Nachdenken über Roland Barthes:
Der Pfeil, der dich trifft

Es geschieht unwillkürlich, als hätte ein Pfeil dich getroffen und durchbohrt. Besondere Fotos heben sich unter den guten hervor. Sie „be-stechen“, ganz im Sinn des Wortes.


Uli Eberhardt - aus: Your land, my land, #12 (c) Uli Eberhardt 2012

Gegenüber Fotografien, Kunstwerken generell von Emotionen zu sprechen, ist nicht ganz ungefährlich. Schließlich lässt sich über Geschmack angeblich nicht streiten. Der französische Philosoph Roland Barthes ist in seinen „Bemerkungen zur Photographie“ deshalb ganz tief gegangen, hinein ins Unwillkürliche, Ungesteuerte.

Roland Barthes‘ berühmter Essay „Die helle Kammer“ entstand 1979, ein knappes Jahr vor dem Tod des Philosophen. „Ich wollte unbedingt wissen, was sie (die Fotografie, U.E.) ‚an sich‘ war, durch welches Wesensmerkmal sie sich von der Gemeinschaft der Bilder unterschied.“ Auf der Suche nach diesem eigenen Wesen „geriet ich auf Abwege“: „statt dem Weg einer formalen Ontologie (einer Logik) zu folgen, hielt ich inne und bewahrte bei mir, wie einen Schatz, meine Sehnsucht oder meinen Schmerz; das Wesen des Photos ließ sich für mich vom „Pathetischen“, aus dem es besteht, nicht trennen, kaum daß ich es gesehen.“ Barthes wollte sich in die Fotografie vertiefen, „nicht wie in ein Problem (ein Thema), sondern wie in eine Wunde: ich sehe, ich fühle, also bemerke ich, ich betrachte und ich denke.“

Der Pfeil, der dich und mich trifft und durchbohrt, verursacht diese Wunde. „Punctum“ nennt Roland Barthes dieses „Punktieren“, diesen Stich, den wir tief drinnen unwillkürlich spüren beim Anblick eines berührenden Bildes. Das Wort „unwillkürlich“ ist wichtig. Die Psychologen unterscheiden zwischen „Emotion“ und „Gefühl“. Emotionen sind die unbewussten Gefühlsausbrüche, die uns ohne eigenes Zutun passieren und den Körper reagieren lassen, ohne dass wir sie kontrollieren könnten: wenn wir rot oder blass werden, es uns heiß und kalt wird, uns ein Schreck erstarren lässt – jeder weiß es von sich selbst.

„Gefühle“ dagegen sind schon (jedenfalls zu großen Teilen) reflektierte, überlegte Gemütslagen. Dieses so bezeichnete „Gefühl“ erscheint in Roland Barthes Fotobetrachtungen als Begriff des „Studiums“. Dieser Begriff bezeichnet das reine Interesse, den Gefallen und die Hingabe an die Bilder, ihre Gegenstände, ihre Technik, ihre Ästhetik. „Was ich für diese Photographien empfinde, unterliegt einem durchschnittlichen Affekt…“ Und das „Punctum“ erhebt sich eben über diesen Durchschnitt. Für Roland Barthes ist das „Punctum“ das „hervorstechende Detail“, das dem Bild (im Blick des Betrachters) sein Besonderes verleiht.

Was heißt das alles für uns, die wir ja zum Einen (hoffentlich) fleißige Betrachter sind und zum Anderen – anders als Barthes – Produzenten von eigenen Bildern? Wir sollten – neben den vielen und notwendigen Fragen des „Studiums“ (Technik, Komposition, Gegenstand) –  unser „Punctum“ üben, umihm mit wachsender Erfahrung mehr und mehr vertrauen zu können. Was unwillkürlich elektrisiert, kann zumindest nicht ganz daneben sein, Versuch und Irrtum inbegriffen. Und umgekehrt: Was so gar nicht prickelt, ist sehr wahrscheinlich vergebliche Liebesmüh‘.

Die beiden Bildbeispiele aus meiner eigenen Sammlung verdeutlichen, was gemeint ist:

In beiden Fällen fand ich einen Schauplatz, der interessant schien, aber noch im Bereich des „durchschnittlichen Affekts“ lag (oder vielleicht auch schon etwas darüber). Plötzlich änderte sich ein Detail – und der Blitz schlug ein. Bei der blauen Landschaft mit den Müllcontainern waren der Himmel mit seinen Zeichen und die blaue Monotonie schon sehr anziehend. Das Auftauchen des weißen Luftballons, der über der Szene schwebt wie der Geist über einer wüsten und leeren Erde, veränderte alles. Die gegenüber gestellten Fotos mit und ohne Luftballon entstanden im Abstand von wenigen Sekunden und zeigen den Unterschied.

 

Ganz ähnlich war es bei der weißen Hinterhoflandschaft: Die Komposition ist perfekt, alle Schatten, alle Linien sind an ihrem Platz, schon deshalb eine interessante Szene. Da erscheint plötzlich der Mann und umrundet den Straßenbogen (Gegenüberstellung mit und ohne). Das war der Pfeil oder der Blitz oder das Elektrisierende, wie immer wir es nennen mögen. Glück gehabt – denkt Ihr jetzt vielleicht. Mag sein, meine Erfahrung ist: Genaues „Studium“ wird öfters belohnt als gedacht. Und es muss nicht immer der Zufall sein, der eine unerwartete Wendung in die Szene bringt. Es kann auch das Licht sein, das Sterne hervorbringt und das wir (nur!) sehen (lernen) müssen.

Roland Barthes Die helle Kammer (Affiliate-Link) ist im Suhrkamp-Verlag erhältlich, die aktuellste Auflage ist aus dem Jahr 1989.

Roland Barthes bei Wikipedia

1 Antwort
  1. Dr. Thomas Brotzler says:

    Ein schöner, gar philosophischer und „in heutigen Zeiten mediengerechter Kurzsätze“ wolhtuend sperriger Artikel. Den inbegriffenen Gedanken, daß es auf den „Ausschlag des inneren Pendels“ zu achten gelte, den ja auch schon Cartier-Bresson in seiner Konzeption des „moment décisive“ beschrieb, kann ich von meiner eigenen (fotografischen) Arbeit sehr gut nachvollziehen. Nur die Begrifflichkeiten von „Emotion“ und „Gefühl“ verwirrten mich in meiner Eigenschaft als Psychotherapeut, der ich im Zweitberuf auch noch bin – hier sind mir Begriffe wie „Affekt“ für die raschen und „Stimmung“ für die anhaltenden Empfindungen geläufiger …

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