Weitwinkel:
Der schiefe Turm zu München

Weitwinkelaufnahmen hoch aufragender Objekte verlangen einen bewussten Umgang mit der Verzerrung. Stürzende Linien können genutzt, aber nicht in Kauf genommen werden.

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Fabian Frölich).

Kommentar des Fotografen:

Ich habe das Bild Ende August bei Sonnenuntergang mit Stativ und Weitwinkel im Olympiapark in München aufgenommen. Im Hintergrund ist das Olypmiastadion zu sehen, rechts der Olympiaturm, im Vordergrund der See im Park. Das Motiv ist der Olympiaturm, dessen imposante Form und Höhe ich auf dem Bild darstellen wollte.

Peter Sennhauser meint zum Bild von Fabian Frölich:

Diese Hochkantaufnahme zeigt bei lieblichem Sommerwetter nach Sonnenuntergang aufgenommen einen park mit Teich und Enten im Vordergrund, in dem sich der Münchner TV-Turm rechts vorne spiegelt, der in den oberen zwei Bilddritteln am rechten Bildrand hoch aufragt und dabei extrem nach links zur Bildmitte kippt.

Weitwinkelobjektive sind für viele Einsteiger in die Fotografie eine späte Entdeckung:

Das hängt auch damit zusammen, dass erstens die meisten Kompakten und auch die Spiegelreflex über Superzoom-Funktionen angepriesen werden und zweitens selbst dann nur leichte Weitwinkel-Wirkung anbieten, wenn sie ein Zoom mit tiefer Brennweite mitbringen: Der Crop-Faktor, der durch den kleinen Sensor entsteht, macht die „weitwinklige“ Sicht der kurzen Objektive wieder zunichte. Der Bildwinkel eines 35mm-Objektivs wird auf diesen Kameras eingeengt zu dem eines 50mm Normalobjektivs.

Wer sich aber nach den ersten paar tausend Fotos mit dem 35-105mm-Objektiv aus dem Kameraset ein Objektiv mit 20mm oder noch kürzerer Brennweite anschafft, ist meistens zunächst begeistert von den neuen Möglichkeiten. Dabei übersieht so mancher die Nachteile der Superweitwinkel, die es auszugleichen gilt.

Es gibt eine ganze Reihe: Landschaftsfotografen kriegen zwar riesige Ausschnitte ins Bild, müssen aber den Polfilter abschrauben, weil das gigantische Blickfeld die natürliche Polarisierung, die nur einem Teilbereich der 360 Grad Blickfeld am Himmel auftritt, statt zu einem dunklen Himmel zu eigenartigen Flecken in demselben führt.

Stadtfotografen kämpfen mit den stürzenden Linien der Vertikalen, die beim geringsten Kippen der Kamera auftreten, und alle haben das Problem, dass die meisten Superweitwinkel an den Bildrändern massive Schärfeverluste aufweisen.

Du hast hier mit den letzten beiden Problemen zu kämpfen. Das schwerwiegendere ist das der stürzenden Linien und der Verzerrung. Abgesehen davon, dass sie zu Weitwinkelaufnahmen dazu gehört und sich die Betrachter daran gewöhnt haben, kann man sie inzwischen in vielen Bildbearbeitungsprogrammen wenn nicht völlig aus dem Bild rechnen, dann doch deutlich entschärfen – die Adobe-Produkte wie Lightroom tun dies sogar mit vorprogrammierten Daten aufgrund der Objektiverkennung in den Exif-Daten des Bildes. Dabei geht aber Bildinformation an den Rändern verloren, und Super-Weitwinkelaufnahmen mit einer Randlastigen Komposition lassen sich so nicht korrigieren.

Vor allem aber ist es so, dass wir die leichten Verzerrungen und stürzende Linien ausser in der Architekturfotografie wohl in Kauf nehmen. Aber davon kann man hier nicht mehr sprechen: Der Turm neigt sich in einem Masse der Bildmitte zu und hat eine verzerrte Kanzel, die niemanden mehr kalt lässt. Hochkantaufnahmen mit dem Superweitwinkel sind deswegen eine Herausforderung, die eher zu meiden ist.

Eine Alternative gibt es indes, wenn Du die entstellenden Bildeffekte ganz bewusst als Gestaltungselemente einbeziehst, den Turm sehr bewusst verzerrst und mit den perspektivischen Wölbungen spielst – aber das ist hier nicht der Fall.

Wärst Du beispielsweise deutlich näher am Turm dran und würdest ihn ein bisschen weniger weit aussen am Bildrand sich in die Mitte neigen, dann könnte der unerwünschte Effekte der stürzenden Linien zu einem Gestaltungselement heranreifen. Damit würde ich herumexperimentieren. Der Kniff besteht darin, unmissverständlich zu verstehen zu geben, dass die Effekte im Bild bewusst und Absicht sind. Das ist hier mit einem das Bild dominierenden Turm, der zusammen mit seiner Spiegelung zu einer verzerrten Diagonale im Bild wird, nicht der Fall.

Was Du ebenfalls erkennst an dieser Aufnahme, ist die Unschärfe im Aussenbereich des Bildausschnitts. Sie lässt mich mit meinem 10mm Superweitwinkel Bilder generell so komponieren, dass nichts wesentliches zu weit an den seitlichen (Querformat) Rändern zu liegen kommt.

Schliesslich würde ich bei solchen Weitwinkel-Objektiven, vor allem, wenn es sich um ein Zoom mit grossem Brennweitenbereich handelt, Blenden jenseits von 16 vermeiden. Zum einen sind Zoomobjektive meistens auf grösste Schärfe im ganzen Bild bei mitleren Blenden optimiert. Zweitens verändert sich die Schärfentiefe in Weitwinkelaufnahmen nur noch geringfügig, zumal dann, wenn Dein Fokus nicht auf einem Vordergrundelement wenige Zentimeter vor der Linse liegt.

 

In der Rubrik „Bildkritik“ analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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