Konzertfoto:
Musiker ohne Kopf

Auch, wenn es in einem Bild hauptsächlich darum geht, Stimmung einzufangen, sollten bestimmte Elemente trotzdem vorhanden sein.

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Katharina Heinrich).

Kommentar des Fotografen:

Nikon F3, Film: TMAX 3200. Konzertfotografie mal anders. Es geht mir um Stimmung und die Musik, nicht um die jeweiligen Musiker. Das vorhandene Licht verwenden ohne die Stimmung wegzublitzen.

Profi Sofie Dittmann meint zum Bild von Katharina Heinrich:

Gute Fotos leben von Stimmung und/oder Details, welche, im Idealfall effektvoll komponiert, eine Bildaussage ergeben, die den Betrachter bewegt. Wie der Fotograf das umsetzt, bleibt ihm überlassen. Manche Bilder leben hauptsächlich von Stimmung, andere hauptsächlich durch Details, die man nach und nach im Foto entdeckt. Am einen Ende des Spektrums – überwiegend Stimmung – stelle man sich etwa eine Aufnahme vor, die verschwommen etwas im Nebel zeigt, am anderen eine Makrofotografie, die detailliert den Kopf einer Fliege zeigt.

Konzertfotos sind eine Kunst für sich:

Es gilt, den Musiker oder die Band in einem Augenblick einzufangen, der nicht nur die Stimmung des Konzerts festhält, der die Musik irgendwie mitschwingen läßt, sondern auch die Emotionen im Gesicht oder der Haltung des Musikers. Ein meines Erachtens gutes Beispiel ist ein Bekannter meinerseits, Juan-Carlos Hernandez, der sich auf diese Art Fotografie spezialisiert hat. Manche seiner Aufnahmen sind Stimmung pur, andere eine Mischung, manche sehr experimentell, andere „klassisch“. In allen Fällen hat er jedoch die Regeln eindeutig gekannt, wenn er sie gebrochen hat.

Du hast hier Deiner Aussage nach die Stimmung des Konzertes einfangen wollen. Man blickt, wie der Musiker selbst, ins Scheinwerferlicht. Zu sehen ist nur die Silhouette des Sängers, sein ausgestreckter Arm mit Mikrofon. Da man bei Bühnenaufnahmen nie mit Blitz arbeiten sollte, sondern statt dessen mit einem schnellen ISO, ist die Körnung entsprechend hoch, wie hier auch ersichtlich. Das paßt zum Foto, es gibt ihm, wie auch die Schwarzweißumsetzung, einen dokumentarischen, spontanen Charakter. Auch in einem Fall wie diesem sollten allerdings bestimmte Elemente trotzdem vorhanden sein – oder gekonnt weggelassen werden.

Was mir an Deinem Foto negativ auffällt, ist, daß der Sänger seinen Kopf verloren hat. Er sieht irgendwie aus wie Quasimodo, und daran ändert auch die Tatsache nichts, daß man die Haare noch so andeutungsweise sieht, denn auf der rechten Seite verschwimmt alles ins Schwarze. Hätte man ihn mit gesenktem Kopf etwa im Halbprofil gesehen, wäre das meiner Meinung nach eine bessere Aufnahme geworden. Das Bild hätte immer noch von der Stimmung profitiert.

In der Rubrik „Bildkritik“ analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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8 Antworten
  1. drachenkind says:

    ich mache auch oft und viel konzertfotos, weil musik in meinem leben und meinser szene eine große rolle spielt. allerdings nicht heavy metal ;P. dafür punk/ streetpunk. was ich sagen wollte. auch da geht es manchmal rasand ab, inzofern weis ich wie schwierig es ist, schnelle situationen bei schlechtem licht mit der nicht highttechnischsten technik einzufangen..ich denke mal du hast die stimmung erfasst und wolltest sie festhalten. kopf dran oder ab..egal..aber gerade da hast du den fehler gemacht, weil das gesamtpaket dann nicht mehr passt. fliegende haare wären hier ein schönes klischeemerkmal des musikers. in der situation wenn er den kopf zurückwirft. darauf wartet man hier förmlich. dann wäre es richtig gut geworden. lg

    ps: ich versuche immer die situation abzupassen, in der irgendwas gerade stillsteht..gesicht möglichst..da heisst es serienbildmodeus und immer am ball bleiben..

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    • Agata says:

      Ich mag Konzertfotografie deswegen habe ich dieses Bild direkt angeklickt. Leider muss ich Sofie Dittmann zustimmen – ich habe direkt den Kopf des Musikers im Bild gesucht, nicht gefunden und war irritiert.
      Ich wusste auch intuitiv, warum er fehlt bevor ich die Erklärung gelesen habe, ich wusste auch, dass er definitiv irgendwo ist ;-) Leider nur nicht im Bild. Mit einem Kopf/Kopfandeutung wäre das ein stmmungvolles Bild. Aber bestimmt beim nächsten Mal:) Lieber Gruß!

  2. Katharina Heinrich says:

    hallo,
    äh, erstmal danke, dass ihr mein bild überhaupt ausgewählt habt.

    ich habe mir natürlich die homepage von dem herrn juan carlos angeschaut. die sind bestimmt nicht schlecht, aber mein stil ist es leider nicht.

    lieber thomas, mich freut es ungemein, dass du siehst, dass sich der musiker bewegt. ich wollte das hier noch in mein rück-kommentar rein schreiben.
    wir befinden uns auf einem heavy heavy metal konzert, um genauer zu sein, death metal. der sänger schüttelt in rasanter geschwindigkeit sein haar. klar, dass das meine etwas längere belichtungszeit, das nicht so exakt einfängt, wie wenn ich geblitzt hätte (aber ich schrieb ja schon, dass ich blitz und konzertfotos doof finde ;) )
    hier ist natürlich die frage, wie sehr man seine bilder den zuschauern erklären muss. und ob „richtig“ gute bilder nicht mehr erklärt werden müssen.
    egal :)

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    • Dr. Thomas Brotzler says:

      „hier ist natürlich die frage, wie sehr man seine bilder den zuschauern erklären muss. und ob ‚richtig‘ gute bilder nicht mehr erklärt werden müssen. Egal.“

      Egal finde ich es nicht, denn es ist doch legitim, wenn wir uns Gedanken machen, wie wir unsere Bilder möglichst wirksam präsentieren können. Ich persönlich neige zur Auffassung, daß ein wirksames Bild den Betrachter insbesondere auch auf subtilen, nichtsprachlichen Kanälen erreicht – wahrscheinlich ist es das, wenn wir davon sprechen, daß uns ein Bild „tief berührt“. Dies hindert mich andererseits nicht, etwa bei meinen Ausstellungen mit einem begleitenden Exposé und den Bildtiteln ein wenig die Richtung der Wahrnehmung und Empfindung anzudeuten – denn mit dem berühmt-berüchtigten „ein Bild muß für sich selbst sprechen“ kann man (wiederum nach meinem Empfinden) den Betrachter leichthin rätselnd alleine lassen.

      Was Deine Arbeit angeht, liebe Katharina, könnte ich mir sehr gut vorstellen, daß mit einer knappen und andeutenden Betitelung wie „in Bewegung“ oder (neudeutsch) „motion“ einerseits Deine Absichten verdeutlicht und andererseits dem Betrachter Interpretationsräume geöffnet werden.

    • Sofie Dittmann says:

      @Katharina, es ist ja nicht so, daß ich nicht gesehen hätte, daß der Musiker sich bewegt. Ich habe auch schon Konzerte fotografiert – es heißt dort, Situationen vorherzuehen und auch bei solch schwieriger Beleuchtung im richtigen Moment auf den Auslöser zu drücken. Und nicht, so wie hier, wenn der Kopf, den er wohl den Moment davor noch oben hatte, schon wieder unten ist. :)

  3. Dr. Thomas Brotzler says:

    Mir gefällt die in dieser Arbeit verwendete, vage und verhuschte Bildsprache sehr gut. Die Dynamik des Augenblicks wird m. E. sehr gut transportiert. Rückenporträts, insbesondere scherenschnittartige, sind seit CDF beliebte Identifikations- und Einstiegspunkte für den Betrachter. So ging es auch mir, und die rasante und ekstatisch anmutende Bewegung des Musikers erschloß sich mir unmittelbar. Insofern fand ich persönlich das Wegdrehen des Kopfes nicht so störend wie Du, liebe Sofie. Der Musiker blieb für mich „ganz“ … auch der von Dir zitierte Juan-Carlos Hernandez scheint übrigens mit Torsi zu arbeiten.

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    • Sofie Dittmann says:

      @Thomas Ja, Juan-Carlos ist sehr vielseitig, weiß allerdings wie erwähnt Regeln gekonnt zu brechen – bei diesem Foto kann ich das nicht erkennen. :) Hier fehlt mir trotzdem der Kopf…

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