Stilleben:
Antik und schön

Ausgetretene Schuhe, verstaubte Töpfe, abgesessene Polster, verwittertes Holz… Antiquitäten eignen sich wunderbar als Fotosujets.

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Harry Keller).

Kommentar des Fotografen:

Ganz gezielt bin ich mit meiner damals neuen 7D zu dem Ort gegangen, wo dieser Stuhl und diese Bank stehen. Ich sah sie bei einem Spaziergang einige Wochen zuvor und hatte ein Bild im Kopf, was ich auf den Sensor bannen wollte. Trotz der mir bewusten „Mängel“ (falsch sitzender Fokus, kompositorisch optimierungswürdig) – die ich heute hauptäschlich auf die neue „Hardware“ schiebe ;-) – mag ich das Bild sehr, da es meines Erachtens sehr gut die Stimmung ausdrückt, die dort vorherschte udn meinem „Bild im Kopf“ sehr nahe kommt.

Profi Barbara Hess meint zum Bild von Harry Keller:

Ausgetretene Schuhe, verstaubte Töpfe, abgesessene Polster, verwittertes Holz… alles Objekte, die sich wunderbar als Fotosujets eignen. Du bist gezielt nochmals dorthin, wo du diese Relikte aus alter Zeit gefunden hast, um sie mit deiner neuen Kamera festzuhalten. Antiquitäten haben uns immer etwas zu sagen, der Betrachter überlegt sich: welche Geschichte würde diese Bank uns wohl erzählen?

Ich baue liebend gerne alte Gegenstände in meine Bilder ein, es entsteht diese Spannung, zwischen alt und neu, zwischen wohlbekannt und abenteuerlich. Antiquitäten halten einfach immer für ein tolles Sujet her.

Auf dem Bild steht dieser alte Stuhl mit der abgesplitterten weissen Farbe im Zentrum. Daneben ein zweiter Stuhl und eine gepolsterte Bank. Sie befinden sich vor einer rauen Wand, irgendwo draussen, vielleicht unter einem Unterstand. Als du zum zweiten Mal bei diesen Stühlen vorbei bist, hast du (vermutlich sehr bewusst), eine interessante Lichtstimmung gewählt. Die Sonne scheint, wird aber teilweise durch eine Verbauung abgeschattet und verstärkt dank dem flachen Winkel die Struktur an der Wand. Insgesamt wirkt das Licht aber etwas hart, die hellen Stellen aus dem Bild sind zu hell und in den Schätten fehlt die Zeichnung. In der Nachbearbeitung den Kontrast etwas zu reduzieren wirkt oft Wunder. À Popos Nachbearbeitung: mir scheint, du hast das Bild etwas zu stark geschärft. Du sprichst den falsch sitzenden Fokus an und vielleicht schien dir die Aufnahme insgesamt etwas unscharf. Du hast mit Blende 45 fotografiert, vielleicht wolltest du damit einen genügende Schärfentiefe erreichen. Nur ist eine zu kleine Blende eben nachteilig, da durch das Licht, das sich an der kleinen Blendenöffnung bricht, eben diese Unschärfe entstehen kann.

Also, auf zur nächsten Flohmarkt-Fototour – es lohnt sich!

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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4 Antworten
  1. Harry Keller says:

    Herzlichen Dank für die interessante Bildkritik, Barbara.
    Du hast mit den allermeisten Dingen absolut Recht. So z.B. dass ich in der Nachbearbeitung wahrscheinlich etwas zu viel des Guten wollte. Ich habe festgestellt, dass der Fokus nicht sitzt, da mir da Bild aber so gefällt habe „krampfhaft“ ich versucht, das mit nachschärfen zu „verbessern“. Das Foto wurde allerdings mit Blende 4.5 aufgenommen (da scheint es einen Fehler beim Auslesen der EXIFs gegeben zu haben) und den Kontrast habe ich im Nachgang sogar angehoben, weil ich es in dem Bild so kanckig für spannend erachtet habe – vielleicht ein Fehler?

    Dir Thomas gebe ich Recht, dass gerade die profanen Dinge des Lebens – schön und durchdacht inszeniert – zu den Aspekten gehören, die mich an oder in der Fotografie begeistern. Die leisen Töne, die man leicht überhört und die es wert sind „verstärkt“ zu werden. Überhaupt bin ich der Meinung, dass ein Foto nicht von der Aufnahemtechnik, sondern von dem Gefühl, das es im Stande ist zu transportieren lebt. Ein Foto das technisch unperfekt aufgenommen wurde, ist noch lange kein schlechtes Foto.

    Warum ich dann auf Teufel komm raus versucht habe, das Bild an den „gängigen“ Maßstab anzupassen? Ich wollte, dass es auch „anderen“ gefällt und befürchtete, dass die „anderen“ nicht die Schönheit im Bild selbst sehen, sondern sich an den technischen Fehlern stören. Ich liebe das Bild nach wie vor und ich denke, einer der größten Mehrwerte, welche mir die Kritik hier gebracht hat, ist sicher, meine Fotos so zu zeigen, wie ich sie sehe und im Kopf habe und mich mit den Leuten zu freuen, welche ebenfalls meine Sicht der Dinge haben – oder diese verstehen, bzw. nachvollziehen können.
    Thomas, für Dich als Info: das Bild wurde in Kleinvillars aufgenommen – nicht weit weg von Dir;-)

    Grüße

    Harry

    Antworten
    • Barbara Hess
      Barbara Hess says:

      Danke für den Hinweis, das scheint tatsächlich ein Fehler im Auslesen der Daten gewesen zu sein – ich habs angepasst.
      Ich glaube, mit deiner Aussage bringst du es auf den Punkt: du wolltest es allen recht machen. Du warst vor Ort und hast die Stimmung erlebt, diese auf dem Bild wiederzugeben ist gar nicht so einfach. Insbesondere, wenn die Stimmung so speziell war. Schön, wenn du nun das Selbstvertrauen hast, dein ganz eigenes Bild der gesehenen Situationen zeigen zu können.

  2. Dr. Thomas Brotzler says:

    Lieber Harry,

    Barbara hat einige wichtige Aspekte zur Thematik und Technik auf dem Punkt gebracht. Noch bevor ich die Rezension las, als ich also noch beim Bild und Deiner Beschreibung war, gingen mir einige Gedanken zur (1) Komposition und (2) Motivfindung durch den Kopf, die ich hier ergänzend einfließen lassen möchte.

    Zu (1) bemängelst Du selbst Deine Komposition. Man kann dies im Sinne eines harmonischen Betrachtungswunsches nachvollziehen und insofern umschreiben, daß der Lichtkreis nicht vollständig abgebildet sowie der motivwichtige Schatten des linken Stuhls zu randständig ist und die motivunwichtige rechte Struktur im Halbschatten zu sehr ablenkt. Wenn wir uns das Bild in solcher Weise verändert vorstellten, wäre es aber vielleicht auch schon wieder zu glatt, zu postkartenmäßig. Eine gewisse Asymmetrie und Unausgewogenheit baut auch eine Bildspannung auf, nur ist dies nicht leicht zu dosieren bzw. wird aus zunehmender Erfahrung geboren.

    Zu (2) finde ich sehr gut, daß Du diesen kleinen, scheinbar unbedeutenden Dingen, die im Alltag so gerne übersehen werden, einen fotografischen Blick widmest. Damit widerstehst Du der landläufig-profanen Auffassung, daß ein Bild immer etwas Sensationelles zeigen muß. In der anmutigen Hervorhebung und Darstellung scheinbar unbedeutender Dinge liegt ein enormes Potential für anspruchsvolle, gar künstlerische Bilder. Ich möchte Dich ermutigen, diesen Weg weiter zu beschreiten und ein Portfolio im Sinne von Trouvailles / Fundstücken aufzubauen.

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