Konzept-Porträt:
Negativer Raum Extrem

Porträts sollen grundsätzlich Personen zeigen, nicht hauptsächlich negativen Raum. Wenn aber der negative Raum das Bild erst abrundet, hat er durchaus seinen Platz.

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Bärbel Bonn).

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Bärbel Bonn).

Kommentar des Fotografen:

Emotionen, ein Thema welchen für mich das interessanteste in der Fotografie ist. Gefühle zeigen ohne viele Worte … :-)

Profi Sofie Dittmann meint zum Bild von Bärbel Bonn:

Wenn negativer Raum gekonnt eingesetzt wird, unterstreicht er nicht nur eine Bildaussage, sondern das Bild wäre ohne ihn nicht das, was es ist. Ich habe mir Dein Foto lange angeschaut, und war erst fast versucht, das Foto zurück in den Kritiker-Pool zu legen.

Grundsätzlich ist ja nun die Regel bei Porträts so, daß man die Person in den Mittelpunkt rückt, und nicht Dinge um sie herum. Porträts können frontal, im Halb- oder Vollprofil aufgenommen werden.

Bei Deinem experimentellen Porträt ist das nicht so. Die Porträtierte wird in den Hintergrund gedrängt, und zwar durch das massive “Nichts”, in das sie blickt. Das Frauengesicht im Vollprofil starrt nach links, ihr Blick hat keinen erkennbaren Ausdruck. Man könnte ihn sowohl als gelangweilt, als auch deprimiert interpretieren.

Das Bild ist fast schwarzweiß, wenn da nicht die hellrosa Lippen wären. Ansonsten wird das Bild durch Leere, will sagen: negativen Raum links des Gesichtes dominiert. Man kann das als Traurigkeit, Trostlosigkeit interpretieren, die ja auch in dem Gesicht bereits angelegt ist.

Der negative Raum rundet also das Bild erst ab, und in diesem Sinne hat er hier durchaus seinen Platz. Allerdings ist davon für mich ZUVIEL im Bild – soviel, daß das Gesicht zur absoluten Nebensache wird. Das kann Absicht gewesen sein, ist aber hier für mich dem Bild abträglich. Persönlich würde ich das Bild links um etwa ein Drittel bescheiden. Dann ist immer noch genügend Raum im Bild, um die Gewichtung des “Nichts” zu erhalten, aber das Gesicht rechts erhält mehr Gewicht.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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4 Kommentare

  1. Ein bißchen schade fände ich es schon, wenn es zu diesem Bild gar keine Diskussion gäbe.

    Man sagt doch, daß diejenigen Bilder am eingängigsten auf den Betrachter wirken, die im wohldosierten Maß sowohl Vertrautes wie auch Fremdes in sich tragen. In diesem Bild wird unsere Seherwartung durch die exzentrisch positionierte und das Gesicht abwendende Person jedoch frustriert, es verbleibt das Unvertraute mit einem weitgehend leeren, etwas diffus bzw. wolkig strukturieretem Raum. Die daraus resultierende psychologische Wirkung ist beträchtlich, fast sogartig. Das Bild als solches irritiert und wirft Fragen auf, die Szenerie bietet einen breiten Einstieg für unsere gedanklichen und gefühlsmäßigen Projektionen (wie es in Sofies Rezension bereits anklang).

    Ich selbst empfinde dieses Bild als wohltuend neu und sehr ausdrucksstark. Zugleich könnte ich mir aber vorstellen, daß viele Betrachtern im Rahmen der Unvertrautheit und Sogwirkung manche unterschwellige Ängste entwickeln und sich abwenden müssen. So dies zuträfe, könnte man wohl von einer stark polarisierenden Bildwirkung sprechen.

    Thomas

  2. Dem Gesagten kann ich nur zustimmen – ein äußerst fesselndes Bild.

    Die wolkige u. unscharfe Struktur, die noch dazu auf der Drittel-Linie liegt, stellt diese Gedanken- oder Emotionswolke in den Vordergrund.
    Das eigentliche Portrait war für mich als Betrachter nur der Einstieg (gerade auch aufgrund der starken passenden Beschneidung), danach bleibt man an der Gedankenwolke hängen und lassen Interpretationen und Assoziationen freien Lauf.

    Sehr eindrucksvoll!

  3. Dieses Bild ist wirklich ungewöhnlich. Technisch perfekt, aber der lange Raum vor dem Gesicht ist nicht wirklich gelungen. Beim ansehen, ist mir spontan eingefallen, das Bild zu kontern. Die Frau also von links nach rechts sehen zu lassen.
    Meiner Meinung nach wirkt dadurch das auf sie zukommende Nichts nicht mehr so “bedrohlich”, sondern sie sieht auf das “Nichts”.
    Just my two cents ;))

    • Über Beschnitt und Struktur des Hintergrundes kann man verschiedener Meinung sein – das Kinn könnte auch noch angeschnitten sein etc. Was für mich das Bild ‘zerreißt’, ist die dunkle linke Ecke (wahrscheinlich durch ungleichmäßige Belichtung). Durch diese entsteht ein Ping-Pong-Effekt in der Blickführung: von rechts nach links, zurück nach rechts zum Gesicht, wieder zum dunklen Fleck usw. Letztlich kommt das Auge nicht zur Ruhe.

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