Dokumentation:
Soldaten im Sandsturm

Dokumentarbilder müssen ihre Aussage eindeutig transportieren – wobei die Aussage auch in einer Stimmung liegen kann.

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Marcel C.).

Kommentar des Fotografen:

Das Bild ist während meines Afghanistaneinsatzes in Kundus enstanden. Ich wollte die angespannte Stimmung bei wenig Sicht im Feindesland einfangen und frage mich ob ich das auch für diejenigen ohne Bezug zum Bild hinbekommen habe. Als Titel dachte ich mir das „Schönwetterfront“ ganz gut passen könnte.

Peter Sennhauser meint zum Bild von Marcel C.:

Ein Soldat in Wüstenausrüstung steht in diesem Farbbild im rechten Vordergrund am Rand einer Piste vor gepanzerten Fahrzeugen und einem kleinen Trupp seiner Kameraden. Die Luft scheint sandgeschwängert, der Mann schützt Gesicht und Kopf mit einem Tuch.

Diese Aufnahme weckt im Betrachter Beklemmung:

Hier ist ein militärischer Einsatz unter Umständen zu sehen, die man sich unter keinen Umständen wünscht: Der Fahrzeugtross im Hintergrund macht den Eindruck, unfreiwillig zu stehen; die Sicht ist minimal und der Sand in der Luft ist fast spürbar. Die Blicke von zweien der drei Männer im Hintergrund und die Gehrichtung des Soldaten im Vordergrund deuten eine Anspannung an, die sich nach links richtet; die gesamte Situation scheint unwillkommen, ungeplant und verunsichernd zu sein.

Insofern hast Du Dein Ziel erreicht, wenn auch nicht mit einem optimalen Bild – wenn es sowas überhaupt gibt. Zwar kommt die Botschaft so herüber, wie Du es erwartet hast, allerdings ist das Bild nach anderen Gesichtspunkten nicht ganz geglückt. der Mann im Vordergrund könnte vor allem überzeugender wirken. Zum einen sind Menschen in Bewegung nicht immer gleich zu fotografieren; hier ist nicht ganz eindeutig, wohin und ob er sich wirklich bewegt, ein angefangener Schritt widerspricht der rückwärts gelehnten Haltung des Oberkörpers. Gehende Menschen fotografiere ich deswegen meistens im Serienmodus und wähle dann das Bild mit der dynamischsten und deutlichsten Schrittformation.Ausserdem hat er das Gewehr gerade nur in der rechten Hand mit dem Pistolengriff und es scheint irgendwie vor seiner Brust herumzubaumeln, was nicht das Gefühl der Anspannung und der Gefechtsberetschaft vermittelt.

Kompositorisch ist zwar gut, dass der Soldat im Vordergrund Raum hat, in den er sich bewegen kann und der mit der Blickrichtung der Männer im Hintergrund übereinstimmt – aber dafür ist der Rest des Geschehens etwas gar nahe an den rechten und oberen Bildrand geschoben. Und schliesslich würde mehr Negativraum zur Linken, die gelbe Wolke der Wüste, das Gefühl der aus der undurchsichtigen Sandwand herrührenden Beklemmung verstärken. ich kann mir vorstellen, dass sich hier mit einer Serienaufnahme eine bessere Haltung des Mannes im Vordergrund und mit einem Schritt des Fotografen nach rechts eine etwas spannendere Komposition hätte erreichen lassen.

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3 Antworten
  1. Swonkie says:

    Die monochrome Einfärbung passt hier gut um die „sandigkeit“ der Szene zu unterstreichen.

    Der Soldat im Vordergund sieht für mich durchaus gefechtsbereit aus. Das Gewehr vor sich, angebunden, eine Hand am Pistolengriff. Das macht man so und es dauert bloss etwa eine Sekunde von dieser Position aus zu entsichern, zielen und abzudrücken.

    Allerdings finde ich die Körperhaltung aller Personen nicht extrem angespannt, sondern eher „routinemässig“. Die Situation kann ja durchaus heikel sein, aber man sieht, dass die Soldaten jetzt nicht am Anschlag sind und das macht das Bild halt auch etwas unspektakulärer.

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  1. […] Platz überzeugte.Marcel C. nennt seine Fotografie, die im Einsatz in Afghanistan entstanden ist, “Schönwetterfront”. Claudia Portmann-Caminada hat in Venedig die vielfotografierte Architektur von der Rialtobrücke […]

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