Schnappschuss-Porträt:
Tiefe schafft Nähe

In der Strassenfotografie empfiehlt sich eine offene Blende nicht nur, weil damit ohne grosses Fummeln an der Kamera kurze Belichtungszeiten ermöglicht werden.

[textad]

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Marcel Czechan).

Kommentar des Fotografen:

Dieses Foto ist in Nawabad, nähe Kunduz entstanden. Das Mädchen hat vorsichtig, ängstlich nachgeschaut was plötzlich vor der „Haustüre“ los war. Das wollte ich festhalten.

Peter Sennhauser meint zum Bild von Marcel Czechan:

Ein Mädchen in Asiatischer Bekleidung guckt hinter der Ecke eines Lehmhauses hervor. Zu sehen ist vom gesicht eigentlich nur das rechte Auge und ein Teil der Stirn; das Kind scheint verängstigt. Der Hintergrund des Hochkant-Fotos ist eine weitere Lehmwand einer anderen Behausung.

Natürliche Momente und Begegnungen machen die besten Strassenfotos oder Schnappschüsse. Dabei ist die direkte Interaktion der Protagonisten mit der Kamera nicht unbedingt der ideale Ausgangspunkt, aber eine starke Emotion kann ein Bild enorm aufwerten – hier ist es die Mischung aus Furcht, Scheu und Neugier, die das Mädchen im Kopftuch an den Tag legt. Es entsteht sofort ein Austausch, indem wir uns als Betrachter ein wenig schämen für unsere unverfrorene Neugier, die aber durch diejenige des Mädchens sofort relativiert wird:

Es hat an der Kamera ebenso ein Interesse wie umgekehrt.

Das Bild zieht uns so durch die menschliche Interaktion an, mehr als durch die fotografische Komposition. Wir suchen sofort nach dem Gesichtsausdruck, finden das scheue Auge der jungen Dame und ihre Stirn. Dort blieb ich hängen, weil ich etwas ausmache, was entweder ein Stirnrunzeln oder die Narbe einer Verletzung ist – und hier fangen die Geschichten im Kopf an, zu entstehen.

Bis hierhin ist das Bild sehr gelungen, wenn ich mir auch ein bisschen mehr vom Gesicht des Mädchens wünschen würde – wobei gerade darin ein Teil des Reizes liegt, dass ich mehr herausfinden will.

Technisch und von der Komposition her wünsche ich mir aber noch was von dem Bild. Irgendwie vermischt sich hier nämlich alles: Vordergrund, Subjekt und Hintergrund, weil alles fast in der gleichen Schärfenebene liegt.

Du warst zwar mit einer langen Brennweite unterwegs (160mm), und es ist sehr gut, dass Du den Boden der Gasse hinter dem Mädchen ins Bild einbezogen hast. Aber bei Blende 5.6 ist gerade bei einem grösseren Abstand zum Fokuspunkt (dem Gesicht des Mädchens) der Schärfentiefe-Effekt nicht mehr so ausgeprägt.

Das führt dazu, dass die Lehmwand am rechten Bildrand recht weit in den Vordergrund des Bildes hinein scharf ist. Ebenso ist der Hintergrund für meinen Geschmack etwas zu deutlich akzentuiert. Bei einer weiter geöffneten Blende einer lichtstärkeren Optik wäre just in so einem Schnappschuss eine wesentlich bessere Freistellung des Gesichts erzielt worden, was dem Bild Tiefe und damit der Blickkontakt-Beziehung zum Mädchen mehr Nähe verliehen hätte. Die Alternative zu einer grösseren Blende häte darin bestanden, ein paar Schritte auf das Mädchen zu zu machen – was aber im Bildausschnitt Boden gekostet, dafür eine geringere Schärfentiefe gebracht hätte.

In der Rubrik „Bildkritik“ analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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1 Antwort
  1. Dr. Thomas Brotzler says:

    Auch ich arbeite in der Streetfotografie zumeist mit Blende 5.6 – einen Blendenwert runter am Canon EF 70-200 4.0L, um offenblendige Abbildungsminderung zu vermeiden. Es mag insofern auch gelten, die Möglichkeiten der Ausrüstung mit zu bedenken.

    Mit Deinem Hinweis auf den Motiv-Hintergrund-Abstand hast Du völlig recht, lieber Peter. Freilich war der Augenblick andererseits flüchtig und mußte genutzt werden. Ich meine, daß das Bild sehr gutes Potential hat und im Rahmen einer Schwarzweißkonvertierung und behutsamen Weichzeichnung des Hintergrunds in der Nachbearbeitung noch sehr gewinnen könnte.

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