«İstanbulum»:
Eine vorsichtige Annäherung

«İstanbulum» ist ein persönlicher, leiser Bildband, dessen Vorzüge sich erst auf den zweiten, geruhsamen Blick erschließen. Wer «İstanbulum» ansieht, braucht Zeit – genauso wie es Zeit braucht, um Istanbul, den Handlungsort dieses Bildbandes, zu entdecken. Zeit, die sich auszahlt.

«İstanbulum» heißt so viel wie «Mein Istanbul». Und dieses persönliche Istanbul zeigt die mehrfach ausgezeichnete Fotografin Andrea Künzig. Sie lebt und arbeitet in der Metropole am Bosporus und hält das Leben der Menschen abseits der ausgetretenen Touristenpfaden in einfachen Fotografien fest. Jene geschichtsträchtige und immer noch geheimnisvolle Stadt, die an der Nahtstelle zwischen Okzident und Orient, zwischen Europa und Asien liegt. Ein schillernder Fleck, dem sich Andrea Künzig fotografisch behutsam nähert – und dabei interessante Einblicke gewährt.

«Man tut gut daran, hier der Täuschung gleich als Freundin und nicht als Feindin zu begegnen, denn sie bleibt eine ständige Begleiterin: Die vermeintlich typisch türkische Süßigkeit kommt aus Syrien, in den Basaren werden unter internationalen Labelnamen «türkische Originale» angeboten, und die schönsten Frauen entpuppen sich als Männer», schreibt einleitend Réka Gulyás und ergänzt: «Es dauert seine Zeit, bis sich ein Raumgefühl einstellt, bis man sich im Gewirr dieser orientalischen Weltstadt zurechtfindet.»

«İstanbulum»
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Andrea Künzig hat sich diese Zeit genommen. Sie hat sich für die Menschen Zeit genommen, hat sich ihnen behutsam genähert. Sie lebt in dieser Stadt, streift immer wieder durch ihre Straßen und Gassen und hält Momente in Fotografien fest.

Die Aufnahmen sind Bilder einer professionellen, erfahrenen Fotojournalistin. Ungestellt, unbearbeitet, den Augenblick einfangend. Sie halten Alltagsszenen fest, heben sie damit aus dem Lauf der Zeit heraus und richten den Blick auf die Menschen, ihre Umgebung und die Wechselwirkung. Sie machen damit Istanbuls Stellung zwischen Tradition und Moderne, zwischen Islam und Christentum, zwischen Europa und Asien deutlich.

Zum Beispiel das Titelbild. Hier sitzen junge und alte Frauen, mit und ohne Kopftuch zusammen, blicken auf den Bosporus, reden miteinander. Und direkt neben ihnen sitzt ein Paar, das öffentlich seine Zuneigung zeigt.

Istanbul wandelt zwischen den Zeiten und den Welten. Istanbul und seine Einwohner sind nicht zu fassen. Es ist nur eine vorsichtige Annäherung möglich. «Das Schlüsselwort zu Istanbul ist eher die Zeit als der Raum. Die Seele der Stadt fließt durch die Zeit hindurch», meint Oya Baydar in ihrem Nachwort.

Andrea Künzig hält diese Zeit in Alltagsszenen fest: der Wasserträger, die Parade, die Demonstranten. Straßen- und Stadtbilder, das Leben auf den Straßen, morgens, mittags, abends und nachts. Und immer wieder der Bosporus, diese Lebensader der Stadt – die gleichzeitig Grenze und Nahtstelle ist.

«İstanbulum» ist ein sensibler, unspektakulärer Bildband. Er ist ein persönliches Album und eine ausführliche Fotoreportage über die Stadt und ihre Menschen, Die Bilder sind durch den gemeinsamen Aufnahmeort vereint. Sie erzählen keine stringente Geschichte, sondern werfen immer wieder Schlaglichter auf die Menschen und ihre Leben. Schlaglichter, die sich zu einem Gesamten fügen. Ein schöner Bildband, der das moderne Istanbul einfängt, abseits von Touristenattraktionen und gängigen Klischees.

«Es ist das Gesetz des Lebens: Die Zukunft besiegt stets die Vergangenheit, die Hoffnung die Nostalgie. Istanbul ist die Stadt, in der die Nostalgie der Vergangenheit sich der Hoffnung der Zukunft geschlagen gibt», so Oya Baydar.

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128 Seiten, 36 Euro

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