Schnappschuss:
Der Schattenmann

Hohe Kontraste und die Umkehrung der “korrekten Belichtung” zwischen Motiv und Subjekt werden hier als reizvoller Effekt demonstriert.

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Johannes Joha).

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Johannes Joha).

Kommentar des Fotografen:

Diesen “Schnappschuss” habe ich auf der Art Cologne 2010 machen können, da die dunkle Kleidung des Kunstliebhabers zu den weissen Wänden gut kontrastierte. Die Betrachtung eines Betrachters, der sich mit seinem Schatten in ein Bild gleichsam versenkt, war hierbei der besondere Reiz. Die ursprüngliche Aufnahme ist farbig, sie wurde mit Lightroom insbesonders hinsichtlich des Kontrastes leicht bearbeitet

Profi Peter Sennhauser meint zum Bild von Johannes Joha:

Ein Mann mit Hut steht in einem Museum dicht vor einem Bild an der Wand. In der Linken hält er eine Plastiktüte mit Aufdruck, in der rechten mit angewinkeltem Arm seine Brille. Auffällig an dieser Schwarz-Weiss-Fotografie ist vor allem, dass der Mann fast vollständig im Schwarz absäuft, während die Tonwerte in seinen Schatten an der Wand und dem Bild, das er betrachtet, korrekt abgestuft scheinen.

Ursprünglich ging ich davon aus, dass ich an diesem Bild den überhöhten Kontrast auf dem schwarzen Mann kritisieren und für eine 2korrektere” Belichtung plädieren würde. Doch dann habe ich das Bild mehrmals genau angesehen und komme zum schluss, dass das umgekehrte passieren muss.

Du hast einen tollen Effekt entwickelt und setzt ihn nicht konsequent genug um. Denn dass der Mann hier im Museum, das voller betrachtungswürdiger Objekte ist, selber zum Objekt Deiner Aufnahme wird, dabei aber wiederum in der übermässigen Kontrastierung zu einer Silhouette verkommt, ist ein reizvolles Spiel mit unserem Sehen und dem Zusammengehen von Objekt und Betrachter – ein Spiegel im Spiegel im Spiegel – Spiel sozusagen.

Natürlich könnte man die Bildaufteilung kritisieren und den Umstand, dass das Bild an der Wand in der Komposition zu weit oben und zu zentral angeordnet ist. Aber das sind Nebensächlichkeiten. Eher bedaure ich, dass Du den Kontrast auf dem Mann nicht nachträglich noch weiter übersteigert hast und ihm den letzten Rest Zeichnung aus dem Gesicht und dem Kragen genommen hast.

So braucht es nämlich Deine Beschreibung, um sicher zu sein, dass dies genau das ist, was Du beabsichtigt hast – die Umkehrung der Sichtbarkeit vom Kunstobjekt und seinem Betrachter, was, ich wiederhole es, ein sehr reizvoller Effekt ist. Ich hätte deshalb dafür gesorgt, dass er nicht emhr als technischer Fehler des Fotografen missinterpretiert werden kann.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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3 Kommentare

  1. Eigentlich schade, daß bei diesem Bild keine Diskussion aufkommt – die Motividee ist klasse und hätte solches verdient. Das “Anstossen” am oberen Ende und der m. E. zu üppige leere Raum (insbesondere links) schmälert die Bildwirkung. Ein Hochformat wäre evtl. wirksamer gewesen. Das leichte Changieren der Silhouette in den Zonen 0 bis II empfinde ich hingegen nicht als so störend.

  2. Für die konstruktive Kritik von Peter Sennhauser danke ich sehr,insbesondere hinsichtlich des Kontrastes,um die beabsichtigte und gewünschte Bildaussage deutlicher werden zu lassen.

    Zum Kommentar von Dr. Thomas Brotzler: ich habe die Anregung zum Format gerne aufgenommen und einen anderen
    Zuschnitt vorgenommen. Wirkt auch sehr gut, bleibt aus meiner Sicht aber letztlich eine Frage der individuellen Sehweise und -gewohnheit.
    Was das Anstossen am oberen Ende betrifft, so werde ich mal sehen, ob man mit Photoshop (ich bin Anfänger) eine Erweiterung hinzufügen kann, um diesen “Mangel” zu beheben. Der fehlende Raum ist dem Schnappschuss geschuldet.

    • “eine Frage der individuellen Sehweise und -gewohnheit”

      Gewiß gibt es erhebliche Freiräume im gestalterischen und künstlerischen Bereich. Über kalkulierte Regelbrüche, die frische Sichtweisen aufzeigen, haben wir hier (bei anderen Bildern) auch schon vielmals diskutiert. Ein anderer, auch wichtiger Aspekt ist freilich jener nach der “Verdaulichkeit” des Bildes für den Betrachter, die dem Fotografen letztlich im Sinne der Verwertung entgegen kommt – und “leichtverdaulicher” mag für viele eben die Platzierung des aussagewichtigen Bildteils (und das ist hier zweifellos das Dreieck zwischen Kopf des Betrachters, seiner in der Halt gehaltenen Brille und dem Bild im Bild) etwa im Viertel bis Drittel des Gesamtbildes sein. Andere Platzierungen bedingen andere Wahrnehmungen, wie hier eben das obere Anstossen im Sinne einer Gefangenschaft bzw. Verkürzung.

      “eine Erweiterung hinzufügen … dem Schnappschuss geschuldet”

      Die schönsten Beispiele der Streetfotografie entstehen aus einer Synthese aus schneller Komposition und wacher Intuition, wobei mancher Bildausschuß gerade zu Beginn nicht vermieden werden kann. Man kann es nicht planen oder inszenieren, sondern muß den “entscheidenden Augenblick” abpassen, oder wie Cartier-Bresson es an anderer Stelle ausdrückte: “Fotografieren heißt den Atem anzuhalten, wenn sich im Augenblick der flüchtigen Wirkung all unsere Fähigkeiten vereinigen. Kopf, Auge und Herz müssen dabei auf eine Linie gebracht werden”

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