Landschaftsfotografie:
Plastische Küste

Ohne Extreme in den Kontrasten des Motivs ist kein HDR notwendig. Eine Aufnahme in RAW reicht bereits für vieles.

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© André Bax).

Kommentar des Fotografen:

Zu sehen hier ein Küstenstreifen meiner Heimat auf Mallorca. Ich versuche mich mit der Technik des HDR und erhoffe mir Tips. Was ist zu viel und worauf sollte ich achten. Vielen Dank :) es war grau und diesig.

Peter Sennhauser meint zum Bild von André Bax:

Eine mediterrane Küstenlandschaft zieht sich in dieser Farbfotografie hinter einem felsigen Vordergrund von rechts unten nach links in die Bildmitte.

Landschaften dürfen eines nicht in der Fotografie: flach wirken. Das tut dieser Küstenabschnitt auf Mallorca jedenfalls nicht: Du hast die Bucht hinter den Felsen im Vordergrund und einem Mittelgrund platziert, dahinter zieht sich eine Landzunge ins Bild hinaus und darüber hängt ein spannend bewölkter Himmel. Alle Elemente für eine gute Landschaftsaufnahme sind vorhanden, und die Räumlichkeit gewinnt durch den diagonalen Aufbau der Bucht in die dritte Dimension.

Auf den ersten Blick fehlt mir ein Blickfang im Vordergrund, aber Du hast versucht, mit dem kargen Bewuchs links unten etwas hinzukriegen, was uns ins Bild hineinzieht. Manchmal muss man auskommen mit dem, was man hat. Ein etwas stärkeres Element wäre wünschbar, aber das Bild funktioniert auch so.

Was ich nicht verstehe, ist dein Hinweis auf HDR – das hier ist doch ein Einzelbild, das durchaus im Rahmen der vorhandenen Tonwerte gestaltet wurde und sehr klar wirkt – jedenfalls auf den ersten Blick. Ein klassisches HDR aus mehreren Bildern drängt sich hier bei den gezeigten Lichtverhältnissen und den weichen Schatten keineswegs auf; ich würde davon ausgehen, dass Du am RAW-File der Fotografie mit Nachbelichtungen gearbeitet hast.

Bei genauem Hinsehen sind aber starke Unregelmässigkeiten namentlich in der Bewaldung und an der nach links (Osten?) gewandten Steilküste zu erkennen. Sie ist der Sonne abgewandt und müsste – auch im Vergleich zum darunter liegenden, sehr dunklen Wasser – deutlich schattiger sein. Ich finde solche Eingriffe meistens besser als HDR-Kombinationen mit ihren typischen Säumen und Überzeichnungen. Man sollte aber sehr zurückhaltend sein und der Versuchung widerstehen, immer noch ein bisschen mehr draufzuhauen. Inzwischen sehen auch Laien genau, was passiert ist und wie stark ein Bild bearbeitet wurde.

Ich habe solche Bearbeitungen lange punktuell mit Lightroom und dem lokalen Pinselwerkzeug zur Maskierung bewerkstelligt. Inzwischen habe ich mir die Nik-Suite mit Programmen wie Viveza angeschafft, die für bestimmte Schattenwerte mit ihrem hervorragenden Auswahl-Kreistool gleichmässigere Bearbeitungen mit unsichtbaren Verläufen erlaubt.

Ein Wort noch zur Komposition: Schade ist, dass die Bucht sich nach links nicht wirklich hin zur See öffnen kann, weil Du den Felsen, der in der Ausfahrt liegt, ein bisschen zu knapp auf beide Seiten gestellt hast. Ein Schritt nach rechts hätte dem wahrscheinlich abgeholfen.

Ausserdem dünkt mich der Horizont entweder durch den 20mm-Weitwinkel verzerrt oder nach links gekippt, und schliesslich hätte ich ihn eindeutig aus der horizontalen Mitte des Bildes herausbewegt.

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6 Antworten
    • Peter Sennhauser says:

      Lieber André – hast Du im ernst vier Jahre nach der Publikation erst diese Besprechung Deines Bildes gesehen? Dann freut es mich umso mehr, dass Du noch reagierst.

  1. Günther says:

    tiefenwirkung ist durchaus vorhanden. Im Vordergrund fehlt was; seh ich auch so, wirkt irgendwie abgeschnitten.
    Mir fällt auch die schon erwähnte unechte Lichtstimmun auf.
    Schärfe im Vorder- und Mittelgrund paßt nicht so zur Tiefenwirkung die erzielt werden soll.

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  2. Dr. Thomas Brotzler says:

    Mir gefällt die Szenerie sehr gut, aber Peters kritischen Hinweisen – insbesondere zur Stimmigkeit der Lichtsituation in einzelnen Bereichen ist – zuzustimmen. Ich möchte es vielleicht noch ergänzen dahingehend, daß auch über diesem HDR-Bild jener fast typische „Grauschleier“ liegt, der sich aus der Zusammenstauchung und Neudefinition der Kontraste oftmals ergibt und eine insgesamt unnatürliche Lichtstimmung erzeugt. Und erwähnt werden sollten noch die deutlich störenden Kantenartefakte / Halos um den rechten Felsen herum.

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