Einzig in Mannheim:
Die erste Fotografie der Welt

Es ist eine seltene Gelegenheit: Ausnahmsweise nur ging die erste Fotografie der Welt auf Reisen – Niépces “Blick aus dem Fenster in Le Gras” von 1826. Einzig in Mannheim ist sie nun zu sehen.

Blick aus dem Fenster in Le Gras, Joseph Nicéphore Niépce, 1826

Blick aus dem Fenster in Le Gras, Joseph Nicéphore Niépce, 1826

Am Ende der Ausstellung im Reiss-Engelhorn-Museum wird sie nach Austin, Texas, zurück – zusammen mit anderen Meilensteinen der Fotogeschichte, die in Mannheim ebenfalls bis Anfang Januar 2013 zu sehen sind.

Mit insgesamt 250 Exponaten aus der Sammlung Gernsheim bietet die Mannheimer Ausstellung einen Einblick in die Fotografie des 19. und 20. Jahrhunderts mit ihren unterschiedlichen Positionen: Der Besucher kann die Entwicklung der Bilder von den ersten Daguerreotypien über die Viktorianische Epoche bis hin zu den Meisterwerken zeitgenössischer Fotografen verfolgen, die das kollektive Bildgedächtnis heute prägen.

Brigg auf dem Wasser, Gustave Le Gray, 1856

Brigg auf dem Wasser, Gustave Le Gray, 1856

Erstmalig und exklusiv ist die erste Fotografie der Welt nach einem halben Jahrhundert wieder auf europäischem Boden zu sehen. Niépces Werk „Blick aus dem Fenster in Le Gras“ galt nach seiner letzten Präsentation anlässlich einer Ausstellung im Crystal Palace in Sydenham 1898 über fünf Jahrzehnte als verschollen. Erst nach langjähriger detektivischer Suche spürte Helmut Gernsheim das Bild 1952 in einem eingelagerten Überseekoffer in London wieder auf. Mit dieser sensationellen Entdeckung datierte Gernsheim die Geburtsstunde der Fotografie um dreizehn Jahre vor, galt doch bis zu diesem Zeitpunkt das Jahr 1839 als deren offizielles Erfindungsjahr und Louis Jacques Mandé Daguerre als der Erfinder. Auch dessen frühe Aufnahme „Notre-Dame und die Île de la Cité, Paris“ wird neben weiteren Daguerreotypien aus der Gernsheim-Collection in der Ausstellung gezeigt.

Mann beim Schlag, Eadweard J. Muybridge, ca. 1885

Mann beim Schlag, Eadweard J. Muybridge, ca. 1885

Die Aufnahme, die als die erste Fotografie der Welt gilt, gelang dem Franzosen Joseph Nicéphore Niépce (1765-1833) im Jahre 1826. Die ersten fotografischen Gehversuche datieren bereits ins ausgehende 18. Jahrhundert, aber erst Niépce entwickelte ein Verfahren zur dauerhaften Bildfixierung. Die erste Fotografie der Welt zeigt den Blick aus Niépces Arbeitszimmer auf den Innenhof seines Anwesens in Le Gras. Zu sehen sind der Hof und Nebengebäude. Am Sonnenstand und den sich verändernden Licht- und Schattenwürfen lässt sich eine acht- bis zehnstündige Belichtungszeit ablesen. Das Motiv ist auf einer Zinnplatte fixiert. Der fotochemische Prozess basiert auf den spezifischen Eigenschaften von Asphalt. Der in Lavendelöl gelöste, in einer Schicht auf die Platte aufgetragene Asphalt härtete sich an den unter Lichteinwirkung stehenden Stellen, die unbelichteten Bildpartien dagegen blieben weich und löslich und konnten in einem Bad aus Lavendelöl und Terpentin ausgewaschen werden. Das Resultat war ein dauerhaftes Direktpositiv. Als Bezeichnung für seine Aufnahme wählte Niépce den Begriff „Heliographie“, was wörtlich „Sonnenzeichnung“ heißt.

Die Terra Nova an der Packeisgrenze, Herbert George Ponting, 1910

Die Terra Nova an der Packeisgrenze, Herbert George Ponting, 1910

1961 war Niépces berühmtes Werk in einer Ausstellung in München zum letzten Mal in Europa zu sehen. 1963 verkauften die Gernsheims ihre komplette Sammlung historischer Fotografien an das Harry Ransom-Center der Universität Texas in Austin. Nach 50 Jahren kehrt sie nun nach Europa zurück. Die Heliographie wird einzig in Mannheim zu sehen sein. Aus konservatorischen Gründen wird sie normalerweise nie verliehen. Da sich aber der zweite, zeitgenössische Teil der Gernsheim-Collection seit 2002 im Forum Internationale Photographie der Reiss-Engelhorn-Museen befindet, haben die Verantwortlichen des Harry Ransom-Center der Reise ausnahmsweise zugestimmt. Es reist in einem extra entwickelten Ausstellungsmodul, das ein hermetisch versiegeltes, sauerstofffreies Schaukastensystem in einer Argon-Atmosphäre enthält.

V-J-Tag, Time Square, New York, Alfred Eisenstaedt, 1945

V-J-Tag, Time Square, New York, Alfred Eisenstaedt, 1945

Der Katalog mit Titel Die Geburtsstunde der Fotografie (Affiliate-Link) erscheint in diesem September im Kehrer-Verlag Heidelberg.

Die Geburtsstunde der Fotografie
Meilensteine der Gernsheim-Collection

Bis 6. Januar 2013
Reiss-Engelhorn-Museen Mannheim, Forum Internationale Photographie, Museum Zeughaus C5, Mannheim
Infobüro +49 (0)621 – 293 31 50, reiss-engelhorn-museen@mannheim.de
Geöffnet Dienstag bis Sonntag 11 – 18 Uhr, Mo geschlossen; Öffnungszeiten an Feiertagen 11-18 Uhr, außer an Heiligabend (24. Dezember) und Silvester (31. Dezember)

Reiss-Engelhorn-Museen Mannheim

 

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