Leserfoto:
Straßenschnappschuß – Geschichten erzählen

Die Geschichte, die ein Foto erzählt, ist für jeden anders.

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Markus Rimml).

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Markus Rimml).

Kommentar des Fotografen:

Das Foto entstand 2011 in Lissabon und war mein erstes Streetfoto, das eine Geschichte erzählt.

Profi Sofie Dittmann meint zum Bild von Markus Rimml:

Wenn ich ein Foto lange betrachten muß, um mir darüber klar zu werden, was ich eigentlich darüber schreiben will, hat das meistens den Grund, daß mir die Inspiration hinsichtlich genau dieses Bildes fehlt – es spricht mich auf einer tieferen Ebene nicht an.

Wir bekommen hier bei fokussiert nicht oft Bilder unter “Street” eingereicht, die ich tatsächlich auch in diese Kategorie einordnen würde, denn oft sind es nur im Vorbeigehen gemachte Schnappschüsse, bei denen die Kategorie für den Einreichenden wohl irgendwie am besten gepaßt hat. Dieses Foto hier ist für mich Street, allerdings weiß ich nicht, was für eine Geschichte es mir erzählen soll.

Doch zunächst zu Komposition und technischen Aspekten. Du hast Dein Motiv hier mittig komponiert, und das wirkt grundsätzlich statisch. Ich habe mit verschiedenen Ausschnitten experimentiert und bin zu dem Schluß gekommen, daß die Anordnung der Frau hier die richtige ist.

Was ich jedoch nicht nachvollziehen kann, ist der ISO von 1000, der Dir hier eine extreme Körnung ins Foto gebracht hat. Das kann man natürlich als Stilmittel einsetzen, aber grundsätzlich würde ich am hellichten Tag nicht der Kamera die Wahl meines ISO überlassen, denn wie man sieht, nimmt die Kamera dann irgendetwas.

Zu guter Letzt hätte ich das Bild nicht unbedingt vignettiert, aber das ist Geschmackssache. Die Frau steht auch so im Mittelpunkt, man konzentriert sich auch so auf sie, ohne eine Abdunkelung der Ränder.

Du hast hier eine alte Frau in der Menge aus relativ weiter Entfernung abgelichtet. Sie geht gebeugt, hat ihren Regenschirm nicht aufgespannt, während alle anderen um sie herum entweder durch einen Regenschirm oder eine Jacke vom Regen geschützt sind. Dieser kann aber auch gerade aufgehört haben, denn ein paar Leute haben ihre Kapuzen bereits abgestreift. Sonst passiert in diesem Foto für mich nichts.

Man könnte hier jetzt argumentieren, die Frau wirke einsam, keiner nehme von ihr Notiz und sie von den anderen auch nicht. Um aus diesem Foto aber etwas zu machen, was mich auf einer tieferen Ebene anspricht, wäre ich zunächst einmal näher herangegangen. Du hast aus “sicherer Entfernung” fotografiert, natürlich nahm sie Dich nicht wahr. Und es kann sein, daß sie vorbeigegangen wäre, ohne daß ihr etwa die Tasche herunterfällt, oder jemand ihr anbietet, selbige zu tragen, daß sie ansonsten mit jemandem spricht – was auch immer.

Das ist eben die Herausforderung bei Street. Man zieht wie ein Jäger Kreise, steht irgendwo unbeobachtet und wartet, bis sich das Motiv bietet. Hier hat es sich für mich nicht geboten.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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17 Kommentare

  1. Aber Hallo Frau Dittmann,

    wer so kritisiert – der sollte ein besseres Beispiel wie das Bild des Straßemusikers vorlegen !
    Wo ist bei Ihrem Bild – der “Moment” ?
    Der Musiker freut sich sicher über jedes Bild was man von Ihm macht !?!? Wenn daß mal nicht als “gestellt” gilt ?
    Wo ist das spontane ? Das Thema Inspiration sollten Sie mal für Ihr Bild beschreiben…..ich bin schon gespannt !

    • Es wird Dich jetzt erstaunen, aber der Typ wollte nicht fotografiert werden – er wollte Geld. Und zum einen hält man mir hier vor, daß man die Leute doch fragen soll, denn alles andere wäre Verletzung des Rechts am eigenen Bild, zum anderen wirkt das dann “gestellt”??

  2. Ich kenne das Bild vom Straßenmusiker nicht und das ist eigentlich auch egal. Ein Trainer darf und soll kritisieren, auch wenn er es selber nicht besser kann (Ansonsten bräuchte man keine Trainer).

    Ich denke aber trotzdem, dass dieses Bild eine Aussage hat. Es gefällt mir sogar sehr gut. Von allen Menschen drumherum hat bestimmt keiner die Frau überhaupt wahrgenommen. Es ist ein Sinnbild dafür, wie in unserer Mitte hilfsbedürftige Menschen ignoriert werden (insofern ist auch die Komposition inkl. Vignettierung passend). Wie sollte sie denn überhaupt selber einen Schirm halten mit Tasche und Gehstock?

    Ob das nun Street ist oder nicht, ist mir egal. Ich mag diese Schubladen nicht. Was ist überhaupt Street? Ich wette, Frau Dittmann, dass auch Sie das nicht eindeutig definieren können, weil jeder Profi seine eigene Variante einer Definition dazu hat. Darüber können insbesondere Menschen, die sich mit dem Thema beschäftigt haben, endlos diskutieren.

    Zur Technik: klar hätte man das Bild mit weniger Rauschen hinbekommen können. Der Wirkung tut das aber keinen Abbruch. Um doch noch einmal die Kategorie Street zu strapazieren: gerade hier gibt es viele (Profi-)Beispiele, wo sich niemand an technischen Schwächen stört, weil die Aussage stimmt.

    Also, vielleicht ist das Bild nicht perfekt. Die Kritik klingt aber auch mir ein wenig zu sehr nach Verriss.

    • Hey, den Schuh kann ich mir leider nicht anziehen. Wir sind gehalten, konstruktiv zu bleiben, egal wie gut oder schlecht ein Foto sein mag. Es gibt hier auf dem Blog einige Beispiele von echten Verrissen.

  3. Erstmal möchte ich mich für die Kritik bedanken, freut mich sehr dass es eines meiner Bilder hierher geschafft hat!

    Was Komposition, Bearbeitung und Rauschen betrifft: Mittige Positionierung und Vignette sollen die Frau noch mehr hervorheben, stimmt. Von Rauschen sehe ich jedoch nichts – das ist vielmehr der starke Regen, den man hier erkennen kann.

    Mittlerweile fotografiere ich auf der Straße eigentlich nurmehr mit dem 35/2 – hier saßen wir in einem Café, ich sah die Frau und machte das Foto, und auch wenn es bei 250mm und f/6.3 mit einem Suppenhuhn aufgenommen wurde, denke ich, dass es sehr wohl eine Aussage hat, und darauf kommt es mMn an.

    Die Ebene, die bei Ihnen angesprochen werden soll, muss sehr tief liegen. Aber es ist schön zu sehen, dass jeder eine andere Meinung zu einem Foto hat, sonst wäre es ja doch recht fad :)

    • Das sehe ich genau so. Kunst wirkt auf jeden anders. Was ich schreibe ist MEINE Meinung, und wenn jemand eine andere hat, tut er die eben in den Kommentaren kund. Ich bin an einer konstruktiven Diskussion interessiert, nicht an “wow, toll”. Dafür gibt es Flickr.

  4. Ich stimme hier mit Markus überein – das Foto hat durchaus eine Aussage. Und eine Wirkung, die zu einem nicht unerheblichen Teil durch die Konvertierung in schwarz-weiß erzeugt wird (in Farbe wäre das Foto wahrscheinlich nur mau). Ich finde das Bild sogar sehr schön: “Siehst du dort die alte Frau die auf dem Marktplatz steht…” – das ist es, was bei mir rüberkommt, wenn ich das Bild betrachte. Insofern kann ich die Kritik von Sofie in diesem Bereich nicht wirklich nachvollziehen. Andererseits: Das ist ein rein subjektives Empfinden, muss es auch sein. Insofern lässt sich darüber zwar diskutieren, einer Kritikerin dagegen Vorwürfe zu machen ist meines Erachtens fehl am Platze.

    Nun aber zur etwas objektiveren Ebene, der technischen Umsetzung. Die ISO-Zahl ist in der Tat etwas höher als nötig – und da hier das Rauschen anscheinend ein Zufallsprodukt ist und nicht bewusst eingesetzt wurde, finde ich den Ansatz von Sofie hier richtig. Bei zukünftigen Fotos dieser Art würde ich dem Fotograf empfehlen, darauf zu achten. Eigentlich sollte jede Kamera tagsüber mit ISO 400 gut ausgeleuchtete Bilder hinkriegen, ohne zu rauschen.

    Außerdem würde ich grundsätzlich versuchen darauf zu achten, dass das Hauptmotiv deutlich hervorhgehoben ist. Ich könnte mir vorstellen, dass hier eine größere Blendenöffnung und damit eine größere Tiefenunschärfe die Bildaussage noch verstärken würde. Dann würde etwa das Paar, das direkt hinter der alten Frau über’s Pflaster schlurft, nicht so sehr ablenken. Auch das ein Tipp für zukünftige Bilder.

    Schließlich die Nachbearbeitung: Wie ich schon erwähnte finde ich die sw-Konvertierung hier essentiell für die Bildwirkung – ich würde allerdings versuchen, etwas mit den Kanälen zu spielen und zum Beispiel den Grün-Kanal abzudunkeln. Dann wirkt der ausladende Baum im Hintergrund wahrscheinlich besser. Die Vignette finde ich übrigens gut gewählt, würde sie vielleicht sogar noch etwas verstärken. Das ist aber wieder ein subjektives Empfinden.

    • Vielen Dank für deine Meinung – leider war ich hier objektivtechnisch recht limitiert, denn das Foto entstand mit einem Suppenhuhn bei 250mm @ f/6.3, daher war keine bessere Freistellung möglich, daher auch die hohe ISO.

      PS @Redaktion: Habe am vormittag schon kommentiert – warum ist mein Kommentar noch nicht freigeschalten?

  5. So, und jetzt für alle, die selbst gerne mal Kritiker sein wollen, hier ein Link zu einer Serie, die ich street-style auf einer Viehauktion in Ohio geschossen habe. Aufgenommen über ein Jahr hin.

    • Ja, die Bilder von der Viehauktion sind recht schön.
      Aber wie soll man denn bei alltäglichen Aufnahmen die man überall, nicht nur in den USA, bei vielen solchen oder ähnlichen Veranstaltungen zu hunderten machen kann, in diese Aufnahmen eine Geschichte rein interpretieren.
      Ohne die technischen Fragen zu beachten, welche doch jeder anders sieht, sind solche Aufnahmen für mich nicht unbedingt Straßenschnappschüsse.

    • Sofie hat uns eine sehr lehrreiche Bildersammlung zur Verfügung gestellt. Von einer regelrechten Serie mag ich in diesem Zustand noch nicht sprechen, denn neben gelungenen Straßenfotos finden sich auch Schnappschüsse, Porträts und dokumentarische Detailaufnahmen. Für eine Straßenfotoserie taugen alle drei nicht. (In einer Fotoreportage jedoch, könnten Porträts und Detailaufnahmen die Story bereichern.)

      Von dieser Bildersammlung ausgehend würde ich zunächst nach stilistischen, inhaltlichen und formalen Gesichtspunkten eine Auswahl der Straßenfotos treffen und anschließend die Reihenfolge der Bilder so optimieren, dass ein erzählender Ablauf entsteht, welcher Charakter und Atmosphäre der Viehauktion möglichst gut wiedergibt.

    • Wenn ich “street-style” sage, meine ich im Stile von Street, nicht notwendigerweise, daß das alles Streetfotos sind. Unbeschnitten, offen, schwarzweiß.

      Ergänzende Anmerkung: Die Umgebung hier sieht man oft verklärt und verkitscht, aber nie so, wie sie wirklich ist. Ich denke hier insbesondere an den im Morgennebel verschwindenden Amish Buggy, also, die Pferdekutsche, die die Amischen hier bevorzugt benutzen, oder Amischenkinder, die barfuß am Straßenrand zur Schule laufen. Es ist ein dokumentarisches Fotoprojekt, das ich ab nächster Woche auf einer anderen Auktion in der Nähe weiterzuführen gedenke.

    • PS. Danke, Uwe, für die guten Kommentare – wenn ich mit dem Projekt fertig bin, werde ich mir Gedanken machen müssen, wie ich die Bilder ordne, und Dein Input ist sehr hilfreich.

      Und Hans, SO in DEM Stil wirst Du Bilder amerikanischer oder anderer Viehauktionen nicht unbedingt von überall finden, denn wir haben hier die größte Amischenminderheit der USA. Ich habe mir SEHR lange Gedanken darüber gemacht, ob überhaupt und wie ich Kidron fotografieren soll, denn da findet man so viele, daß man, wenn man sie vermeiden wollte, so ziemlich kein Foto der Auktion machen könnte. Der nächste Ort wird genauso sein.

  6. Abseits der technischen Fragen möchte ich in einem Punkt der Bildkritik widersprechen. Das Bild erzählt (für mich) sehr wohl eine Geschichte – nämlich die Geschichte von der Vergänglichkeit des Lebens. Auf dem Bild sind mehrere Generationen mit unterschiedlichen Verhaltens- und Bewegungsmuster abgebildet. Das Bildzentrum zeigt, wo es hinläuft – in die zunehmende Einschränkung, in die abnehmende Möglichkeit der Gestaltung im Alter. Optimal – unabhängig von den technischen Gestaltungsfragen – wäre die fotografische Geschichte gewesen, wenn noch Kinder mitabgebildet wären.
    So hat hat jeder seinen Fokus. Das macht in meinen Augen die Fotografie so spannend.

    • Da könnte man noch hinzufügen, SCHADE der Kinderwagen ist durch den Mann rechts im Vordergrund leider verdeckt.

  7. Auch ich empfinde dieses Bild anders als Sofie. Ich habe es mir lange angeschaut, nicht, weil ich die Geschichte suchte, sondern weil es mir so viel erzählte: Warum hat sie einen Schirm dabei, und einen Stock. Kann sie den Schirm überhaupt halten? Die verschiedenen Geschwindigkeiten stecken auch für mich da drin….
    Die Vignette an sich finde ich nicht schlecht, aber die ginge meiner Ansicht nach weicher!
    Und: ich sehe Regen, das heisst aber nicht, dass ich kein Rauschen sehe ;-)

  8. Ich habe mir das Bild jetzt bestimmt zehn Mal angesehen und ich kann nichts entdecken, was zum Nachdenken über die Veränglichkeit des Lebens anregen soll.
    Deshalb teile ich Sofie Ditmanns Kritik.
    Es gibt bessere Streetbilder.

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