Autostilleben:
Angedeutete Formen

Schwarz-Weiss-Fotografie wirkt besonders durch Linien, Licht und Formen. Das geht gut zusammen mit Autos und anderen Designobjekten.

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Frank Wahner).

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Frank Wahner).

Kommentar des Fotografen:

Ein ausgedientes Cadillac Deville Coupé von 1955, das auf dem Hof eines Autohändlers sein Gnadenbrot geniesst. Schon tagsüber ein respektabler Anblick, lassen sich bei Nacht, wenn die Straßenlaterne von links durch den Fahrerraum strahlt und vorne auf der Straße Fahrzeuge hinzukommen, mit den Formen der Karosserie schöne Motive gestalten.

Peter Sennhauser meint zum Bild von Frank Wahner:

In dieser hochformatigen Schwarz-Weiss-Fotografie ist ein Teil der Karosserie eines Autos aus den siebziger Jahren oder von noch früher zu sehen. In einem kühnen Bogen schwingt sich von unten links eine Chrome-Scheibenfassung durch das Bild in die Linke Mitte.

Darüber ragt in einer Diagonalen die Windschutzscheibe des Fahrzeugs nach links oben; wir blicken durchs Glas ins Autoinnere. Im Hintergrund ist unter einer Strassenlaterne ein weiteres Fahrzeug in der Tiefen-Unschärfe gerade noch zu erkennen.

Inzwischen ist es eine häufig gesehene Masche, aus einem nicht sonderlich spannenden Bild eine Schwarz-Weiss-Version zu machen, um dem insgesamt mässigen Bild einen künstlerischen Anstrich zu verleihen. Umso wohltuender ist es, Schwarz-Weiss-Fotos zu finden, die offensichtlich mit geschultem Auge gesehen und fotografiert wurden.

Diese Aufnahme ist lebendig, und zwar ganz ohne Farbe und ohne konkretes Subjekt im Motiv. Hier sind Andeutungen, Linien, Flächen, Materialien zu sehen; es sind elegante Kurven zu erahnen und in schummrigem Licht im Hintergrund zu vermuten.

Es ist der Unterschied zwischen Bild und Abbildung, zwischen Form und Gegenstand, zwischen Erotik und Pornographie: Andeutungen, Verlockungen, Reize statt Hochglanz-Inszenierung. In einem winzigen Ausschnitt aus dem Design des Autos, das Du zum Motiv gemacht hast, zeigst Du ein Fülle von Elementen seiner Ästhetik. Materialien, Linien, Formen, Lichtspiele; Chrom, gebogenes Glas, Lack und Leder, Glanz und Mattheit.

Das ist keine Schnappschuss-Fotografie, das ist erkennbar geplant, beobachtet und gut gesehen, vermutlich perspektivisch ausgereizt und sorgfältig ausgewogen. Das Husarenstück der Aufnahme besteht darin, trotz fachkundiger Kenntnisse über das Motiv von der Marke über den Typ bis zum Baujahr der Versuchung zu widerstehen, es als ganzes abzubilden und Dich stattdessen der Verliebtheit in die Form zu widmen.

Dein Kommentar lässt vermuten, dass Du den Wagen tagsüber gesehen und die Möglichkeiten für die Fotografie des nachts antizipiert hast. Diese Fähigkeit ist erstrebenswert und nur zu erreichen, indem man die Möglichkeiten auch wirklich ausprobiert, abends nochmals hingeht, die Vermutungen überprüft und die Perspektiven durchgeht: In der Landschaftsfotografie genauso wie hier. Dazu kann man nur gratulieren.

Mich lässt lediglich die Randnähe der Lichter oben rechts ein bisschen zögern und fragen, ob sie nicht ein Mü weiter ins Bild hineingebracht hätten werden müssen. Und das kleine Staubkorn im Wageninnern auf dem Leder der Innenausstttung, es zieht mich immer wieder an und wirkt ablenkend – aber weggeklont würde es die Aufnahme möglicherweise zu sehr sterilisieren. Auf jeden Fall handelt es sich hier um eine echte Schwarz-Weiss-Fotografie.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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3 Kommentare

  1. Tolle Aufnahme! Den Ausschnitt und die Perspektive muss man erst mal “sehen”. Etwas störend wirken auf mich die Lichter in oberen rechten Quadranten. Nicht ob ihrer Lage am Bildrand, sonder eher die ovale Form und dominanz durch die Helligkeit lenken meinen Blick stehts wieder auf diese
    beiden Lichtpunkte.

    LG Uwe

  2. Mir geht es wie dem Uwe – eine sehr poetische Szene, fast ein natürliches Stilleben, welches dem Betrachter “viel Platz zum Träumen und Ergänzen” läßt; aber die Lichter rechts lenken doch sehr ab, hier wäre ein vorsichtiges Nachbelichten oder lokales Herunterziehen des Kontrasts zu erwägen.

  3. Danke für die Kommentare, das mit den Lichtern werd ich machen. Ich dachte zu Anfang, es wäre ein guter Einstieg, weil man eine Weile braucht, bis die Form des Autos klar wird, aber sie stechen doch sehr hervor.

Ein Pingback

  1. [...] dem Hinweis löst sich ein Rätsel, das vorher gar keines ist. Frank Wahner, der hier bereits mit einem anderen Autostillleben zum Zuge gekommen ist – hat das Bild in der Kategorie “Abstraktion” eingereicht [...]

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