Leserfoto:
Zen Garten – Was ist das Motiv?

Es ist unterm Strich gleichgültig, mit welcher Absicht ein Foto gemacht worden ist. Das Motiv sollte allerdings für den Betrachter ersichtlich sein.

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Tobias Magnussen).

Kommentar des Fotografen:

HDR-Aufnahme des Zen-Gartens des Ryan-ji-Tempels in Kyoto. Sukzessive Rückeroberung der Natur (verwitterte Mauer, in den Garten hineinragende Bäume) des vom Menschen kultivierten Raumes (Anordnung der Steine, der geharkte Kies).

(SONY NEX-5N; F/5,6; 1/125 Sek.; ISO-100)

Profi Sofie Dittmann meint zum Bild von Tobias Magnussen:

Was mir an Deiner Aufnahme grundsätzlich gefällt, ist die Farbstimmung, und die geometrischen Elemente, die allerdings bereits durch den Zen Garten selbst vorgegeben sind. Und dann ziehe ich weiter und frage mich, was Du mir hier eigentlich zeigen wolltest. Einen Zen Garten irgendwo? Die ihn umgebende Mauer? Der Kies, der perfekt geharkt ist? Die melancholische Stimmung, die in diesem zur Meditation bestimmten Raum herrscht?

Ich habe dieses Foto lange, lange angeschaut, und es ist mir immer noch nicht klar, was Du eigentlich fotografieren wolltest. Mein Blick bleibt an nichts hängen, nichts spricht mich auf einer tieferen emotionalen Ebene an. Für mich ist das ein Urlaubsschnappschuß, der in Dir wohl Erinnerungen wecken mag, der für mich aber keinerlei Bedeutung hat.

Du schreibst, Du wolltest die „sukzessive Rückeroberung der Natur des vom Menschen kultivierten Raumes“ abbilden. Dafür hättest Du mir irgendetwas so zeigen müssen, daß genau das auch klar wird. Denn bis jetzt sehe ich nur geometrische Muster. Einen der Steine in Nahaufnahme, der Kies so neben dem Gras, daß eine visuelle Spannung zwischen menschengemachter Strenge und natürlichem Chaos entsteht. Details der verwitternden Mauer usw. DAS hätte eine Geschichte erzählt.

Da ich grundsätzlich als Betrachter nicht weiß, was die Absicht hinter Deinem Foto war (und sich darauf zu stützen grundsätzlich sowieso verfehlt ist – man nennt das Intentionalismus), muß ich mir meine eigene Meinung bilden, meine eigene Geschichte in Deiner Aufnahme finden. Und das kann ich hier nicht.

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2 Antworten
  1. Volker Röös says:

    Grundsätzlich möchte ich Sofie zustimmen. So wie das Bild sich hier präsentiert, ist es in der Tat schwer, ein Hauptmotiv fest zu machen. Dennoch steckt für mich in diesem Bild durchaus mehr Potential. Auch wenn ich weiß, dass in diesem Blog bevorzugt Bilder behandelt werden, in denen nicht stark nachträglich eingegriffen wird, möchte ich in diesem Fall auf eine solche Möglichkeit hin weisen. Immerhin ist es schwierig, mal eben nach Kyoto zu fahren, um eine neue Aufnahme zu machen (es sei denn, Tobias wohnt dort).

    Tobias‘ Anliegen ist es ja, die Spannung Natur versus menschliche Ordnung, die der Garten symbolisiert, hevor zu heben. Der gerade Rand der umschließenden Mauer bietet hier eine einfache Möglichkeit, den störenden, weil viel zu detaillierten Hintergrund zu entfernen. Statt dessen fügt man einen Himmel ein, bei dem in der Mitte Sonnenstrahlen durch ein Wolkenloch fallen. Die Farben werden stark entsättigt. Ebenfalls etwas entsättigen würde ich die Mauer, das Kiesbeet und die Steine hingegen etwas kontrastieren und evtl. farblich noch etwas sättigen; ein leichter Grünstich wäre auch nicht verkehrt. Um die Steine mehr zu betonen, etwas von dem Vordergrund wegscheiden. Last not least mit dem Beleuchtungsfilter auf einer weißen Ebene (Modus multiplizieren) den Lichteinfall aus dem Wolkenloch anheben und somit die Randbereiche abdunkeln. Schon hat das Bild eine fokussierte Aussage.

    Ich habe die Bearbeitung auf Grundlage eines Screenshots durchgeführt, es ist also qualitätsmäßig nicht mehr als eine Skizze. Hier der Link zum Bild.

    Antworten
    • Sofie Dittmann
      Sofie Dittmann says:

      Was Du hier probiert hast, kann ich insofern nachvollziehen, als Du Dich auf etwas Spezielles, Details, im Foto zu konzentrieren versuchst. Es verändert allerdings das Original so sehr, daß man nicht mehr von einem Foto sprechen kann.

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