend. Siehe rechter Bildteil, da ragt ein Fruchtstand hinein, groß wie ein Baum, superscharf – und stört die Perspektive nach oben überhaupt nicht ! Der Rest des Bildes auch so – und es wäre super !

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  3. Gisela says:

    Hallo Peter, vielen Dank für die Kritik. Was mich dabei irritiert sind die beiden sich gegenseitig ausschließenden Aussagen. Meiner Meinung nach kann etwas nicht interessant und enttäuschend zugleich sein; zumindest ist mir bei einem Foto dieser Zwiespalt nie wiederfahren. Möge auch „ein Stück grüne Wiese“ dem menschlichen Betrachter schmeicheln, im Ameisenauge fokussiert sich ein golddurchwirkter gleichmäßig in eine Richtung wirbelnder Lichtkreis; oder verfängt sich in ein Sonnenglanz-Spinnennetz? Unsere anthropomorphistische Sichtweise stößt da an Grenzen. Und erst jetzt durch die erneute Auseinandersetzung eröffnet sich mir eine vertiefte Sichtweise: Gibt es gar eine 4. Dimension in diesem Bild?

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    • Peter Sennhauser says:

      Ich könnte sagen: Erwischt. Ich habe mich wohl nicht klar genug ausgedrückt, und möchte es nochmals einfach versuchen: Der Gesamtbildeindruck, namentlich in der Vorschau, ist spannend und interessant. Bei der Ergründung des Bildes aber fehlt mir die zweite Dimension, noch nicht mal die vierte, die mich festhält und mich weiter dabei behält, das Bild zu ergründen. Diese zweite Stufe fehlt mir.

    • Christian Gruber says:

      Man erkennt die Dimensionen – Pflanzen aus Ameisensicht im Gegenlicht was in meinen Augen grundsätzlich interessant ist.
      Die enttäuschung stellt sich bei mir ein beim erkunden des Bildes. Drei wirr angeschnittene Pflanzen dominieren den Eindruck. Jetzt könnte man argumentieren, das es für eine Ameise eben so aussieht. Wenn ich mir aber nur mal vorstelle, nur die rechte untere Mistel wäre nicht ganz angeschnitten wäre schon viel geschafft

  4. Christian Gruber says:

    Also ich kann Peter nur zustimmen zur perfekten Kritik am Bild.
    Ein Konzept und ein künstlerische Position sind sicher wichtig und notwendig, ergeben aber nicht automatisch ein interessantes Bild. Im konkreten Fall eben gute Ideen, aber absolut unspektakuläres Resultat.

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  5. Dr. Thomas Brotzler says:

    Es scheint ja gerade ein wenig „vorweihnachtliche Kommentarflaute“ zu herrschen …

    Was mich bei Giselas Arbeiten besonders anspricht, ist das Konzept. Schon in Ihrem Oktoberbild zeigte sie, daß sie insbesondere die konventionellen Wege des „schon allzu oft Gesehenen ud Abgelichteten“ verlassen möchte, nach neuen Blickwarten sucht und experimentell arbeiten möchte.

    Dies umschreibt aus meiner Sicht eine künstlerische Position, die Suche nach einer eigenen Sichtweise und Handschrift. Ich kann Gisela nur darin ermuntern. Das sich ausbildende Konzept ist letztlich viel mehr wie die Summe der einzelnen Bilder bzw. der ein oder andere Bildversuch auf diesem schöpferischen Weg.

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