Schnappschuss:
Dorftratsch mit Blick in die Zukunft

Mit gezielter Fotografie oder Bearbeitung kann man einem Bild ein bestimmte Aussage mitgeben. Nur stimmt diese immer?

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Kommentar des Fotografen:

Fototour im tschechischen Niederböhmen, das vor 1945 zu Deutschland gehörte, das Bild, eher ein Schnappschuss, zeigt aber gut die Perspektivlosigkeit des Lebens in den grenznahen Gebieten zu Deutschland. Bearbeitet das übliche, zuzüglich Vignettierung und warmer Ton. Titel…Dorftratsch

Profi Thomas Rathay meint zum Bild von Günter Kutschke:

Was mir an Günters Bild als Erstes auffiel, waren die leichten Pastelltöne im gut gewähltem Farbkontrast und die korrekte Anordnung der Protagonisten im Bild nach der Drittelregelung. Also rein technisch gibt es nichts auszusetzen. Dann las ich seine Beschreibung dazu:

Und nun war ich sehr erstaunt. Da steht, das Bild spiegele Perspektivlosigkeit und Trostlosigkeit in diesem Gebiet Tschechiens. Deswegen musste ich dazu mal meine Betrachtungen darlegen.

Sicherlich trägt die Bearbeitung des Bildes dazu bei, die Stimmung etwas zu verdunkeln. Das macht schon alleine die hinzugefügte Vignettierung. Die zusätzliche Warmtönung lässt auch eher nostalgische Gefühle aufkommen, die ja nicht immer mit guter alter Zeit zusammenhängen.

Trotzdem erkenne ich in dem Bild einen hoffnungsvollen Blick in die Zukunft. Die Personen sprechen doch schon für sich. Es treffen zwei, vielleicht auch drei Generationen aufeinander, unterhalten sich, tauschen sich aus.

Der Blick des älteren Mannes ist leicht lächelnd in die Ferne, eben in die Zukunft gerichtet. Und selbige steht ja auch vor ihm in Form der Kinder…

Ich gehe mal davon aus, dass es nicht Mutter und Tochter, sondern eher Geschwister sind. Und eine Zukunft mit Kindern ist in jedem Land eine aussichtsreiche. Ich habe dieses Bild, so wie es mir vorlag, noch ein wenig bearbeitet, sozusagen auf strahlende Aussichten getrimmt. Das Ganze wirkt nun etwas heller, freundlicher sowie durch einen leichten Blaufilter erfrischender, die schon etwas vernachlässigten Wände sind in die Unschärfe geraten, und auch der Mann schaut nicht mehr so aus seinem finsteren Loch heraus, ganz leicht kann ich nun ein paar Details seiner Einrichtung erkennen. Anfangs störte mich der Zaun im Vordergrund noch, doch nun nach längerem und öfterem Hinsehen passt er gut ins Gesamtbild, zeigt die gewisse Abgrenzung des Fotografen von der eigentlichen Szene und gibt dem ganzen Foto einen Rahmen, so wie das Fenster dem Mann der aus diesem herausschaut.

Dieses Bildbeispiel zeigt uns wieder ganz gut, wie unterschiedlich jeder ein Bild sieht und das der Fotograf auch immer noch die Eindrücke vor Ort mit im Hinterkopf hat. Wenn es wirklich ein trostlose Gegend war, hat es Günters Bild auf den Punkt gebracht, wenn aber zum Beispiel der Fotograf nur grad einen schlechten Tag hatte und die Leute vor Ort gar nicht so depressiv waren und sind, könnte dies durch eine weitere dezente Bearbeitung mit selbigem Bild uns fernen Betrachtern vermittelt werden.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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10 Kommentare

  1. Uwe S.
    schrieb am 19. Januar 2012 um 14:19 Uhr (#)

    Ich möchte in die Diskussion der Bildaussage erst gar nicht einsteigen. Das Foto zeigt einfach zu wenig Information und lässt sich daher in beliebige Richtungen deuten.

    Interessanter finde ich an dieser Bildbesprechung die beiden weit auseinander liegenden Nachbearbeitungen. Ich frage mich, wie kann es kommen, dass die Bearbeitung des Fotografen etwa eine Blende unterbelichtet ist, hingegen das andere Bild viel zu hell, mit extrem gesättigten Primärfarben?

    Nun, ich vermute es liegt an den unterschiedlichen Bildschirmen, die den Bildbearbeiter falsche Verhältnisse widerspiegeln. Hier ein greller Flachbildschirm eines Office-PC, dort der das trübe Display eines mobilen Notebook-PC.

    Hier werden so viele Bilder besprochen, bei denen es auf annähernd korrekte Wiedergabe von Farben und Kontrasten ankommt. Da würde ich mir wünschen, dass auf fokussiert.com ein paar Testbilder zur Überprüfung der Bildschirmeinstellungen angeboten würden, damit wir nicht grundsätzlich aneinander vorbei reden müssen.

    1. Schreibt hier auf dem Blog Thomas Rathay
      schrieb am 19. Januar 2012 um 14:24 Uhr (#)

      Hallo Uwe,
      nur kurz, ich habe das Bild mit Absicht so hell und gesättigt gestaltet, um eben von der Trostlosigkeit und Farbenferne des Originals weg zu kommen.
      Wie es scheint, sind unsere Monitore schon mal in etwa gleich calibriert ;).

  2. Wolfgang
    schrieb am 19. Januar 2012 um 14:42 Uhr (#)

    Über die Bildaussage kan man in der Tat unschiedlicher Meinung sein, weil die Situatiuon nicht genügend Informationen gibt.
    Ich bin allerdings auch anderer “Meinung” was die Nachbarbeitung angeht. Frischere Farben, eine gewisse Aufhellung, alles okay, aber was Sie dort für eine Schärfevignette mit dem Holzhammer draufgeknallt haben, finde ich ziemlich daneben. Eine Wand, die bei gleichem Abstand zur Kamera innerhalb weniger Zentimeter in Unschärfe versinkt, ein Fenster, von dem die Seitenzargen urplätzlich unscharf werden, das passt vielleicht zu einer Tilt-Shift-Aufnahme, aber doch nicht hier.
    Und den 2000-Watt-Strahler, den sie auf das Fenster gerichtet haben, könnten Sie ruhig auf 400 Watt dimmen ;-)

    Gruß
    Wolfgang

    1. Schreibt hier auf dem Blog Thomas Rathay
      schrieb am 19. Januar 2012 um 14:56 Uhr (#)

      Hallo Wolfgang, zugegebener Maßen bin ich mit der Nacharbeit immer etwas “schludrig”. Ich will hier auch nur aufzeigen, was man mit dem Bild noch machen kann und nicht die perfekte Nachbearbeitung hinlegen. Um zu zeigen, was ich für Bearbeitungsmittel anwende übertreibe ich es eben ein wenig (oder etwas mehr), so kann aber jeden sehen, was ich gemacht habe und was auch besser gemacht werden kann.
      Ich fotografiere das Bild am liebsten gleich so, wie ich es mir vorstelle, nur kann ich das eben mit eingereichten Bildern nicht mehr.

      Mir reicht es, wenn der Leser in der kleinen Ansicht mein Ansinnen erkennt und in der grossen Ansicht meine Unzulänglichkeiten ;).

      Ich hoffe das erklärt die Holzhammermethode etwas?!

      Viel Spass weiterhin,
      Thomas

  3. Wolfgang
    schrieb am 19. Januar 2012 um 15:03 Uhr (#)

    Hallo Thomas,

    Ich hoffe das erklärt die Holzhammermethode etwas?!

    Absolut :-) Ich konnte mir auch beinahe nicht vorstellen, dass das dein Ernst sein könnte ;-)

    Gruß
    Wolfgang

    1. Schreibt hier auf dem Blog Thomas Rathay
      schrieb am 19. Januar 2012 um 15:08 Uhr (#)

      freut mich dass du mir so etwas nicht zutraust!
      :)

  4. Günter
    schrieb am 19. Januar 2012 um 20:59 Uhr (#)

    Hallo Thomas,
    erst einmal besten Dank für deine Bildanalyse.
    Nein, ich hatte keinen schlechten Tag ;-), in den grenznahen Regionen zu Deutschland sieht man sehr häufig verlassene vom Verfall bedrohte Häuser in diesem Haus waren nur noch Teilbereiche bewohnbar. , und nun zu den Leuten…depressiv waren sie sicher nicht den nach meiner Einschätzung sind viele sehr genügsam …es gibt weitere Bilder wo mich Beide änlächeln :-)nachdem sie mich wahrgenommen hatten.
    Das Lob über angewandte Technik freut mich und mir ist auch klar das ich mit meiner Bildaussage nicht immer den Punkt treffe….daran arbeite ich noch, auch aus dem Grund stelle ich hier ein .
    Deine Bearbeitung…sehr interessant werde es auch mal in diese Richtung versuchen !!!

    mfG Günter

  5. Uwe Boll
    schrieb am 19. Januar 2012 um 23:37 Uhr (#)

    Ich sah dieses Bild und sogleich schoss es mir durch den Kopf: ‘Bitte kein Verriss! Bitte…, nicht dieses Bild! Es wirkt, es funktioniert…’.

    Die alternierende Idee erreicht mich nicht, der Moment geht in ihr verloren. Sie bleibt ein Wunsch nach einer Welt, die weder die Realität noch der Fotograf so empfand. Fremd, unwirklich, verstörend…

  6. Reinhard Witt
    schrieb am 20. Januar 2012 um 14:39 Uhr (#)

    Mir gefällt das “Original” um Längen besser..
    Zeigt es doch einerseits die Monotonie auf der rechten Seite des Bildes und die sprichwörtliche Lebendigkeit – trotz all dem – auf der linken Seite. Die Belichtung und die tonale Wiedergabe entspricht genau dem, was ich zum Geschriebenen des Fotografen empfinde.
    Ich würde sagen: Weiter so!…

  7. Archinese
    schrieb am 23. Januar 2012 um 13:25 Uhr (#)

    Das Motiv ist interessant, die Komposition auch, aber für mich sind beide Bearbeitungen nicht das Gelbe vom Ei. Das Ursprungsbild ist für meine Begriffe auch “mit dem Holzhammer” vignettiert, als wollte der Autor sagen: Da hast du hinzugucken und sonst nirgends! Dabei geht viel von der meiner Meinung nach interessanten Struktur der Wand verloren, die vielleicht eher noch als die Personen eine gewünschte Trostlosigkeit ausgedrückt hätte.
    Über die “freundliche” Bearbeitung ist schon genug gesagt worden. Für mich ist das ein “dokumentarisches” Foto, das nicht durch zu starke Effekte geschwächt werden sollte.

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