Mario Giacomelli:
Orte, Landschaften, Seelenzustände

Mario Giacomellis Bilder entstanden im kleinen Radius seiner italienischen Heimat und gingen doch um die Welt.

Grobe Körnung, Unschärfen, Über- und Unterbelichtung – Giacomellis Fotos verstoßen gegen gängige technische Standards. Er verbindet damit grafische Wirkung und realistische Darstellung – diese Seelenzustände, die er damit ausdrücken wollte.

Mario Giacomelli begann Anfang der Fünfzigerjahre zu fotografieren. Bereits 1964 verhalf ihm eine Ausstellung im Museum of Modern Art in New York zu internationaler Bekanntheit, wie die Ausstellungsmacher mitteilen. 1998 war er immerhin im Pariser Louvre zu sehen. Und das, obwohl seine Arbeiten in dem schmalen Radius in und rund um seine Heimat Senigallia in der Region Marken entstanden ist.

Über seine spezielle Methode der technischen Bildgestaltung sagte Mario Giacomelli:

“Das Unscharfe, das Lebhafte, die Körnung, das sich verschluckende Weiß, das geschlossene Schwarz – all dies ist wie eine Explosion der Gedanken und gibt ihnen ein dauerhaftes Bild. In der Fotografie treffen Harmonie des Materials und Realität aufeinander und dokumentieren in ihrer ewigen Wiederkehr das Drama des Lebens.“

Mario Giacomelli fasst seine Einzelbilder zu Bildserien zusammen, bestimmt immer wieder neu deren Abfolge und nimmt so Bezug auf das Medium der Erzählung. In Geschichten – so Giacomelli – lassen sich eher Ideen entwickeln als in Einzelbildern. Die Serie „lo non ho mani che mi accarezzino il viso“ – “Ich habe keine Hände, die mein Gesicht streicheln“ , entstanden zwischen 1961 und 1963, bildet tanzende, spielende, arbeitende und musizierende Priester ab. Allen Bildern gemein ist das Moment der körperlichen, ausgelassenen Bewegtheit. In der Wiederholung dieses Moments formt sich Giacomellis Idee eines Geistlichen als ganzheitliches Wesen. Die Priester auf seinen Bildern unterdrücken entgegen der vatikanischen Lehre eben nicht ihre Körperlichkeit und ihre Affekte.

Vor diesem religiösen Hintergrund sind auch die Serien „Verrà la morte e avrà i tuoi occhi“ – “Es wird der Tod kommen und er wird deine Augen haben“ (1955 bis 1956), “Vita d’ospizia” – Bilder aus dem Altenheim in Senigallia und “Lourdes” – Reisen der Hoffnung (1957 und 1966) zu verstehen, in denen Leiden, Krankheit, Aufopferung, Sterben und Vergehen in ihrer Körperlichkeit erfahrbar werden. In der Draufsicht und der Reduzierung auf reines Schwarz und Weiß werden die Figuren zu schwirrenden Flecken auf weißem, unbestimmten Grund. Giacomelli verbindet so auf seine einzigartige Weise eine abstrakt flächenhafte und grafische Inszenierung mit einer realistischen Darstellungsweise. Neben den genannten Serien sind in der Berliner Ausstellung Aufnahmen aus Scanno zu sehen, dem Dorf in den Abruzzen, das schon Cartier-Bresson faszinierte sowie perspektivisch ungewöhnliche Landschaftsaufnahmen. Mit “La buona terra” präsentiert die Schau einen Bildessay über das Leben der Landarbeiter.

Mario Giacomelli, sagte über seine Arbeit:

“Jedes Foto ist wie ein Bild von mir, der Boden hier (Anmerkung: in Senigallia) ist wie ein Spiegel, von dem ich reflektiert werde. Ich bin mit diesem Boden verbunden, ich möchte ihn bewahren, aber gleichzeitig möchte ich auch mich bewahren… Auf diesem Foto herrscht Trauer, denn die Trauer steckt in mir, in meinem Charakter.“

Mario Giacomelli lebte von 1925 bis 2000. Auf der offiziellen Website für Mario Giacomelli können wir uns die Bilder anschauen und erfahren etwas mehr, wenn wir die italienische Sprache lesen können. Das Willy-Brandt-Haus und das Italienische Kulturinstitut Berlin konnten jetzt hundert Originalfotografien von Mario Giacomelli aus der Zeit zwischen 1952 und 1980 ausleihen und zeigen sie aktuell in Berlin. Einen Bildband gibt’s bei Phaidon Press in englischer Sprache – Titel Mario Giacomelli (Affiliate-Link).

Fotografien von Mario Giacomelli – Orte, Landschaften, Seelenzustände
Bis 22. Januar 2012
Willy-Brandt-Haus, Stresemannstraße 28, D-10963 Berlin
+49 (0) 30-259 93 787, E-Mail: Kontaktformular

Mario Giacomelli – offizielle Website (italienisch)
Mario Giacomelli bei Wikipedia
Willy-Brandt-Haus Berlin

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2 Kommentare

  1. DKlein
    schrieb am 5. Januar 2012 um 01:09 Uhr (#)

    Hallo !

    Ein schöner Pusch, mal so jemand wie Mario Giacomelli vorzustellen.
    Ich habe mich – überfliegend – durch die Bild-Ranges durchgeklickt – und finde da viel mehr, als der – sorry – etwas eingrenzende obige Text und die Beispielbilder vermuten lassen. Mag ja Giacomelli nun viel über Heimatboden erzählt haben, aber in Wirklichkeit war er offensichtlich ein Experimentateur, der die herrschenden Kunstströmungen seiner Zeit aufgegriffen hat.
    Ein schönes Beispiel für die dynamische Synthese von Fotografie und Malerei ! Denn das ist es, was Giacomelli macht – fotografierend malen ! Der Mann war ja Expressionist, Abstrakter, Surrealist, Informeller in einer Person.
    Die Serie “Bando” erinnert mich sehr stark an den italienischen Abstrakten Emilio Vedova, der zur gleichen Zeit lebte.
    Die Moderne der 60er, 70er Jahre – mithin heutzutage bereits Kunstgeschichte – und jenseits der Zeitenwende von Kodak zu Canon wohl schwer zu empfangen…

  2. Horst Hazfeld
    schrieb am 10. Januar 2012 um 02:37 Uhr (#)

    Vorgestern konnte ich die Ausstellung im Willy-Brand-Haus sehen. Die Serie “Verrà la Morte e Avrà i Tuoi Occhi”, die in einem Altenheim entstanden ist, hat mich umgehauen. Den Übergang zwischen Leben und Tod in dieser Härte und Direktheit zu sehen schockiert, unser aller Schicksal wird plötzlich in seiner unausweichlichen Brutalität bewusst. Die für Giacomelli typische grafische Bildkomposition verstärkt die suggestive Wirkung, schwarze Bildflächen durchtrennen oft die Komposition. Nur ein Fotograf der in seinem Ort und mit den Menschen in seiner Umgebung so stak verbunden ist wie Giacomelli ist in der Lage ein solches Werk in dieser Intensität zu schaffen.

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