Das Leben schiesst die Bilder

Die Digitalisierung und der schleichende Niedergang des Pressesektors haben den Beruf des Pressefotografen mit Macht umgekrempelt. Ganze Redaktionen wurden halbiert, der Verdrängungswettbewerb ist härter geworden. Die Deadlines werden kürzer, Onlinemedien verlangen Fotos in Echtzeit, es gibt immer weniger Platz für Bilder auf den Zeitungsseiten, immer weniger Pressefotografen machen immer mehr Bilder.

Trotzdem tauchen jedes Jahr neue Autodidakten auf der Bildfläche auf, kommen ausgebildete Pressefotografinnen aus Schulen. Die Anziehungskraft des Traumberufes Bildjournalist scheint in den letzten Jahren zugenommen zu haben. Was treibt einen Menschen in den prekären Lebensentwurf eines Pressefotografen? Einem, der immer auf dem Sprung sein muss, der bei jedem Wetter und ungemütlich früh oder späten Tageszeiten unterwegs ist und die Ellbogen nicht selten ausfahren muss? Die Faszination könnte darin liegen, aus wenig oder gar nichts möglichst viel zu machen. Die Motive eines Pressefotografen liegen häufig im Alltäglichen, im Profanen. Die Herausforderung liegt darin, innert kurzer Zeit und mit beschränkten fotografischen Mitteln das Beste aus einer Situation herauszuholen.

Portraits müssen in zehn Minuten erledigt sein; das zu fotografierende Gebäude befindet sich garantiert im Gegenlicht, wenn der Fotograf vor Ort ist. Er findet sich an einer unbewilligten Demonstration des Schwarzen Blocks wieder, nicht wirklich willkommen geheissen von den Demonstranten und auch nicht von der Polizei. Oder er muss das Regierungsmitglied zum wiederholten Mal im immer gleichen Presseraum fotografieren.
In Situationen wie diesen ein inhaltlich, formal und technisch gutes Bild zu machen, möglichst eines, das kein anderer Fotograf so geschossen hat, ist eine Herausforderung, die nicht immer gelingt. Aber wenn sie gelingt, liegt darin eine enorme Befriedigung.
Gerne wird besagtes Bild dann auf der Redaktion von Hoch- auf Querformat geschnitten, mit einem falschen Credit angeschrieben oder es erscheint gar nicht erst, weil die Geschichte weniger wichtig ist, als ursprünglich gedacht.

Sich trotzdem immer wieder auf neue Situationen einzustellen, die Aufnahme nicht zu sehr zu steuern und den Zufall zuzulassen lässt Bilder Geschichten erzählen, die nicht vom Fotografen konstruiert wirken, die den Fotografen sogar hinter dem Bild verschwinden lassen.
Indes: Viele Schweizer Publikationen versuchen heute den Zufall auszuschliessen, sie tendieren zum inszenierten Bild. Mit formalen Kniffen werden Aufnahmen normiert: zwei Blenden überbelichtet, frontal angeblitzt und in entsättigten Farben springen Menschen vor psychedelischen Tapeten in die Luft.

Portraits und Reportagen dieser Art gleichen sich stark. Das Stilbewusstsein und der Wille des Fotografen dominieren den Inhalt der Bilder.
Ich würde mir wünschen, dass mehr Fotografen auf ihre Neugier und ihre Durchlässigkeit vertrauen könnten. Denn das Leben schiesst die Bilder fast von selbst. Und meistens sind dies die besten Bilder.

Text: Adrian Moser

Der Pressefotograf Adrian Moser arbeitet unter anderem für den «Bund» und ist als Pressefotograf im Raum Bern ein sicherer Wert für den Blick hinter die Kulissen der Kulisse. Mit einem Bild für einen Bund-Artikel hat er denn auch den Swiss Press Photo Award 12 in der Kategorie Porträt gewonnen.

2 Antworten
  1. Susanne says:

    „Ich brauche ein Foto von einem Seebären, der am Mast eines Seglers steht, einer mit einem blonden Bart und blauen Augen, er versonnen in die Ferne guckt und einen Tampen über dem Arm hält.“ Solche Fotowünsche kommen mitunter aus Chefredaktionen – habe ich bereits selbst erlebt – und sollen möglichst innerhalb von einem Vormittag umgesetzt werden. Abgesehen davon, dass sich der Seebär erst einmal organisieren lassen muss, zeigt diese kleine Andekdote, welchen Herausforderungen sich Pressefotografen manchmal ausgesetzt sehen. Da stimmt er alte Spruch „Nur ein gestelltes Pressefoto ist ein gutes Pressefoto“. Zur technischen Herausforderung kommt die inhaltliche. Jedes Pressefoto sollte eine Geschichte erzählen, und es sollte sie gut erzählen. Das alles muss unter Zeitdruck bewerkstelligt werden. Daneben muss sich der Pressefotograf noch mit Leuten herumschlagen, die ihm das Fotografieren untersagen wollen, etwa an Unfallstellen. Also kein leichter Job, der dennoch viel Spaß macht. Ich habe jedenfalls Hochachtung davor, und das nicht nur, weil ich selbst oft in dieser Rolle bin.

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  2. Egbert M. Reinhold says:

    So ist es aber seit Jahrzehnten in diesem Job. Die festangestellten Fotografen werden weniger und müssen mehr leisten – aber dennoch ist es ein Beruf, der sehr viel Spaß machen kann.
    Ich bin keine Pressefotograf, aber ich bin Wortredakteur und ich unterhalte mich noch immer mit Fotografen über ihre Bilder. Und ich lobe auch und die Zusammenarbeit ist sehr gut.

    Gruß
    Egbert

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