Dokumentation:
Störende Wellen

Eine auf Aussage getrimmte Fotografie verlangt eine konsequente Komposition. Gegensätze sind dabei ein sinnvolles Werkzeug.

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Kommentar des Fotografen:

Das Bild entstand im November in Ault, an der Côte d´albâtre, in Frankreich. Wege und Straßen sind sowohl von der Landseite durch Steinschlag, als auch vom Meer bedroht. Der Mensch versucht sich durch Zäune und Schilder zu sichern. Mir ging es nicht um ein möglichst harmonisches Landschaftsbild, sondern um die Darstellung von Großartigkeit der Landschaft einerseits und um ihre Entstellung durch (notwendiges) menschliches Eingreifen andererseits.

Peter Sennhauser meint zum Bild von Angela Bettinger:

Eine Naturstrasse, welche die gesamte Bildbreite des Vordergrunds einnimmt, windet sich in dieser quadratischen Schwarz-Weiss-Aufnahme am linken Bildrand entlang in die Tiefe. Im Hintergrund ragen steile Klippen eines Meeresufers über die Strasse, den rechten Vordergrund belegt ein die ganze Bildhöhe ausmachendes Fahrverbotsschild.

Mein erster Reflex, als ich diese Fotografie in der Vorschau sah, war die Frage, was das soll:

Das Fahrverbotsschild dominiert die Aufnahme, die aber auf der anderen Bildseite eine harmonische Landschaftsaufnahme zu sein scheint.

Um es vorweg zu nehmen: Vollständig funktioniert Deine Absicht nicht, die Entstellung der Landschaft durch menschliches Eingreifen zu zeigen – aber im Ansatz und mit einer entsprechenden Bildlegende kommt es hin.

Will heissen: Diese Aufnahme kann ich nicht für eine missglückte, harmonisch ausgelegte Landschaftsaufnahme halten, weil das Fahrverbot in seiner Dominanz eindeutig mehr sein soll als ein netter Vordergrund, zu dem Landschaftsfotografen ja immer raten. Das Schild stoppt nicht nur den Verkehr, sondern jeden Blick eines Betrachters beim Erkunden des Bildes. Denn während der mäandrierende Weg sich gut in die Harmonie der Landschaft eingliedert, erwirkt das Schild das genaue Gegenteil – es ist ein grober Bruch mit allen anderen Elementen. Es ist aber vorhanden und ein teil der Realität, und während Landschaftsfotografen gerne alles aus der Komposition rauslassen, was ihrem Anliegen entgegenwirkt, hast Du es prominent inszeniert – und damit wird eine eindeutig dokumentarische Absicht unmissverständlich transportiert.

Das Problem, das ich dennoch habe, ist die inhaltliche Aussage. ich kann das Fahrverbot nicht klar deuten. Die Störung der Landschaft besteht ja nicht in dem Schild, das eher dafür sorgen soll, dass die Landschaft eben nicht noch mehr geschädigt werden soll, sondern eigentlich in der Strasse – die sich aber in ihrer Bescheidenheit und durch den an die Umgebung angepassten mäandrierenden Schwung eher unterordnet und einfügt.

Bei der Ergründung der Bildaussage bleibe ich danach aber an dem hässlichen Zaun hinter dem Schild, an der aufgeschütteten Strasse unterhalb des Weges und vor allem an der Struktur links oben auf der Küstenanhöhe hängen. Diese Dinge sind eher grobe Eingriffe in die Natur, welche Diene Bildaussage unterstützen, und die in ihrer Gesamtheit – nach dem Stopper durch das Verbotsschild – die gewünschte Aussage unterstreichen könnten.

Ich frage mich deshalb, ob dieses Bild nicht mit etwas mehr Inhalt in der Linken Hälfte noch besser deiner Absicht gedient hätte.

Aber schon so finde ich es bemerkenswert, weil es, obwohl es nicht eindeutig ist ind er Aussage, ganz bewusst und gekonnt vermeidet, für ein Landschaftsbild gehalten zu werden – und dennoch dessen Elemente – Tiefe, Schärfe, Komposition, Ergründbarkeit – aufweist. Als Teil einer dokumentarischen Serie zu deinem Thema jedenfalls ein starkes Bild.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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10 Kommentare

  1. Dr. Thomas Brotzler
    schrieb am 16. Dezember 2011 um 22:44 Uhr (#)

    Ich finde es ein wenig schade, daß keine Diskussion dazu in Gang kommt – Vorweihnachtszeit?! Das gezeigte Bild und das Konzept der Fotografin hätten es verdient …

    Das Setup (Vollformatgehäuse, Festbrennweite, Quadratform, Schwarzweißkonvertierung) läßt erkennen, daß das Bild gewiß kein Zufallsergebnis, sondern das Produkt einer sehr reflektierten Fotografin ist – an diesem Anspruch muß sie freilich gemessen werden.

    Besonders berührt hat mich die Dialektik des Schildes, die ja sowohl in der Beschreibung wie der Rezension bereits anklang – daß dieses also die Landschaft schützen soll und zugleich auch verschandelt. Zugleich stellt sich die Frage, wie gültig in heutiger Zeit eine idyllische Landschaftsfotografie überhaupt noch sein kann; ob es also nicht vielmehr gilt, genau diese überall erkennbaren Brüche aufzuzeigen und in Szene zu setzen. Dies schafft authentische, in den Augen vieler Betrachter womöglich aber nicht eben “schöne” Bilder; die Seherwartungen werden enttäuscht, die Bilder wirken dadurch verstörend und werden vielfach auf Ablehnung stoßen.

    Hinsichtlich der Positionierung und Gewichtung stimme ich Dir, Peter, zu. Auch auf mich wirkt das Schild zu groß, die Szenerie entsprechend zu plakativ. Eine andere Verteilung, etwas mehr Subtilität hätte dem Bild m. E. noch größere Wirkung verschafft.

  2. Angela Bettinger
    schrieb am 17. Dezember 2011 um 19:44 Uhr (#)

    Hallo Peter,

    vielen Dank für deine ausführliche Bildkritik und deine Anregungen.

    Vielleicht wäre es manchmnal spannender, von Seiten der Fotografen gar keine Absichtserklärungen zum Foto zu machen, sondern dem Betrachter für seine Interpretationen völligen Freiraum zu lassen.

    VG Angela

    1. Sofie Dittmann
      schrieb am 18. Dezember 2011 um 04:29 Uhr (#)

      Der Betrachter hat IMMER völligen Freiraum für seine Interpretation, wenn er das auch nicht immer erkennt. :) Für uns als Kritiker sind Eure Beschreibungen ein zweischneidiges Schwert: auf der einen Seite vermeide ich dadurch so Statements wie, “Eine grüne Schlange (Mamba?)…”, auf der anderen Seite nutzt es mir nichts, wenn man mir sagt, daß der Fotograf sein Foto selbst super findet.

      Es gibt natürlich die hier bereits in anderen Kommentaren etc. angesprochene “Intentionalismusfalle”, die ich insbesondere mit Thomas detailliert diskutiert habe. Was der Fotograf intendiert/beabsichtigt hat, ist im Rahmen einer VOLLEN Bildinterpretation und -besprechung irrelevant. Nicht aber notwendigerweise bei einer Bildkritik, wie wir sie hier üblicherweise schreiben. Wir bewerten technische Details, Kompositionsmängel etc. und versuchen im allgemeinen, für Euch etwas Lehrreiches daraus zu machen – und das in ein paar Paragraphen und sich auf Wesentliches beschränkend. In diesem Zusammenhang ist es für mich dann auch hilfreich, der Fotografin sagen zu können, “DAS hast Du versucht, und DAS ist dabei heraus gekommen.”

    2. Angela Bettinger
      schrieb am 18. Dezember 2011 um 10:43 Uhr (#)

      ja, Sofie, ich stimme dir zu. Für eine Bildkritik, die ich als Fotografin gerne möchte, ist es natürlich für mich ein Gewinn, wenn ich dem Kritker mitteile, was ich mit dem Bild wollte und er meine Umsetzung auf der Grundlage seines Fachwissens beurteilt. Auf dieser Webseite die Gelegenheit dafür zu haben, finde ich, nebenbei erwähnt, sehr gut.

      Ich müsste für die Umsetzung der genannten Anregungen tatsächlich noch mal hin fahren und vor Ort eine etwas andere Position wählen, was möglich gewesen wäre.
      Bei den Aufnahmen, die ich von der Szene gemacht habe, steht das Schild von der Position her zwar nicht im Mittelpunkt, lenkt aber durch seine Größe und die Position im rechten Bilddrittel immer die Aufmerksamkeit sehr stark auf sich. Ein anderer Schnitt oder ein anderes Format ändern daran leider nichts – auch das Bildbearbeitungsprogramm kann´s nicht richten.

      Zunächst einmal freut es mich, dass meine Absicht im Bild deutlich wurde und dass dadurch Gedanken über zeitgemäße Landschaftsfotografie angestossen werden. Dass ich dieses Ziel mit subtileren Mitteln noch besser erreichen kann, wird für mich in Zukunft sicher eine Herausforderung sein.

    3. Sofie Dittmann
      schrieb am 18. Dezember 2011 um 16:18 Uhr (#)

      Falls Du tatsächlich noch einmal die Gelegenheit hast, dorthin zu fahren, hier ein Tip: da Du ja schon einmal dort warst, mach Dir Notizen, was für Aufnahmen Du schiessen willst, Gedanken zu diesen etc. Und nimm dann genau diese auf, anstatt ziellos herumzulaufen. Du wirst sehen, da kommen ganz andere Aufnahmen dabei heraus.

      In diesem Sinne wirken auch übrigens “artist statements” oder Künstlerstellungnahmen zu ihren Bildern, und deshalb sind sie so schwierig zu schreiben. WAS hat mich an diesem Motiv gereizt, warum wollte ich das so aufnehmen etc. Das allerdings heißt NICHT, daß man nicht spontan auf seine Umgebung mit der Kamera reagieren sollte.

      Macht Sinn?

    4. Dr. Thomas Brotzler
      schrieb am 19. Dezember 2011 um 02:30 Uhr (#)

      “artist statements”

      Das finde ich tatsächlich schwer und steht mir bei einer meiner nächsten Ausstellungen Anfang nächsten Jahres bevor. Die Künstler mögen “doch etwas über sich und ihr Werk schreiben” – na prima, das wird schon ein “Spagat zwischen orakelhafter Andeutung und leichtverdaulicher Erklärung” werden. Und all das kann ja die “interpretative Endstrecke”, die immer beim Betrachter ablaufen sollte, nicht ersetzen. Bei der Präsentation im Internet finde ich Erklärungen einerseits notwendiger, andererseits im Sinne des oben Gesagten fast noch zweischneidiger.

    5. Sofie Dittmann
      schrieb am 19. Dezember 2011 um 14:43 Uhr (#)

      @Thomas Ja, das ist, wie bereits bemerkt, manchmal schwierig. Ich glaube, daß es Webseiten gibt, die Dir orakelhafte Stellungnahmen ausspucken. hahaha Diese machen dann überhaupt keinen Sinn, aber niemand wird das zugeben (so, wie mit des Kaisers neuen Kleidern). :) Ein Freund von mir hat mal ein total sinnloses Gedicht anläßlich eines Deutschprojektes abgegeben. Das hat eine Eins bekommen und ein dickes Lob der Lehrerin…

  3. Dr. Thomas Brotzler
    schrieb am 19. Dezember 2011 um 19:30 Uhr (#)

    “Ein Freund von mir hat mal ein total sinnloses Gedicht anläßlich eines Deutschprojektes abgegeben. Das hat eine Eins bekommen und ein dickes Lob der Lehrerin”

    So ging es mir auch mal vor längerer Zeit. In der Folgeklausur zog die Masche leider nicht mehr, da gab es eine Sechs.

    1. Sofie Dittmann
      schrieb am 20. Dezember 2011 um 04:43 Uhr (#)

      Ja, ist doof, wenn die einem auf die Schliche kommen. :) He, frohes Fest & einen Guten Rutsch!

  4. Dr. Thomas Brotzler
    schrieb am 20. Dezember 2011 um 18:09 Uhr (#)

    “Ja, ist doof, wenn die einem auf die Schliche kommen. :)”

    Ist ja trotzdem noch was aus mir geworden :o) …

    “He, frohes Fest & einen Guten Rutsch!”

    Das Gleiche wünsche ich Dir – man sieht sich bei den Bildern …

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