Fotografieren:
Nachtfotografie mit digitaler Ausrüstung (2)

Das folgende, dreiteilige Tutorial beschreibt zum einen die technischen Aspekte der digitalen Nachtfotografie im Stadium der Ausrüstung, Vorbereitung und Aufnahmemeisterung, zeigt zum anderen Ausarbeitungsmöglichkeiten im Sinne einer um HDR‐ und Ebenentechniken erweiterten Schwarzweißfotografie auf.

Überblick (bereits erschienene Teile sind verlinkt)
1. Ausrüstung und Vorbereitung
2. Meisterung der Aufnahmesituation
3. Möglichkeiten der Ausarbeitung

 

***

2. Meisterung der Aufnahmesituation

Ich überspringe an dieser Stelle die Aspekte der inneren Einstimmung, speziellen Motiverarbeitung und Bildkomposition (diese lassen sich vielleicht in der Diskussion, ggf. auch einem weiterführenden Artikel aufgreifen) und skizziere Euch nun stattdessen mein Aufnahmesetup. Sobald die Szene eingestellt ist und die Kamera‐Objektiv‐Einheit solide auf dem Stativ ruht, beginnt es mit der Betätigung der Spiegelvorauslösung. Der optische Sucher ist nun ausgeschaltet, das Sensorbild wird auf das Display als „LiveView“ projiziert. Die automatische Fokussierung ist dadurch ausgehebelt, aber wir können sowieso besser von Hand scharf stellen und daher auf diese Funktion getrost verzichten. Der 3‐Zoll‐Monitor der 5D Mark II mit der Möglichkeit der Cursorauswahl und zehnfachen Detailvergrößerung erlaubt dabei auch ein komfortables Arbeiten. Mit diesen Möglichkeiten gilt es nun zwei verschiedene Bereiche des Bildes darzustellen, die manchmal, aber nicht notwendigerweise übereinstimmen. Zum Ersten zoomen wir an die Stelle des Hauptmotivs, welches im Bild die größte Schärfe aufweisen soll. Sofern dieses ausreichend beleuchtet ist, können wir gleich scharfstellen, ansonsten hilft uns die Taschenlampe, diesen Teil vorübergehend ins Licht zu tauchen.

Bei dieser Gelegenheit gilt es, noch einige Überlegungen zur Schärfentiefe anzustellen. Eine generelle Vorgabe kann man hier nicht machen, denn das Ausmaß der Schärfentiefe und damit die zu wählende Blende sind ja von der Nähe zum Motiv, vom Zusammenspiel von Figur und Hintergrund und damit der Gesamtkomposition abhängig. Der Blendenbereich von 8 bis 14 erscheint aber bei weitwinkligem Herangehen als eine gute Wahl, um im Abbildungsmaximum des gewählten Objektivs zu bleiben und eine durchgängige Schärfe vom Vorder‐ bis zum Hintergrund zu gewährleisten.

Zum Zweiten zoomen wir dann gemäß der obigen Regel „auf die Lichter belichten und die Schatten ausarbeiten“ an die Stelle der größten Helligkeit und belassen das Auswahlrechteck dort. Dies gibt die Referenz für die Belichtung ab, und wir erfassen mit halbdurchgedrücktem Auslöser und der im Modus AV (Blendenvorwahl) eingestellten Blende die vorgesehene Belichtungszeit. Sofern wir etwa mit einer ISO Zahl von 100 arbeiten, wird die Kamera nicht selten „mit einer blinkenden 30 als Belichtungszeit protestieren“.

Doch gemach, es gilt noch einige weitere Überlegungen anzustellen und Einstellungen vorzunehmen. Wir erinnern uns daran, daß die Kamera mit ihrer automatischen Belichtungsmessung gerne vorgibt, schlauer wie wir zu sein – Stichwort „Normalisierungstendenz in Richtung des Neutralgraus“, entsprechend 18 Prozent Lichteinfall bzw. Stufe V des Zonensystems. Die „blinkende 30“ bedeutet im genannten Fall also, daß die Kamera die Belichtung in diese Richtung (von mehr als 30 Sekunden) verschieben will. Aber das wollen wir nicht, denn dies bedeutete in der nächtlichen Situation faktisch eine Überbelichtung. Wir müssen also – und dieser Schritt mag zunächst Überwindung kosten – die Belichtung manuell nach unten korrigieren. Auch hier (wie bei der Blendenwahl) kann man keine zwingende Vorgabe machen, da es von der Gesamtsituation und auch den eigenen Erfahrungswerten abhängt – ich selbst arbeite meistens mit zwei Stufen, seltener einer Stufe bzw. entsprechenden Zwischenwerten einer solchen manuellen Belichtungskorrektur nach unten.

Die neuerliche Belichtungsmessung mittels halbdurchgedrückten Auslösers gibt jetzt schon einen anderen Wert. Vielleicht sind jetzt schon bei „vernünftigen“ Belichtungszeiten angelangt, ansonsten erhöhen wir schrittweise die ISOEmpfindlichkeit, bis wir in solche Bereiche kommen. Was sind nun aber „vernünftige“ Belichtungszeiten für die Nachtfotografie? In Zeiten analogen Fotografie konnten wir den Film stundenlang unbeschadet (unter Berücksichtigung des „Schwarzschildeffekts“) belichten, in heutigen Zeiten digitaler Ausrüstung wird es – natürlich je nach Güte der verwendeten Kamera, was wiederum ein Argument für das Vollformat ist – bei Belichtungszeiten von 30 Sekunden und einer ISO‐Empfindlichkeit von 3200 schon „ungemütlich“ im Sinne der sensortypischen Rausch‐ und Hotpixel‐ Artefakte, die dann auch in mühsamer Nachbearbeitung (und ohne maßgeblichen Detailverlust durch Entrauschungsroutinen) kaum mehr zu bändigen sind.

Künftige Weiterentwicklungen der Kameratechnik werden hier gewiß noch graduelle Verbesserungen bringen, bis dahin müssen wir aber mit dem vorhandenen Material arbeiten. Auch glaube ich, daß die spezifische Artefaktanfälligkeiten der Sensortechnik grundsätzlich bestehen bleibt.

Nach den vielfachen Überlegungen und Einstellungen bleibt uns nun nur noch die Aufnahme als solche. Ich rekapituliere nochmals dahingehend, daß die Kamera‐ Objektiv‐Einheit auf dem Stativ solide verankert und ausgerichtet ist, daß im Rahmen der Spiegelvorauslösung und LiveView‐Anzeige zunächst der bildwichtige Motivteil angesteuert und manuell fokussiert, dann der Bereich größter Helligkeit angesteuert wurde und daß wir aufgrund unserer Erfahrungswerte die automatische Belichtungsmessung manuell korrigiert haben.

Erwähnen möchte ich noch die Funktion „Rauschreduktion bei Langzeitbelichtung“, die über die Verrechnung mit einem separaten Dunkelbild Hotpixel, Luminanz‐ und Farbrauschen vermindern kann und deswegen aktiviert sein sollte. Im Idealfall haben wir das oben genannte Aufnahmesetup relativ flott erledigt, denn die längere LiveView‐Darstellung kostet nicht nur reichlich Akkustrom, sondern verstärkt durch die Aufheizung des Sensors auch die Hotpixel.

Schließlich – die Spiegelvorauslösung besteht weiter und wir sehen das Echtbild immer noch in der LiveView‐Darstellung – kommt der Fernauslöser zum Tragen. Ich lasse immer eine Auslöseverzögerung von zwei Sekunden mitlaufen, um die letzten Schwingungen im System ausklingen zu lassen – „ob da noch etwas wackelt“, kann man im Display mit maximaler Zoomstufe recht gut erkennen.

Daß wir im RAW‐Format aufnehmen, welches mit seinen 14 Bit an Helligkeitsinformationen wesentlich mehr Struktur‐ und Tonwertdetails mit entsprechenden Bearbeitungsreserven wie das JPG‐Format mit seinen 8 Bit aufweist, erscheint mir so selbstverständlich, daß ich es hier nur der Vollständigkeit halber nochmals erwähne.

In der Regel fertige ich auch eine Belichtungsreihe an – bei unproblematischen Lichtsituationen durch kamerainternes Bracketing mit einer Normalaufnahme, einer Überbelichtung sowie einer Unterbelichtung um jeweils zwei Blendenstufen, bei heiklen Lichtsituationen hingegen mittels angepaßter manueller Belichtung. Ich erwähne dies hier nur kursorisch und werde im Kapitel „Möglichkeiten der Ausarbeitung“ auf die von mir angewandte Kombination der Schwarzweißfotografie mit HDR‐ und Ebenentechnik zurückkommen.

Mancher von Euch wird vielleicht noch Hinweise auf den Weißabgleich vermissen – völlig zu Recht, denn unter diesen Lichtverhältnissen zeigen sich oft markante bis unangenehme, insgesamt „unecht wirkende“ Farbverschiebungen (in der Regel dominieren ein knalliges Gelb und Rot in den helleren Partien, während der Himmel ein fahles Graublau und die Vegetation ein schmutziges Grün aufweist), die von denjenigen, die ihre Bilder farbig belassen, natürlich korrigiert werden müssen. Für mich spielt dies allerdings keine entscheidende Rolle, da ich ausschließlich in Schwarzweiß arbeite und die vorhandenen Farbinformationen nur zur Aussteuerung der Farbkanäle bei der Schwarzweißkonvertierung benötige (und ob ich bei der Ausarbeitung den Rot‐ oder Gelbkanal bemühen muß, spielt für das fertige Schwarzweißbild keine Rolle).

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