Leserfoto:
See in Schwarzweiß – Linien und Flächen

Bereits totfotografierte Motive können zu neuem Leben erweckt werden, wenn man sie mit anderen Augen sieht – und auch so aufnimmt.

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Florian Gampert).

Kommentar des Fotografen:

Ich weiß leider nicht mehr genau, wo in meinem Italien Urlaub ich das Bild gemacht habe.
Der Baum rahmt die Szene meiner Meinung nach schön ein. Ich würde mich über eine Kritik sehr freuen!

Profi Sofie Dittmann meint zum Bild von Florian Gampert:

Dein Bild hätte ein langweiliger, nur für Dich interessanter Urlaubsschnappschuß werden können, hättest Du Dir nicht etwas mehr dabei gedacht, und das Motiv auf eine Weise eingefangen, die es jetzt auch für mich sehenswert werden läßt. Auf die Art, wie Du es fotografiert hast, ist es jetzt zwar kein Landschaftsfoto mehr im eigentlichen Sinn – für mich eher ein Kunstfoto – aber die Übergänge sind eben manchmal fließend.

Zunächst einmal zur Komposition. Der Baum im Vordergrund ist hier so dominierend, daß alles andere in den Hintergrund gedrängt wird. Weil Du ihn aber so abgelichtet hast, daß er das Bild in mehrere Flächen teilt, die wiederum durch andere Linien und Elemente untergliedert sind, bekommt das ganze etwas Geometrisches und macht die Dominanz dadurch nicht nur legitim, sie wird zu einem Stilelement.

Lee Friedlander hat beispielsweise ein paar seiner Bilder aus der Serie „America by Car“ genau so optisch auseinandergeschnitten. Der Gedanke ist also nicht neu, aber immer, wenn er gut in Szene gesetzt ist, hat er wie bei Deinem Foto einen „Aha“-Effekt, dem sich der Betrachter nicht entziehen kann.

Das einzige, was mich stört, ist die helle Stelle in der Rinde des Baumes rechts unten. Es wirkt für mich, als sei mit Blitz fotografiert worden. Mich persönlich stört sie, und wenn man sie nachträglich verdunkeln würde, sähe es so aus:

Nichts, was man in einer Dunkelkammer nicht auch machen könnte, und irgendwo das Tüpfelchen auf dem „i“.

Was die technische Seite angeht, ist mir nicht ganz klar, warum Du mit ISO 800 fotografiert hast, das Foto aber dennoch wirkt als sei es am hellichten Tag aufgenommen. Bei dieser Blende wäre sicher auch ein niedrigerer ISO mit befriedigender Verschlußzeit möglich gewesen, was wiederum weniger Körnung/Bildrauschem bedeutet hätte – außer, Du wolltest Dein Bild so körnig, um es „retro“ wirken zu lassen.

Wie dem auch sei, Glückwunsch zu dieser meines Erachtens insgesamt sehr gelungenen Aufnahme!

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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4 Antworten
  1. Matthias says:

    Im Bild sehe ich auch nicht die Landschaft, sondern einen „baumspuckenden“ Drachenkopf, der gerade aus dem See herausragt, als Motiv.

    Insofern finde ich die starken Kontrastunterschiede zwischen Baum/Drache und dem nebligen Hintergrund recht passend, weil er den Baum als Motiv in den Vordergrund rückt, und die Rinde wie Schuppen erscheinen läßt.

    Mit dem Stamm als Kopf, wäre es evtl. einen Versuch wert (gewesen), ob man das „Auge“ noch einen Tick höher und damit den „Kopf“ noch etwas weiter in der Vordergrund zu rücken kann. Vielleicht könnte man dann den Blick des Betrachters gezielter vom „Kopf“ über die Äste zu den Blättern lenken.

    Alles in allem ein gelungenes, fesselndes Bild wie ich finde!

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  2. Dr. Thomas Brotzler says:

    Stand hier nicht ursprünglich ein Kurzkommentar mit Verlinkung zu einer Druckerpatronenseite? Wie auch immer :o) …

    Ich kann Christians Argument der „rastlosen Suche im Bild“ nachvollziehen – das Auge springt hierhin und dahin, und es gibt in gewisser Weise keine Motivordnung.

    Andererseits sind mir auch Sofies Argumente eingängig, die das Bild weniger als ein Tiefenbild als vielmehr ein mosaikartiges Ensemble anspricht.

    Solchermaßen empfinde ich selbst auch, das Wechselspiel von Diagonalen und Horizontalen sowie die sich dadurch ergebenden Raumfacetten sind in kompositorischer Hinsicht interessant.

    Zwei Dinge noch kurz zum Abschluß: (1) die Kontrastkanten am Baum empfinde ich als zu viel zu hart, so wirkt dieser wie aufgesetzt („Objekt vor Tapete“) und nicht in die Landschaft integriert; (2) sei es nun ein Aufhellblitz oder ein nachträgliches Abwedeln, was Sofie als störend anspricht – ob nun heller oder dunkler, es bewegt sich im Bereich zulässiger Interpretation / Bildausarbeitung der Schwarzeißfotografie …

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  3. Christian Gruber says:

    Einerseits ist das Bild entdeckungswürdig gestaltet, bietet den Augen wege zur Rundreise. Andererseits findet man kein Hauptmotiv.
    Der Baum im Vordergrund teilt das Bild reizvoll aber dominant, für ein „Einrahmen“ wäre meines Erachtens ein massiver Zuschnitt notwendig mit dann anderem Bildcharakter.
    Die Tiefenmitte der See ist unauffällig.
    Der dreiteilige Hintergrund mit nebelverdecktem Hügel, einzelnen Bäumen und „Waldhügel“ schafft es auch nicht ein Hauptmotiv zu geben.

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  4. Christian says:

    Ein feines Bild das mich sehr anspricht. Was mich bei längerer Betrachtung etwas irritiert, ist der Schatten des Berges links, der genau oberhalb des Baumes keine Fortsetzung findet. War das Licht tatsächlich so oder wurde da mit Photoshop nachgeholfen?

    Grüsse Christian

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