Porträt auf Bahngleisen:
Gemütlich?

Wenn man ein Porträt inszeniert, sollte diese Inszenierung in sich Sinn machen.

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Julia Stern).

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Julia Stern).

Kommentar des Fotografen:

Diese Aufnahme ist am Abend auf einem stillgelegten Bahngleis entstanden. Es zeigt einen jungen Mann, der es sich auf den Schienen zum Lesen gemütlich gemacht hat.

Zusatzinformationen:
Kamera: Canon EOS 50D
Objektiv: Canon EF50mm f/1.4 USM
Blende: 2.0
Verschlusszeit: 1/1000

Profi Sofie Dittmann meint zum Bild von Julia Stern:

Bahngleise (hoffentlich stillgelegte) sind ein beliebter Hintergrund für Porträts. Die Linien der Gleisstränge leiten, wenn gekonnt eingesetzt, zum Modell hin; eine Bühne, als Überbleibsel einer Industriegesellschaft oft auch eine gewisse Ruhe und Verlassenheit ausstrahlend, auf der das Modell entsprechend in Szene gesetzt werden kann. Alleine die Tatsache, daß der Ort sich grundsätzlich gut als Hintergrund und zur Inszenierung eignet, macht aus einem Porträt allerdings noch lange automatisch ein gutes.

Vor kurzem wurde hier auf fokussiert ein Bild besprochen, das eine junge Frau in hochhackigen Schuhen mit Rollkoffer auf Bahngleisen zeigte. Robert Kneschke beklagte unter anderem, daß die Inszenierung keinen Sinn machte, denn das Modell war in einem Aufzug, in dem sich niemand so einfach auf Bahngleise begibt, abgelichtet worden. In einem anderen, das von Peter Sennhauser kritisiert wurde, bemängelt er die Details die sich ins Bild eingeschlichen hatten, wie etwa eine unvorteilhafte Mütze und einen sich über dem Bauch wellenden Pullover.

Was mir an Deinem Bild grundsätzlich gefällt ist die Stimmung, wenn es mir auch persönlich etwas zu dunkel ist. Von der Komposition her ist es auch nicht schlecht, wie Du den jungen Mann hier räumlich angeordnet hast. Jedoch muß ich auch hier die Dinge ansprechen, die Robert und Peter in den anderen negativ aufgefallen sind.

Zum einen halte ich einen lesenden Mann auf einem Bahngleis für – sagen wir es einfach mal laut – verfehlt. Wer jemals auf einem Gleis gesessen hat, würde es nicht als “gemütlich” bezeichnen. Ich würde mich persönlich zum Lesen eher daneben setzen, hätte ihm hier auf jeden Fall auch kein Buch in die Hand gedrückt.

Der andere Kritikpunkt, der mir sofort ins Auge stach: an seinem hinteren Rücken sieht man klar einen weißen Fleck, bei dem es sich um ein Unterhemd, Tshirt oder gar eine Unterhose halten könnte. Sein gerundeter Rücken wirkt unvorteilhaft, und die Füße werden vom Gras so verschluckt, daß man sie nicht einmal erahnen kann. Er wirkt irgendwo amputiert.

Ein Vorschlag, wie ich es anders gemacht hätte: erstens einmal hätte ich ihm etwas angezogen, das entweder zur Umgebung paßt oder mit ihr extrem kontrastiert – in jedem Fall aber etwas, das auch im Sitzen (wenn er denn sitzen muß) gut aussieht. Weiterhin hätte ich ihm als Gegenstand nicht ein Buch zum Lesen, sondern etwas in die Hand gegeben, das entweder zum Outfit paßt oder ihn repräsentiert. Und zu guter Letzt sollte man auch Körperteile, die verdeckt werden, konzeptionell noch im Bild haben.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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5 Kommentare

  1. Wenn man ein Porträt inszeniert, sollte diese Inszenierung in sich Sinn machen.

    Finde ich nicht, warum auch?
    Was wenn es gar kein Portrait sein soll, ist es dann Fashion? Oder etwas dazwischen?
    Wenn das Bild gut gestaltet ist, ein Gefühl rüberbringt oder mich dazu anregt, das Bild zu betrachten ist es doch ok. Im normalen Leben stehen auch keine halbnackten Frauen in Industrieruinen herum. ;-)
    Füße, heller Fleck am Rücken etc möchte ich Sofie zustimmen
    lg Thomas

    • Bildaussage? Was man auch immer zu den halbnackten Frauen in Industrieruinen meinen mag, die sind zur Not, je nachdem, wie das Foto gemacht ist, auch verfehlt. Daß der Fotograf für die Frauen in der Ruine Tausende an Dollar oder Euro bekommen hat, ändert daran nichts. Und irgendwo liegt es auch im Auge des Betrachters. Hier bleibe ich dabei: ich weiß nicht, was der Typ auf den Bahngleisen mit einem Buch soll.

  2. Hallo Sofie,
    könntest du für mich einmal diese Aussage auseinander nehmen? Also bitte so, das ich das als Laie auch verstehen kann? Wäre wirklich nett. Vielen Dank
    Baxfoto
    ——————-schnipp————–
    “Körperteile, die verdeckt werden, konzeptionell noch im Bild haben”.

    ————————–schnapp——————–

    • Was ich damit meine ist folgendes: es gibt grundsätzlich einen Unterschied zwischen, sagen wir, einem Dreiviertelporträt und amputierten Füßen. Im ersten Fall hat der Fotograf das Bild absichtlich so beschnitten, daß eben nur 3/4 des Körpers zu sehen sind. Im zweiten Fall hat er unabsichtlich die Füße weggelassen, vermutlich, weil er es entweder nicht besser wußte oder weil es ihm nicht auffiel. Im Fall des Dreiviertelporträts kann ich mir die Füße sozusagen dazudenken, das ganze ist in sich abgerundet, der Ausschnitt macht Sinn. Im Fall der Amputation sind sie zwar auch zu erwarten, aber so, wie das Bild fotografiert ist, ist es offensichtlich, daß sie nicht mehr gedanklich vorhanden sind. Hoffe, das macht Sinn.

      In diesem Foto hat die Fotografin ihrem Modell eine dunkle Hose angezogen, deren Beine noch zu sehen sind, aber die Füße sind vom Gras verschluckt worden auf eine Weise, die sie eben amputiert wirken läßt, weil die Hose visuell einen Abschluß nach oben bildet und unten nicht genügend vorhanden ist, was sie einen noch erahnen läßt. Es ist ähnlich wie in dem Fall, wo der Fotograf die Füße im Bild einfach abschneidet.

  3. Hey,

    dieses Bild vermittelt mir alles andere als einen amputierten Eindruck.
    Bahngleise haben für mich immer etwas mit sich verlieren, mit einer Art Entrücktsein zu tun. Da der Mann auf dem Bild dank seiner Lektüre dieser Welt entrückt ist, passen Gleise meiner Meinung nach super hinzu.
    Auch das Gras vermittelt eine Art Begrenzung zu dem Mann, als sei er für sich allein. Passend wiederum zu meiner Impression des Versunkenseins. Dass man seine Füße (die ja nicht hart begrenzt sind) nicht sieht, gehört zu diesem Detail dazu.
    Und durch das Licht im oberen Bereich des Bildes wird mein zugegeben sehr emotionaler Eindruck nur noch verstärkt: Es verleiht dem Bild einen wohligen, warmen Schimmer, der sogar ins mystische geht, was wiederum super zum Thema des Lesens passt.
    Ich kann wirklich nur über meine emotionalen Eindrücke sprechen, da ich absoluter Neuling bin.

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