Samuel Aranda erzählt…

Samuel Aranda scheut als Fotojournalist keine Gefahren. Mit grade mal 21 Jahren reiste er für die spanische Nachrichtenagentur EFE in den Nahen Osten, um den Israelisch-Palästinensischen Konflikt zu dokumentieren.

Im letzten Jahr fotografierte der nun 33jährige in Tunesien, Ägypten, Libyen und dem Jemen Szenen aus dem Arabischen Frühling – eine dieser Aufnahmen wurde an der World Press Photo zum Pressefoto des Jahres gekürt. Ein Gespräch über Angst, Privatsphäre und das Geheimnis seines Erfolges.


Interview: Raoul Abea

Herr Aranda, wann haben Sie für die Fotografie Feuer gefangen?
Das hat sich so ergeben. Ich war 18, als ich angefangen habe meine Graffitis zu fotografieren. Mit der Zeit begann ich, auch die Umgebung aufzunehmen. Bald haben Zeitungen angefangen, die Bilder zu kaufen, der Rest ist Geschichte.

Sie haben also nie eine fotografische Ausbildung genossen?
Nein, habe ich nicht.

Was für eine Ausrüstung nutzen Sie im Berufsalltag?
Ich arbeite mit einer Nikon D700 und einem 35 mm Objektiv.

Was braucht es, um ein guter Kriegsfotograf zu sein?
Die Fähigkeit, sich auf Menschen einzulassen. Die Arbeit in Jemen ist ein gutes Beispiel. Es war einfach, mich mit den Einheimischen zu identifizieren, da ich ihren Kampf um Demokratie gut nachvollziehen konnte. Ich konnte mich in sie hineinfühlen, was sich auf die Qualität der Bilder auswirkt.

Sie reisen zu den Gefahrenherden dieser Erde und arbeiten in Kampfgebieten – Haben Sie nie Angst?
Sicher. Ständig.

Warum tun Sie sich das an und setzen für ein paar Bilder Ihr Leben aufs Spiel?
Es mag eine gefährliche Arbeit sein, aber sie erfüllt mich. Ich selbst hatte früher wenig Perspektiven und Chancen. Nun bin ich in der Lage, anderen Menschen mit ähnlichen Voraussetzungen zu Aufmerksamkeit zu verhelfen und sie in ihren Zielen zu unterstützen.

Wie steht es mit dem Geld, ist das auch ein Motivator?
Niemand macht diesen Job wegen des Gelds. Man verdient mehr, wenn man Bilder von Paraden für eine Lokalzeitung schiesst. Wenn das die einzige Motivation ist, dann wird man diesen Beruf nach ein oder zwei Jahren an den Nagel hängen; was die meisten Anfänger übrigens auch tun.

Was hält Ihre Partnerin von Ihrer risikoreichen Berufswahl?
Sie ist Kanadierin, arbeitet für BBC Radio und hat so ziemlich die gleichen Reiseziele wie ich. Meist reisen wir zusammen und sind demnach gleichermassen gefährdet.

Möchten Sie Kinder?
Ja. Um ehrlich zu sein versuche ich grade, welche zu kriegen! Aber meine Freundin sieht zur Zeit von einer Schwangerschaft ab – warum wohl! (lacht)

Würde ein Kind die Einstellung zu ihrem Beruf ändern?
Das kann ich zum jetztigen Zeitpunkt nicht beantworten. Aber ich rufe Sie an, wenn es so weit ist!

Ihr preisgekröntes Foto zeigt eine Mutter, die ihren verwundeten Sohn in den Armen hält. Wie reagieren Menschen in Krisengebieten, wenn sie von Ihnen fotografiert werden?
Menschen im Nahen Osten reagieren sehr positiv auf mein Interesse an ihrem Schicksal. Sie wissen, dass Öffentlichkeit wichtig ist, um ihre Ziele zu erreichen. Sie haben also nichts dagegen, wenn ich sie ablichte – ganz im Gegenteil. Natürlich sind nicht alle Parteien von meiner Arbeit begeistert, weshalb man sich vor dem Militär und Regimeanhängern in Acht nehmen muss.

Öffentlichkeitsarbeit ist wichtig, die Privatsphäre des Einzelnen aber auch. Wo liegt bei Ihnen die Schmerzgrenze?
Diese Perspektive ist eine typisch westliche. Ich habe hier mal eine Frau aufgenommen, die im Park mit ihrem Kind spielte. Sie ist ausgerastet und wollte alles über mich, meine Absichten und den Zweck der Fotos wissen. Hier im Westen ist man von Angst beherrscht. Denken Sie wirklich, dass sich die Mutter eines erschossenen Demonstranten über Privatsphäre Gedanken macht? Wenn Sie die Veröffentlichung der Bilder überhaupt bemerkt, ist sie höchstens froh darüber, dass der Tod ihres Sohnes nicht unbemerkt passierte. Menschen in Krisengebieten sind dankbar für die Aufmerksamkeit. Folglich setze ich mir diesbezüglich keine Grenzen, solange die Fotos den Menschen und dem journalistischen Zweck dienen.

Hat die Auszeichung viel verändert?
Ich bin um 10’000 Euro und eine Kamera reicher und habe neue potentielle Arbeitgeber. Aber um ehrlich zu sein: für mich hat sich nicht viel geändert, was ich auch begrüsse. Wenn ich die Pressereise beendet habe freue ich mich wieder auf meinen Berufsalltag.

Verfolgen Sie neue Projekte?
Ja, ich möchte in die arabische Welt zurückkehren und ihre Schönheit zeigen. Bis jetzt wird immer nur ihre Brutalität und Verzweiflung gezeigt. Aber das ist eine extrem einseitige Sicht. Ich möchte die freudvolle und lebensbejahende Seite der muslimischen Welt bekannter machen.

Was raten Sie jemandem, der in den Bildjournalismus einsteigen möchte?
Bevor du in eine teure Ausrüstung investierst, solltest du deine Motivation überprüfen. Und wenn du dir deiner Berufswahl wirklich sicher bist, brauchst du als Kriegsfotograf erst mal Geduld. Nur in einem Kriegsgebiet zu sein und Fotos zu schiessen garantiert noch keine Aufträge oder Käufer. Und auch eine gute Ausrüstung und solides Handwerk sind nichts wert ohne Mitgefühl für die Menschen vor der Linse.

Wann ist eine Aufnahme gut?
Wenn sie es schafft, Gefühle zu vermitteln. Wenn Sie sich mein Preisfoto genauer ansehen, werden Sie feststellen, dass Licht und Fokus alles andere als perfekt sind. Es wird jedoch weltweit verstanden. Es weckt Mitgefühl. Und das macht es zu einer guten Aufnahme.

Und wie schafft man es, Gefühl zu transportieren?
Dazu müssen Sie eine Beziehung zu den Personen aufbauen können, die Sie fotografieren. Wenn Sie sich vor dem fürchten, was Sie grade ablichten, werden Sie nie ein gutes Bild machen können.

 

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