Nachtfotografie mit digitaler Ausrüstung (1/3):
Licht und Schatten total

Das folgende, dreiteilige Tutorial beschreibt zum einen die technischen Aspekte der digitalen Nachtfotografie im Stadium der Ausrüstung, Vorbereitung und Aufnahmemeisterung, zeigt zum anderen Ausarbeitungsmöglichkeiten im Sinne einer um HDR‐ und Ebenentechniken erweiterten Schwarzweißfotografie auf.

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1. Ausrüstung und Vorbereitung

Die Nachtfotografie ist ein ebenso faszinierendes wie anspruchsvolles Gebiet der Fotografie. Mit der heute verfügbaren Digitalausrüstung geraten wir allerdings oft in Grenzbereiche ausreichender Darstellbarkeit und erträglicher Artefaktüberlagerung. Wie diese Herausforderungen mit guter Ausrüstung und sauberer Arbeitsweise zu meistern sind, soll dieser Artikel vermitteln. Die folgende Aufstellung zeigt zunächst exemplarisch die Ausrüstung, welche ich derzeit für die Nachtfotografie verwende. Einzelne Aspekte greife ich dann im Text nochmals auf.

  • Canon EOS 5D Mark II als Kameragehäuse
  • Canon TS‐E 17 f/4 L, EF 17‐40 f/4 L und EF 24‐105 f/4 L als Objektive
  • Manfrotto MA 055XPROB Pro MA als Stativ mit 405 Getriebeneiger Pro‐Digital als Stativkopf
  • Weiteres Zubehör wie ein kabelgebundener Fernauslöser, eine lichtstarke Taschenlampe sowie eine zusätzliche Aufstecklibelle für den Blitzschuh
  • Warme Kleidung, ggf. etwas zum Essen und Trinken
  • Eine Portion Unerschrockenheit und Kommunikationsfreude

Diese Ausrüstung (insbesondere die ersten vier Punkte) läßt sich mit einem Gesamtgewicht von etwa 20 Kilogramm gut in einem Fotorucksack verstauen bzw. schultern, so daß ausreichende Bewegungsfreiheit für das nächtliche Flanieren bleibt. Zunächst einmal spielt die Markenwahl für die Nachtfotografie natürlich keine entscheidende Rolle. Die meisten Fotografen werden sich im Lauf der Zeit allerdings für eine Marke entscheiden und ihre Ausrüstung entsprechend aufbauen – bei mir ist dies eben Canon, was mir im Sinne der von dortiger Seite verfügbaren, superweitwinkligen TS‐Objektive gut zupass kommt … Viel wichtiger ist die Qualität der Ausrüstung, und hierbei spielen die aus großer Sensorgröße bzw. geringer Pixeldichte resultierende Artefakt‐ bzw. Rauscharmut der Kameratechnik bei hohen ISO‐Zahlen und langen Belichtungszeiten sowie Robustheit, Flexibilität und gute Abbildungsleistungen der Objektive bei schwierigen Lichtverhältnissen die entscheidende Rolle. Gerade im Bereich der Nachtfotografie empfiehlt es sich sehr, die Kamera mit ihren grundlegenden Funktionen (wie etwa Spiegelvorauslösung, Blendenvorwahl, ISOEinstellung und manuelle Fokussierung) „im Schlaf bedienen zu können“. Schon Sofie
Dittmann forderte in einem ihrer hiesigen Artikel „kenne Deine Kamera“, und ich kann ihr nur beipflichten. Eine solche Bedienungssicherheit fällt nicht vom Himmel, kann aber durch stete Übung erworben werden und erweist sich vor Ort als überaus segensreich.

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Ebenfalls nicht zu unterschätzen sind der Wert eines robusten, also nicht verwacklungsgefährdeten Stativs bei den üblicherweise langen Belichtungszeiten sowie die Vorzüge einer feinabgestuften und stabilen Einstellmöglichkeit des Stativkopfes. Wenngleich das Manfrotto eigene Wasserwaagen in den verschiedenen Achsen hat, verwende ich zusätzlich noch eine Aufstecklibelle, denn die einzelnen Wasserwaagen sind ja nicht geeicht. In der „Quersumme solcher Messungen und der Sichtkontrolle“ lassen sich die Verkippungen der einzelnen Achsen in der Regel gut kontrollieren. Der Wert eines Fernauslösers dürfte sich auch leichthin erschließen, es geht um eine erschütterungsfreie Aufnahme im Zusammenhang mit der Spiegelvorauslösung. Eine lichtstarke Taschenlampe schließlich ist in mancherlei Hinsicht hilfreich – um sich
im Terrain zurechtzufinden, um die bildwichtigen Objekte zur Fokussierung, den Fokussierring als solches und die Waaserwaagen auszuleuchten oder auch, um ein Hilfslicht für die Aufnahme („light painting“) zu stellen. Ich selbst mache dies nur sehr selten, so wie ich auch keinen Blitz verwende.

Nicht unterschätzen sollte man auch die oben angeführten, selbstfürsorglichen Aspekte (warme Kleidung, ggf. auch spezielle „Fotografenhandschuhe“ mit freigelassenem Daumen‐ und Zeigefingerendglied, etwas zum Essen und Trinken, Pausen einlegen). Ich kann mich noch lebhaft daran erinnern, wie ich mich in der Anfangszeit vor lauter Begeisterung für das Motiv und Warten auf die Aufnahme irgendwann ganz frierend, hungrig und durstig wiederfand – das erschöpft sehr und bremst über kurz oder lang jede Inspiration. Last but not least spielen die letztgenannten „Ausrüstungsgegenstände“ der Unerschrockenheit und Kommunikationsfreude keine geringe Rolle. Das nächtliche Geistern durch die Szenerie ist oft spannend, manchmal aber auch beklemmend. Wer hierbei bedenklich ist, mag sich überlegen, ob er sich in der Belebtheit einer nächtlichen Großstadt oder der Verlassenheit eines nächtlichen Industriegebiets besser aufgehoben fühlt, und ob er lieber allein oder in der Gruppe unterwegs ist. Dies für sich zu klären, scheint mir ebenso wichtig wie nicht unbedingt einfach. Ich selbst komme normalerweise mit belebten wie verlassenen Situationen zurecht und erinnere mich an interessante Gespräche, aber auch an eher unangenehme Begegnungen mit übereifrigem Wachpersonal im Industriegebiet oder komasaufenden Jugendlichen in der nächtlichen Großstadt. In Gruppen bin ich bei meinen Workshops unterwegs. Das ist regelmäßig lustig, kann aber auch die rechte Vertiefung in die Szenerie erschweren.

Dies führt zum letzten Punkt der gebotenen Kommunikationsfreude, denn seid versichert, daß Ihr „gefühlt tausendmal“ von Passanten angesprochen werdet. Die Nachtfotografie ist etwas Ungewöhnliches, und uns Menschen treibt die Neugier, was in dieser Verbindung zu manchen Fragen und Kommentaren führt. Der Standard ist unzweifelhaft „Was machen Sie denn da?“ – mit solchem oder leicht variiertem Wortlaut, gleichwohl aber ganz unterschiedlichen Bedeutungen. Nach meinen Erfahrungen ist das Fragemotiv in Deutschland oftmals eine Unsicherheit („Was soll das denn? Da sieht man doch gar nichts!“) oder ein Ordnungsruf („Dürfen Sie das? Müssen wir die Polizei rufen?“), wohingegen in anderen Ländern wie Frankreich oder Polen, die ich zu solchen Zwecken schon bereiste, oftmals ein wirkliches Interesse oder gar ein Wissen um die magische Dimension der nächtlichen Szenerie spürbar wird („eh bien, voilà le photographe de la nuit“ oder „vous capturez le clair de lune?“, merkten Passanten wohlwollend an und ließen mich dann meine Arbeit weiter machen). Stellt Euch also – so mein Rat, wenn Ihr Euch mit diesem spannenden Gebiet beschäftigen wollt – auf solche Fragevarianten ein und formuliert vielleicht für Euch im Stillen schon einige Antwortmöglichkeiten.

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  1. […] Spleen bzw. ein Anachronismus, nachdem der Films zugunsten der der Sensortechnik aufgegeben wurde. Fotografieren: Nachtfotografie mit digitaler Ausrüstung (1) Das folgende, dreiteilige Tutorial beschreibt zum einen die technischen Aspekte der digitalen […]

  2. […] – einmal durchlesen solltet. Hier einmal die direkten Links zu den einzelnen Teilen: Nachtfotografie mit digitaler Ausrüstung (Teil 1 von 3) Nachtfotografie mit digitaler Ausrüstung (Teil 2 von 3) Nachtfotografie mit digitaler Ausrüstung […]

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