Digitales Konzeptbild:
“Die Jungfrau” einmal ganz anders

Berühmte Künstler zu “zitieren”, ist immer mutig, sie umzuinterpretieren gewagt.

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Horst Hazfeld).

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Kommentar des Fotografen:

Tableau Vivant nach dem Gemälde “Die Jungfrau züchtigt den Jesusknaben vor drei Zeugen” von Max Ernst. Im Originalbild liegt der Jesusknabe mit dem Rücken nach oben gewandt auf dem Schoß der Maria. Der auf dem Boden liegende Heiligenschein – hier durch den Knebel ersetzt – symbolisiert die Entheiligung des Jesuskindes, ein unerhörter Vorgang. Das Bild war deshalb auch Anlass für die Exkommunikation Max Ernst´s aus der Katholischen Kirche. In meiner Interpretation wird der Jesusknabe durch den Fetisch – Frauenbeine – ersetzt, Requisiten wie die Reitgerte und der Knebel lassen Assoziationen zur SM-Szene zu. Der Kulissenartige Hintergrund wurde, passend zum Thema, aus der Fassade des Diözesanmuseum Köln in PS konstruiert. Der Wandel von Moralvorstellungen, Sexualpraktiken und Toleranz, oder Inntoleranz der Kirche, wird im Kontext des Originalbildes thematisiert.

Profi Sofie Dittmann meint zum Bild von Horst Hazfeld:

Dein Bild war für mich ein “gefundenes Fressen”, wie man so schön auf Deutsch sagt. Erstens einmal sehen wir so etwas hier nicht alle Tage, und zweitens MUSS man das Bild interpretierend besprechen, wovon ich sonst meistens (u.a. aus Platzgründen) absehe.

Berühmte Künstler zu “zitieren”, ist immer mutig, sie umzuinterpretieren gewagt. Wenn man dieses auch noch in einem anderem Medium tut… Zunächst einmal ein paar Worte zum Original:

Als Max Ernst, ein berühmter deutscher Vertreter des Dadaismus und Surrealismus, das Original “Die Jungfrau züchtigt den Jesusknaben” 1926 zum ersten Mal in Paris ausstellte, löste er damit einen Skandal aus. Später in Köln erwirkte der Kölner Erzbischof die Schließung der Ausstellung und exkommunizierte Max Ernst wegen Gotteslästerung.

Allgemein wird das Original als Kritik Ernsts nicht nur an der Katholischen Kirche und ihrer Madonnenverehrung, sondern auch als Auseinandersetzung mit seiner eigenen Jugend in einem extrem streng-katholischen Haushalt verstanden, wo körperliche Züchtigungen an der Tagesordnung waren. Die Jungfrau ist, wie auch in “klassischen” Madonnendarstellungen sonst auch, in rot und blau gekleidet, das Jesuskind ist nackt. Es wird allerdings nicht, wie sonst üblich, lieblich auf dem Arm gehalten, sondern vor den Augen von drei Zeugen (u.a. dem Maler selbst) mit der bloßen Hand so geschlagen, daß seine Pobacken bereits gerötet sind. Die “Zeugen” in Max Ernsts Bild schauen nicht wirklich hin, und eingegriffen wird schon gar nicht.

Du hast hier das berühmte Original dahingehend uminterpretiert, daß Du a) den Jesusknaben durch Frauenbeine aus Plastik ersetzt hast, und b) den Heiligenschein durch einen Knebel. Es wird auch nicht mehr mit der bloßen Hand geschlagen, sondern mit einer Reitgerte, und aus drei “Zeugen” wurde einer. Der Raum ist fast vollständig dem Original nachempfunden. Auch trägt die Frauengestalt rot und blau.

Wenn Du auch Max Ernst offen zitiert hast, hast Du doch mit diesem Bild etwas geschaffen, was von ihm losgelöst interpretiert werden muß. Die Frauengestalt hat für mich etwas von einer Domina, allerdings paßt es nicht, daß sie unter dem Bustier noch ein Tanktop trägt. Auch der lange Rock paßt zum Bild der Domina nicht. Ich hätte ihn zumindest so aufgeschlitzt, daß man das dem Betrachter zugewandte Bein vollständig sieht. Die “Madonna-Domina” wirkt, als hätte man sich nur halb getraut, sie auszuziehen.

Sie schlägt mit der Reitgerte auf Plastik-Frauenbeine ein. Diese kann man als Fetisch interpretieren, als etwas, das von Männern idealisiert und sexualisiert wird, insbesondere mit Schuhen wie diesen. Allerdings könnte man argumentieren, daß es in einer SM-Situation darum geht, daß die Domina den Mann erniedrigt – wie dazu die Frauenbeine passen, ist mir nicht ganz klar. Das wird auch dadurch bestätigt, daß ein Knebel auf dem Boden neben der Frauengestalt liegt.

Du hast, wie oben erwähnt, nur einen Zeugen belassen. Der wirkt hier, als befände er sich in einer Peepshow, macht aber auch irgendwie einen desinteressierten Eindruck. Er schaut dabei zu, wie die “Jungfrau” auf die Frauenbeine einschlägt. Es heißt, daß Männer davon angesprochen werden, wenn Frauen sich mit Frauen vergnügen, aber in diesem Kontext (Knebel) paßt es für mich wiederum nicht ganz.

Fazit ist, daß irgendwie durchdringt, was Du hier versucht hast, aber es wirkt wie nicht ganz zu Ende gedacht.

Zum Technischen selbst ist noch zu sagen, daß sich auf der rechten Achsel des Modells ein merkwürdiger Schatten befindet, der wohl durch die ursprüngliche Aufnahme verursacht wurde, mich hier aber stört. Auch stimmen die künstlichen Schatten nicht ganz mit den Lichtverhältnissen des ursprünglichen Bildes überein. Diese kann man, wenn man es in Photoshop geschickt anstellt, so mit in ein anderes Foto bringen, daß es vollkommen natürlich wirkt. Daß die Fotoelemente des Bildes leicht verschwommen aussehen, mag an der Auflösung liegen.

Insgesamt meines Erachtens ein guter Ansatz, an dem ich allerdings noch etwas feilen würde.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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4 Kommentare

  1. Sofie, danke für die sehr ausführliche, konstruktive Kritik und deine persönliche Interpretation. Maßgebend für die Auswahl der Requisiten und der Kleidung war das Kopieren der Bildkomposition des Originals. Eine radikalere Interpretation währe sicher auch sehr spannend gewesen, das war aber hier nicht gewollt. Motivisch muss ein Bild nicht zwingend logisch sein, Brüche sind durchaus beabsichtigt und lassen unterschiedlichste Interpretationen zu. Ich hatte auch nicht den Anspruch eine photorealistisch PS-Montage zu schaffen. Heute würde ich noch weiter gehen, und das Bild in Dada-Manier “analog” collagieren.

    LG Horst

  2. Horst, das ist ja gerade das Schöne an Bildinterpretationen – jemand anders wird das Bild anschauen und etwas ganz anderes dazu meinen. In Porträts meinerseits sind schon Dinge aufgetaucht, die hätte ich nie vermutet.

    Ich persönlich fand es SUPER, mal so etwas geboten zu bekommen – etwas vollständig anderes, und leider habe ich damals Deine Ophelia verpaßt. :) Weiter so!

  3. An dieser Stelle nochmals vielen Dank an Dich, Sofia, und an das Fokussiert-Team. In den meisten Fotoportalen und Foren wird viel Unsinn geschrieben. Nicht so in Fokussiert, euere fundierten und konstruktiven Bildkritiken sind eine große Bereicherung im Web. Danke für eueren Einsatz und die Begeisterung für die Fotografie. Es lohnt sich immer wieder bei euch reinzuschauen.

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