Konzeptfoto:
Zwanzig nach acht

In Konzeptfotos lohnt es sich, auf Details zu achten und Arbeit in die Nachbearbeitung zu investieren. Hier sind gröbere Eingriffe erlaubt.

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Heike Brauer).

Kommentar des Fotografen:

der traurige clown und ein wundervolles, altes, geschwungenes fenster…ein schöne, wenn auch abstrakte kombination..das bild kam aus dem bauch, deshalb fehlen mir die worte zur erklärung…

Peter Sennhauser meint zum Bild von heike brauer:

Ein Mann mit Clown-Maske und traurigem Gesicht sitzt, die Beine weit vor sich gespreizt, mit dem Rücken am Sims zu einem grossen, geschwungenen Panorama-Fenster auf einem Plattenboden. Das einzige Licht in der Schwarz-Weiss-Aufnahme scheint durch das geschwungene, dem Mund des Clowns gleichende und in viele Quadrate aufgeteilte alte Fenster in den leeren Raum zu fallen. Draussen gleissen verschneite Bäume.

Was Formen, Linien, Lichtstimmung und Komposition angeht, ist diese Aufnahme insgesamt sehr stimmig:

Der grosse, alte, verlassene Raum, das ebenso grosse, einzigartig geformte alte Fenster korrespondieren mit der Melancholie des am Boden sitzenden Clowns. Die Aufnahme strahlt eine starke Stimmung aus, ohne einen eindeutigen Sinn zu ergeben, wobei die einzelnen Elemente, so simpel sie sind, jedes für sich bereits zu faszinieren vermag.

Allein der Lichteinfall durch das Fenster, seine Form und die Flut an Licht auf dem seltsamen, gefliesten Boden mit vereinzelten Laubblättern ist eine Fotografie wert. Der Clown ist für meine Begriffe etwas zu viel des Guten, aber das ist reine Geschmackssache: Dass ein Mensch in dieser Komposition vorhanden ist, wertet die Fotografie zum Bild auf, dem ein Konzept zu Grunde liegt.

Technisch ist das Bild sehr schön umgesetzt, indem Du eine Überstrahlung des Fensters vermieden und dennoch – ich schätze mit sorgfältiger Nachbearbeitung – auf dem Clown die richtigen Akzente gesetzt, das Gesicht aufgehellt und für Spitzlichter auf den Beinen gesorgt hast.

Was mich allerdings ganz enorm stört, ist das Gerüst oder Regal, das am linken Bildrand noch zu sehen und dabei recht gut beleuchtet ist. Den Ausschnitt der Fotografie enger zu wählen hätte hier kaum geklappt, aber wenn sich das Objekt nicht aus dem Raum schieben liess, hätte ich es jedenfalls aus dem Bild herausgeklont. Das ist zwar ein ziemlich massiver Eingriff, aber erstens wäre er hier technisch einfach zu bewerkstelligen gewesen und zweitens verdient die ansonsten sehr flächige, stimmige Komposition diese Liebesmüh‘.

Zumal das Laub oder der Mörtel, der auf dem Boden vor allem rechts des Clowns auszumachen ist, genügend Störung in die ansonsten sehr starke Symmetrie einbringt.

In der Rubrik „Bildkritik“ analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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6 Antworten
  1. drachenkind says:

    ich danke euch sehr, das ihr euch mit meinem werk beschäftigt. das bild gibt es ja schon etwas länger und ich habe es schon auf meinen facebook seiten und auf flickr veröffentlicht, bevor ich es hier ein sandte.der clown hält übrigens eine taschenlampe in der hand, die sein gesicht beleuchtet und ich fand mit einem menschen allein war das foto nicht besonders aussagekräftig. die version gibt es aber auch(unveröffentlicht). die starken lichter auf hose und boden kommen von dem lichteinfall, der schwarz-weiß umsetzung und der verteilung der kontraste.
    das gestell links ist kein regal, sondern eine seltsame installation, die wahrscheinlich mal als raumteiler diente und lässt sich nicht aus dem weg räumen. auf die idee es im cs zu entfernen bin ich natürlich auch gekommen. aber das ergebnis hat mir nicht gefallen, mir fehlte dann dort etwa, aus dem bauch heraus…deshalb und weil ich finde das es links wie rechts etwas gibt, was auf das fenster hinführt habe ich es gelassen. ich habe selber lange drüber nachgedacht und ich fand so, wie es jetzt ist, gefällt es mir am besten und dieser raumteiler der gehört dort einfach hin.
    einen panoramabeschnitt würde ich hier nicht machen, der boden ist viel zu geil um ihn zu beschneiden, auch wenn mister clown jetzt in der mitte sitzt. mich stört dieser bruch der bildregel überhaupt nicht. im gegenteil..
    was mich eigentlich am meisten stört, ist der lichtschein von der taschenlampe über dem clown. den habe ich nämlich vergessen wegzumachen :P

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  2. Carsten Schröder says:

    abgesehen vom entfernen des Regals, könnte ich mir hier einen Panoramabeschnitt sehr gut vorstellen, so dass der Clown aus der Mitte herauskommt und der leere Boden weniger zur Geltung kommen würde, womit der Fokus dann wieder eher auf den Clown vor dem Fenster liegt und das ganze Bild stimmiger wirken würde!

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  3. Dr. Thomas Brotzler says:

    Ohne jeden Zweifel, das Regal links erklärt sich nicht, trägt insofern nichts zur Bildaussage bei. Überdies ist es nicht nur ein Randdetail, sondern es fällt unmittelbar störend bei der Erstbetrachtung auf. Mit solcher Umsetzung wird das enorme Potential der Bildidee ausgehebelt. Weitere Überlegungen dahingehend, ob der obere Fensterrand nicht zu nahe am Bildrand ist, sind demgegenüber geradezu müßig.

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    • Peter Sennhauser says:

      Hallo Catherina

      Dein Gefühl täuscht Dich, aber Dein Erinnerungsvermögen ist gut: Der Clown lag auf dem zweiten Platz der Bildausscheidung vom Juni letzten Jahres. Eine Kritik hat er aber noch nicht gekriegt: Die monatliche Bewertung erfolgt auf Basis der in diesem Monat eingereichten Fotos, unabhängig davon, ob und wann sie kritisiert worden sind. So kann es vorkommen, dass ein Bild im Wettbewerb auf den Rängen liegt, das erst lange danach besprochen wird – wie hier geschehen.

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  1. […] ist ein hervorragendes Bild gelungen.Auf fokussiert bestens bekannt ist dagegen heike brauer (drachenkind), die ein ähnlich verschachteltes Bild eingereicht hat (unter “digitale Kunst”, dafür […]

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