Strassenfotografie:
Der graue Clown

Farbe in Schwarz-Weiss – geht das? Manchmal ist es reizvoll, eindeutig bunte Motive in den Köpfen der Betrachterinnen zu schaffen.

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Gerd L).

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Gerd L).

Kommentar des Fotografen:

Wien Stephansplatz am letzten des Jahres 2011. Geschossen mit Hasselblad 500cm Sonnar 150mm T-max 100, entwickelt in Rodinal 1:50

Peter Sennhauser meint zum Bild von Gerd L:

Ein Clown sitzt auf einer Bank an einer belebten Fussgänger-Zone, mit auf dem Bauch gefalteten Händen. Hinter der Figur mit Luftballon-Hut sitzen zwei leicht von ihm abgewandte junge asiatische Frauen und essen etwas aus Papptellern. Rings um die Szene strömt das Strassenleben in Schwarz-Weiss und quadratisch, ohne den Unterhaltungskünstler mit irgendwelcher Aufmerksamkeit zu ehren.

Wirklich verblüffend finde ich an dieser Aufnahme, dass sie farbig zu sein scheint, aber eindeutig Schwarz-Weiss ist:

Wir kriegen hier in der Kritikerplattform recht häufig Colorkey-Fotografien zu sehen, in denen ein Subjekt knallbunt belassen und der Rest des Bildes in Schwarz-Weiss umgewandelt wurde.

Deine Aufnahme ist ein künstlerisches Gegenteil, indem es einen erfahrungsgemäss sehr bunten Clown in einem monochromen Bild so in Szene setzt, dass sich das Bild in der Betrachtung mit Farben zu füllen scheint. Das scheint zunächst paradox: Weshalb sollte man etwas, was bunt ist, nicht farbig abbilden? Die Antwort ist, wie gesagt, das, was im Kopf entsteht und über das wir uns wundern und freuen. Das Bild ist die Vorlage für das, was wir damit machen, und hier wird das deutlicher als in vielen Fotografien.

Ausserdem entsteht durch die Schärfentiefe, die genau im richtigen Mass und ohne aufdringlich zu wirken auf das Subjekt lenkt, eine angenehme Räumlichkeit, das Foto wird zum Fenster in die Stadt und wir sind die Zaungäste, die sich an diesem Fenster ihre eigene Welt erschaffen.

Einzig der Passant hinter dem Clown steht mir etwas zu sehr im Blickfeld und wirkt ablenkend – vielleicht hättest Du darauf warten können, dass er sich verzieht. Und von einem strengen technischen Standpunkt stört mich die hauchdünne verkantung der Aufnahme, die sich, vielleicht nur ein halbes Grad, nach rechts neigt: das ist wegen der Geraden unten rechts (weniger der Aschenbecher und mehr der Kandelaber) und links oben (noch ein Kandelaber) just so weit manifestiert, dass man es zur kenntnis nimmt – und sich dann daran zunehmend stört. Jedenfalls mir geht es so.

In der Rubrik ?Bildkritik? analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
Mehr über die Profi-Bildkritik erfahren / Eigene Bilder zur Kritik einreichen.

 

Mehr lesen

Fotografen im Fokus: Michael Kenna

18.2.2013, 0 KommentareFotografen im Fokus:
Michael Kenna

In der Reihe "Fotografen im Fokus" möchte ich Euch heute einen der bedeutendsten zeitgenössischen Landschaftsfotografen vorstellen.

Lee Friedlander – Surrealistischer Meister Fotografischer „Fehler“

30.11.2012, 0 KommentareLee Friedlander – Surrealistischer Meister Fotografischer „Fehler“

Anfangs wurde Fotografie als Medium dafür gepriesen, daß Fotos anders als Malerei Realität festhielten und daher einen bestimmten sozialen Nutzen hätten. Diese Prämisse wird von modernen Fotografen wie Lee Friedlander ad absurdum geführt, denn viele seiner Fotos sind von fragwürdiger sozialer Nützlichkeit, halten aber gleichzeitig die Realität vieler auf brutal offene, trotzdem aber subtil-kreative Weise fest. Seine Kamera sieht die Welt, wie wir sie sehen - bannt aber auch Aspekte auf Film, die wir gerne nicht sehen würden.

Christer Strömholm: Offenbarte Geheimnisse

4.5.2012, 0 KommentareChrister Strömholm:
Offenbarte Geheimnisse

Dass die Menschen seinem Blick ihre Geheimnisse offenbaren - das wiederum ist vielleicht das Geheimnis von Christer Strömholms Bildern.

Bildbearbeitung: Abwedeln und Nachbelichten in der Digitalfotografie (1)

16.1.2013, 3 KommentareBildbearbeitung:
Abwedeln und Nachbelichten in der Digitalfotografie (1)

Der nachfolgende Artikel unseres Gastautors Thomas Brotzler befaßt sich mit den Möglichkeiten des Abwedelns und Nachbelichtens. Im heutigen ersten Teil geht es um die Herkunft und Bedeutung dieser Technik. Im folgenden zweiten Teil werden praktische Aspekte mit einem Bearbeitungsbeispiel aufgezeigt

9.1.2013, 4 KommentareLenswork

Der nachfolgende Artikel ist zwar in der Reihe „Fotografen im Fokus“ erschienen, fällt aber insofern aus dem Rahmen, weil er nicht einen einzigen Fotografen behandelt, sondern eine Publikation. Ich habe mich dennoch entschlossen, Lenswork anzusprechen, weil die Zeitschrift sich von vielen anderen, die sich im selben Metier bewegen, abhebt.

Bildbearbeitung: Digitale Filmkornsimulation (2)

14.11.2012, 4 KommentareBildbearbeitung:
Digitale Filmkornsimulation (2)

Der nachfolgende Artikel unseres Gastautors Dr. Thomas Brotzler befaßt sich mit der digitalen Filmkornsimulation. Im zweiten Teil geht es um die praktische Verwendung dieser Technik.

Leserfoto: Melancholie einer Industriebrache

23.5.2013, 0 KommentareLeserfoto:
Melancholie einer Industriebrache

Unsere heutige Bildbesprechung zeigt ein gelungenes Beispiel eines industriellen Stillebens.

Digitale Lochkamera: Tipps für Einsteiger

21.11.2012, 1 KommentareDigitale Lochkamera:
Tipps für Einsteiger

Eine Lochkamera zu bauen, ist nicht nur ein beliebtes Projekt für Schüler, weil es ja eigentlich nur einer Kiste mit Loch bedarf, ausgerüstet mit lichtempfindlichen Material. Es gibt auch eine ganze Sparte von Fotografen, die Lochkamerafotografie regelrecht als Kult betreibt.

23.7.2012, 3 KommentareBokeh – so wirds gemacht

24.6.2014, 2 KommentareLeserfoto - "Into the Light":
Zu viel "Schliff"

Gute Fotos benötigen nicht viel "Schliff".

Heinrich Heidersberger: «Kleid aus Licht»

27.5.2013, 0 KommentareHeinrich Heidersberger:
«Kleid aus Licht»

Frauenakte und das Spiel mit Licht und Schatten. Das fasziniert und inspiriert Fotografen sei jeher. So auch den deutschen Fotografen Heinrich Heidersberger (1906-2006), der 1949 für den «Stern» die experimentelle Aktserie «Kleid aus Licht» schuf, die derzeit in der Berliner Galerie Petra Rietz Salon zu sehen ist.

«Selection»: Blick durch Fotokunst

22.5.2013, 0 Kommentare«Selection»:
Blick durch Fotokunst

Die Berliner CWC GALLERY zeigt noch bis zum 24. August eine sehenswerte Fotoausstellung: «Selection». Dahinter verbergen sich über 100 ausgewählte Werke von sieben herausragenden Vertretern der Fotokunst, die erstmalig in dieser Zusammenstellung gezeigt werden und verschiedene Genres – von Akt und Porträt über Tierphotographie bis Stillleben – vereinen. Besonderer Bestandteil der Ausstellung sind zwei Portfolios von Helmut Newton und Jeanloup Sieff, die eigens in Zusammenarbeit von CAMERA WORK angefertigt wurden.

10.9.2014, 0 KommentareLeserfoto - „Nudelsuppe“:
Qual der Wahl des Beschnitts

Manchmal ist der beste Beschnitt, keinen vorzunehmen.

Strassenfotografie: Der Mann im Himmel

15.4.2012, 2 KommentareStrassenfotografie:
Der Mann im Himmel

Bei grossen Kontrastunterschieden zwischen Motiv und Hintergrund muss die Belichtung auf Spotmessung gestellt werden.

Strassenfotografie: Das stille Fahrrad

26.3.2012, 0 KommentareStrassenfotografie:
Das stille Fahrrad

Stilleben müssen nicht aus Vasen und Obst bestehen. Ein altes Fahrrad in einer Seitengasse tut's auch.

Momentum. Dichter in Szenen: Authentische Fälschungen

4.9.2012, 0 KommentareMomentum. Dichter in Szenen:
Authentische Fälschungen

Dichter, Autoren und sowie Schlüsselszenen und Inspirationen für ihr literarisches Schaffens ins Bild zu setzen, das war das Ziel von Alexander Paul Englerts Fotoprojekt «Momentum. Dichter in Szenen» (Wienand Verlag). Das Projekt ist gelungen und das Ergebnis ist ein in vielerlei Hinsicht äußerst interessanter, sehenswerter und lehrreicher Bildband.

Kirchenfotografie: Leerstellen für die Fantasie

2.9.2011, 0 KommentareKirchenfotografie:
Leerstellen für die Fantasie

Ungleichheit und Leere kann ein Bild mit der nötigen Spannung ausstatten. Zu wenig Information ist selten ein grösseres Problem, zu viel Information schon eher.

Romantisches Porträt: Beständige Perfektion à la Newton

10.7.2009, 1 KommentareRomantisches Porträt:
Beständige Perfektion à la Newton

Kontinuität von Botschaft, Stil und Atmosphäre: Warum Inszenierung perfekt sein muss.

11 Kommentare

  1. Ein wirklich wunderschöne, atmosphärische Arbeit. Das mit dem Verkippen würde ich nicht so eng sehen, sondern als Ausdruck eines dynamischen, flüchtigen Geschehens hinnehmen. Wer etwa die Arbeiten von Paolo Pellegrin kennt, findet lange keine korrekten Horizonte und Senkrechten.

  2. Einfach mal ohne großes Drumherum gesagt: Ich finde es ein eher durchschnittliches Bild ohne Aussage, das mich nach ein paar Sekunden Anschauen schon nicht mehr fesseln kann.
    Das Kippen stört mich sehr.
    Das, was ich an dem Bild schöne finde, ist der sahneweiche Übergang ins Unscharfe und die warme, angenehme s/w-Tonung. Das ist es dann aber auch schon.

  3. Wie das Bild ist, “renne” ich gegen den Laternenmast. Gekontert (horizontal gespiegelt), gefällt es mir wesentlich besser. Ein sehr atmosphärisches Bild.

  4. danke für die kritiken …. die schräge und der eine mann im hintergrund entstand leider durch die situation da der clown nicht so gerne mit seinem handy beim spielen (ja das is das was er in den händen hält =P ) fotografiert werden wollte und ich zwecks der schnellen vorgehensweise die blad nicht so gerade hielt wies aussieht =( ….

    • Mir ist aufgefallen, daß das auf 500px gezeigte Bild deutlich heller ausgearbeitet ist und reichere Details in den Schatten zeigt, während hier die Zonen O bis II richtiggehend verklebt sind und das Bild dadurch vergleichsweise düster wirkt. Kannst Du noch etwas zu Deinen Überlegungen hinsichtlich der unterschiedlichen Ausarbeitungen sagen?

  5. Hallo Thomas,

    wird die Verkleinerung nicht durch die Software der Website vorgenommen? Ich habe jedenfall nirgendwo gelesen, dass man zwei verschieden große Versionen einsenden soll.

    • Mit den Algorithmen der verschiedenen Onlinegalerien, wie also die Bilder verkleinert und komprimiert werden, kenne ich mich nicht so aus. Ungewöhnlich finde ich jedenfalls, daß es da zu derartigen Tonwertverschiebungen (im Bereich von ein bis zwei Zonen) kommt. Es ist ja auch frustrierend, mit solchen Unwägbarkeiten der Präsentation rechen zu müssen, wenn wir unsere Bilder zuvor so akkurat ausgearbeitet haben.

    • Hallo zusammen

      Ja, es ist eine Software, welche die Vorschau als separates Bild erstellt – und zwar Blogdesk. Das ist ein Windows-Blogeditor, den ich seit einiger Zeit unter MacOSX mit Parallels benutze.

      Es mag paradox sein, aber gerade die Bildbehandlung ist in WordPress leider sehr unbequem, und Blogdesk erlaubt uns ein effizientes Arbeiten. Wahrscheinlich allerdings mit Abstrichen an der Bildqualität. Wir bitten um Nachsicht, aber eine Detailbearbeitung an stationären, kalibrierten Bildschirmen mit gleichbleibenden Wertn übersteigt unser Möglichkeiten.

  6. interssanter weise sind es die selben daten hier und auf 500px also wird es ws duch die software zustande kommen =/

  7. Alles in allem ein sehr durchschnittliches Bild. Der Clown sollte wohl UNBEDINGT fotografiert werden und dabei raus kam ein Wirrwarr an Bildelementen. Die Schuld auf “die Hassi” zu schieben – no comment…

  8. Die schuld hab ich nie auf die blad geschoben
    … Oda steht das wo da oben? Und naja wirr warr is geschmackssache =P trotzdem danke fürs comment

Kommentar schreiben

Wir sind sehr an einer offenen Diskussion interessiert, behalten uns aber vor, beleidigende Kommentare sowie solche, die offensichtlich zwecks Suchmaschinenoptimierung abgegeben werden, zu editieren oder zu löschen.

* Pflichtfelder