Stadtlandschaft:
Das kalte Paradies

Je mehr gleichförmige Flächen ein Motiv aufweist, desto bedeutender wird eine bewusste Bildaufteilung.

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Kommentar des Fotografen:

Das Bild ist während eines Urlaubs in St. Petersburg entstanden. Das “Paradise Café” steht an einer tristen, von Plattenbauten gesäumten Standpromenade am Golf von Finnland. Die Temperaturen waren sehr niedrig, ein kalter Wind wehte.

Peter Sennhauser meint zum Bild von Denis Gerlach:

Ein Flacher Pavillon mit Wellblechdach und Fensterfront voller Vorhänge steht auf einem Parkplatz. Das in kyrillischer und lateinischer Schrift als «Café Paradise» angeschriebene Gebäude in der horizontalen Bildmitte wirkt trotz des modernen Werbebanners heruntergekommen; der leere, von Frost bedeckte Parkplatz zwischen dem Fotografenstandort und dem Kaffee und der triste, graue Himmel dahinter sorgen für eine Stimmung der Einsamkeit und Kälte.

Die einfachsten Bilder sind oft die besten.

Dieses “Café” hätte sicher auch viele andere Blickwinkel, Perspektiven und Detailbilder abgegeben. Aber die frontale, extrem nüchterne Sicht, die Du gewählt hast, und der sich zwischen uns und dem Gebäude ausbreitende, autoleere Parkplatz sorgen für eine unangenehme Stimmung, die das Bild ganz ohne weitere Ansichten der Umgebung beherrscht.

Das hat etwas vom Realismus eines Edward Hopper, dessen Gemälde in der Mitte des letzten Jahrhunderts aus der abstrakten Kunst heraus die Malerei in eine emotionale Chronistenrolle erhob: Hoppers Bilder betonten die Einsamkeit und die Anonymität in der Gesellschaft.

In deiner Aufnahme stehen Wunsch und Realität sich gegenüber – das Café, das in vielen Sprachen auf den Schildern begrüsst und international wirken will, dabei aber ärmlich und vereinsamt herüberkommt. Der Parkplatz vor dem Gebäude drückt es aus, und es ist gut, dass Du ihm ausreichend Platz gelassen hast.

Vor allem aber wird das ganze Bild geprägt von Rechtecken: Der gedrängte, flache Pavillon, die in unterschiedlichen Rauhreif-Decken gefärbten Autostandplätze auf dem leeren Platz, selbst der Himmel hinter dem Kaffee mit den horizontalen Linien fügt sich in die Auftürmung von Rechtecken ein.

Das ist insgesamt gut arrangiert, aber der Bildausschnitt wirkt ebenso rechteckig, zentriert und damit weniger anziehend, als wenn darin ein deutliches Ungleichgewicht herrschen würde. Gleiche Formen und Flächen in einem Bild schreien geradezu danach, vom Fotografen bewusst komponiert, in eine Relation oder einen Kontrast gesetzt zu werden und damit dem Betrachter eine Mischung aus Eintönigkeit und optischer Spannung zu bieten.

Normalerweise hätte ich geraten, das Gebäude an den unteren Bildrand zu rücken und unter einem erdrückend grossen Himmel vereinsamen zu lassen – allenfalls sogar in einem Hochformat. Hier aber erfüllt der Autoparkplatz, der ja die Gäste aufnehmen müsste und zudem mit den Rechtecken und der Distanz des Betrachters zum Café einen grossen Anteil an der Stimmung hat, diese Rolle viel besser: Ich hätte also versucht, das Gebäude nach oben zu rücken, vom Himmel nur noch etwas Grau zu zeigen und dafür die Betonwüste vor dem nicht viel weniger hässlichen Pavillon das Bild dominieren zu lassen. Bei geschlossener Blende würde dabei dessen Front immer noch genug zum erforschen anbieten.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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1 Kommentar

  1. Carsten Schröder
    schrieb am 19. Januar 2012 um 18:35 Uhr (#)

    Hallo,
    ich könnte mir einen anderen Schnitt bzw Aufnahme im Hochformat sehr wohl vorstellen. Das Cafe rechts unten, links etwas Luft gelassen und oben viel Himmel, das es etwas erdrückend wirkt! Den Parkplatz würde ich dann persönlich etwas weniger wirken lassen!
    vg Carsten

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