Paar vor Mauer:
Was ist das Motiv?

Manchmal sieht man den Wald vor lauter Bäumen nicht – oder das eigentliche Motiv vor lauter Motiv.

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Stefan Plüss).

© Stefan Plüss SONY – DSC-HX5V – 1/160 – f 5.5 – ISO 125 – 425mm –

Kommentar des Fotografen:

Aufgenommen letzten November in Istanbul. Bei der Wegfahrt vom Hafen habe ich wenig vorbereitet diese Bild mit meiner kleinen Sony Cam geschossen. Das Bild habe ich in Lightroom entwickelt. Ich finde das Bild zeigt eine Seite des Islam die die meisten Leute nicht kennen. Die zwei haben sich hinter dieser schönen Mauer vor den neugierigen Blicken der Passanten versteckt und sind, wie man sehen kann sehr glücklich. Das Bild ist einfach aber es sagt sehr viel aus. Danke für eure Kritik! Ich freue mich schon drauf. Beste Grüsse Stefan Plüss

Profi Sofie Dittmann meint zum Bild von Stefan Plüss:

Dein Foto fiel mir vor allem wegen der auffälligen Mauer ins Auge. Die Farben in den Steinen, ihre Anordnung im Bild. Ein Motiv, an dem man schwer vorbeikann. Ein schöner Schnappschuß von einem interessanten Motiv, insgesamt gut komponiert.

Denn das ist für den Betrachter hier der Hauptanzugspunkt – die Mauer.

So, wie Du das Paar in die Aufnahme gebracht hast, werden sie optisch zur Nebensache. Die Mauer dominiert einfach. Und das ist übrigens garnicht schlimm, denn sie ist wirklich sehr sehenswert. Das Paar ist vor ihr im Vordergrund angeordnet, wie man etwa in einer Landschaftsaufnahme einen Strauch in den Vordergrund bringen würde, um dem ganzen Perspektive und Tiefe zu verleihen. Hier runden sie die Aufnahme ab.

Da Du Deiner Aussage nach allerdings das PAAR aufnehmen wolltest, muß ich leider feststellen, daß hier das von Dir GEWOLLTE Motiv im TATSÄCHLICHEN Motiv verschwindet. Bezogen auf die Farbenvielfalt und Struktur der Mauer sind die zwei eher Statisten, die die Mauer noch besser in Szene setzen. Hättest Du tatsächlich ein Straßenfoto mit ihnen als Modellen aufnehmen wollen, das sich auf sie auch konzentiert, hättest Du näher heran gehen müssen, so daß sie das Bild mehr füllen. Sie hätten Dich dann bemerkt und/oder Du hättest sie um Erlaubnis fragen müssen, sie zu fotografieren – was sie hätten ablehnen können.

So bist Du in sicherer Distanz geblieben und hast vom Boot aus noch schnell ein Foto gemacht. Ein zugegebenermaßen hübscher Schnappschuß, aber einer, der nicht das zum Ausdruck bringt, was Du eigentlich Deiner Aussage nach zeigen wolltest.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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13 Antworten
  1. Carsten Schröder says:

    ich denke, das das Bild gar nict so schlecht ist. Was mich stört, und mich immer wieder ablenkt ist weniger die Mauer, sondern der dunkle, steinige, dreckige (?) Vordergrund! Würde man das Bild unten beschneiden, bzw, evtl noch wenig stempeln, würde man nur noch die Mauer mit dem Paar sehen und Voilà, wäre es perfekt. Die dominante Mauer würde in den Hintergrund rücken!
    Probier es mal aus.

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  2. Dr. Thomas Brotzler says:

    Ich finde das Bild zeigt eine Seite des Islam die die meisten Leute nicht kennen. Die zwei haben sich hinter dieser schönen Mauer vor den neugierigen Blicken der Passanten versteckt und sind, wie man sehen kann sehr glücklich.

    Stefans Absicht, ein anderes Bild der islamischen Gesellschaft zeigen und damit Stereotypien in den Medien und unseren Köpfen durchbrechen zu wollen, halte ich für löblich. Gleichwohl war er sich offensichtlich des Rückzugsbedürfnisses des jungen Paares bewußt und mußte genau dieses auf Paparazziart mit ultralanger Brennweite mißachten. Ein solches „ich hab’s ja nur gut gemeint“ schützt die Abgebildeten insofern nicht vor Verlegenheit (Bilderverbot im Islam, Tabu der öffentlichen Zurschaustellung von Zärztlichkeiten, …). Wahrscheinlich meinen es auch Bruce Gilden oder Thomas Leuthard mit ihrer übergriffigen Motivaneignung nur gut …

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  3. Uwe S says:

    Die satten Farben und starken Kontraste lassen mich eher eine Bühne denken, als an einen abgeschiedenen Ort, an den man sich zurückziehen kann.
    Eine zarte, pastellige Ausarbeitung würde besser zu diesem Moment der Zweisamkeit passen, und gleichzeitig würde die starke, grafische Struktur der Mauer weniger hervorstechen.

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  4. Reinhard Witt says:

    Je nachdem wie groß die Datei ist… könnte (!) man einen Ausschnitt wählen, der sehr viel knapper bemessen ist. Komplett mit dem Paar und ein wenig Mauerumgebung… von mir aus auch im Querformat mit Blickrichtung Platz nach links… Anschließend mit dem Weichzeichnerpinsel eine „passende“ Unschärfe um das Paar hinzufügen… wobei passend eben nicht so einfach ist… Daher ja auch der richtige Einwand, dass eine größere Brennweite mit offener Blende und näher ran die bessere Wahl gewesen wäre.
    Nur dann wäre es eben nicht mehr DAS Bild gewesen… nach der Entdeckung des Fotografen.

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  5. Stefan Koch says:

    Wie könnte man denn die beiden Personen hervorheben UND gleichzeitig betonen, dass sie sich hinter einer Mauer verstecken? Wenn ich die beiden Personen jetzt vergrößere, dann sieht man ja nicht mehr, dass sie zurückgezogen sind.

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    • Sofie Dittmann
      Sofie Dittmann says:

      Das ist ja genau mein Punkt. Was genau willst Du eigentlich zeigen? Für Zurückgezogenheit genügen dem Betrachter bereits die beiden – wohinter sie zurückgezogen sind bleibt letzthin gleich. Sie fühlen sich eindeutig unbeobachtet, oder wirken zumindest so.

      Wenn die Mauer als Kontext so dominant mit im Bild ist, verschiebt sich, wie bereits erwähnt, die Aussage. Je weiter Du von den beiden entfernt bis, desto mehr ist die Mauer das Motiv. Wenn Du also das Pärchen zeigen willst, mußt Du eben näher heran gehen.

    • Alex says:

      Also ich finde das Bild, wie es ist schon ziemlich gut. Ich finde nicht, dass sie Mauer hier in den Vordergrund rutscht. Da es in islamischen Ländern, teilweise schwierig ist, sich von der ganzen Familie zu entfernen und privaten Dingen nachzugehen, finde ich die Mauer hier auf jedenfall *Emotional schützend*. Die etwas kleineren Menschen, zeigen eben auf, dass es nicht wirklich um sie geht und dass man sie in Ruhe lassen soll. Aber irgendwie sind sie trotzdem die Hauptfiguren am Rande. Weiss, bin kein Techniker, aber etwas Wochenendphilosofie ist doch aus schon was.

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