Leserfoto:
HDR auf Irrwegen

Bilder mit einem erhöhten Dynamikumfang können mehr Details ins Bild bringen als es eine Kamera mit einer Aufnahme könnte und die Fotos damit besser den Sehgewohnheiten des menschlichen Auges anpassen, welches einen deutlich größeren Dynamikumfang erfassen kann. Falls eingesetzt kann die HDR-Technik jedoch Bilder auch verschlimmbessern.

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Markus Immerheiser).

Kommentar des Fotografen:

Das letzte Bild aus einer 4teiligen Fototour vom 01.Mai!

Das Bild ist eine HDR-Aufnahme und besteht aus drei Belichtungen.
Kamera: NIKON D5100
Brennweite: 18mm
Blende f/16
ISO 100

Profi Robert Kneschke meint zum Bild von Markus Immerheiser:

HDR ist die Abkürzung für „High Dynamic Range“ und bezeichnet eine Technik, mit der mehr Details als normalerweise auf einem Bild festgehalten werden können, indem zum Beispiel verschiedene Belichtungen des gleichen Motivs mittels Software zu einem einzigen Bild zusammengefügt werden.

Ideal ist diese Technik, wenn die Lichtverhältnisse so unterschiedlich sind, dass sie von einer Kamera nicht mit nur einer Aufnahme festgehalten werden können, zum Beispiel eine Innenaufnahme mit schattigen Ecken und sonnenbestrahlten Fenstern.

Das vorliegende Foto ist ein typisches Beispiel für viele HDR-Fotos, das Gras beispielsweise zeigt mehr Details als normalerweise. Leider zeigt das Bild auch vieles, was man bei der HDR-Fotografie nicht machen sollte.

Vor allem zur Anfangszeit der HDR-Fotografie gab es viele knallbunte, total unrealistische Bilder zu sehen, die ganz kurz einen „Wow“-Effekt auslösten und dann sehr schnell langweilig wurden. Grund war hauptsächlich, dass die Fotografen vor lauter Begeisterung über die neue Technik diese erstens zu übertrieben einsetzten und zweitens manchmal vergaßen, auf das eigentliche Motiv zu achten.

Ähnlich ist es bei dem gezeigten Landschaftsbild von Markus Immerheiser. Zu sehen ist ein einsamer Baum auf einem Feld mit einer Straße. Der Horizont liegt ungefähr auf dem „Goldenen Schnitt“, der Baum selbst ist fast mittig angeordnet und somit gleicht das Bild ganz vielen „Baum in Landschaft“-Fotos, die – bis auf wenige Ausnahmen – ehrlich gesagt weder originell noch sehr ansprechend sind. Das liegt sicher auch daran, das sich hier durch den dreckigen Weg kein „Traumlandschaft“-Feeling einstellen will, kein „Da will ich unbedingt hin“ und auch kein „Wow“.

Der nächste Punkt ist der HDR-Einsatz. Ziel eines HDR-Bildes sollte sein, mehr Details sichtbar zu machen, als es die Kamera mit nur einer Aufnahme gekonnt hätte und das Foto damit der Realität ähnlicher zu machen, indem sich der Dynamikumfang dem des menschlichen Auges mehr angleicht.

Der zu starke HDR-Einsatz hier ist hauptsächlich in den Wolken zu erkennen. Die Wolken rechts sind unten sehr dunkel, fast schwarz, wie es höchstens kurz vor einem starken Gewitter der Fall ist, nicht aber bei einem blauen Himmel mit Schäfchenwolken. Im oberen Bereich ist das Weiß der Wolken trotz HDR ausgefressen. Somit hat der HDR-Effekt hier sind beide ursprünglichen Zwecke nicht erfüllen können: Weder mehr Realismus noch die Rettung von Details.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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3 Antworten
  1. Marcus S. says:

    Lieber Markus,

    ich verstehe Deine Kritik an der Kritik nicht so ganz. Sie geht doch sowohl auf den Bildaufbau (Goldener Schnitt), das Bildthema (einzelner Baum in Landschaft), als auch die Bildbearbeitung ein. Die erstenzwei Aspekte findet der Kritiker, und auch ich, nicht sonderlich spannend. Da kann man nicht viel mehr zu sagen. Die herausstechende Eigenschaft des Bildes ist eben die Bearbeitung. Ich persönlich finde die untere Bildhälfte eigentlich ganz gut gelungen. Farben, Dynamik und Detailreichtum passen für mich. Der Himmel gefällt mir aber gar nicht. Nicht nur, dass der etwas strapazierte HDR-Look hier sehr stark/surrealisitsch verwendet wurde. Am meisten stört mich persönlich, dass der Himmel sehr fleckig ist. Da wurden offenbar künstlich so helligkeitsunterschiede eingebaut, dass dies auch so noch sichtbar ist. Die Verläufe sind nicht harmonisch und nicht gleichmäßig. Am deutlichsten wird dies rund um den Baum selbst. Der Himmel hinter dem Baum ist viel heller als der in der Umgebung, was wie eine Art Heiligenschein für den Baum wirkt. Das hat nichts mit der HDR-Technik selbst zu tun, stört aber.

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  2. Markus Immerheiser says:

    Hallo,

    erstmal danke für die offene Kritik an meinem Bild! Ich möchte gerne noch einige Anmerkungen hinzufügen.
    Was Robert zu dem Thema HDR schreibt, ist schon richtig, allerdings bin ich andere Meinung wenn er sagt das: „Ziel eines HDR-Bildes sollte sein, mehr Details sichtbar zu machen, als es die Kamera mit nur einer Aufnahme gekonnt hätte und das Foto damit der Realität ähnlicher zu machen, indem sich der Dynamikumfang dem des menschlichen Auges mehr angleicht.“

    Bei diesem Bild hat nie die Absicht bestanden mit der HDR Technik ein Bild zu kreieren das der Realität näher kommt. Sondern eher das Gegenteil! Es ist Surrealistisch, Ja! Ich will nicht sagen das es wie gemalt wirkt, sollte aber eher in diese Richtung gehen. Ich bin auch nicht der Meinung, das es ein „typisches“ HDR Bild ist. Wenn man mal nach HDR googlet kommen da ganz andere Bilder dabei herraus. Ich find es außerdem schade das die Rezension so auf die HDR Technik und die scheinbar falsche Anwendung abziehlt. Das Thema Farben, Bildwirkung oder ähnliches wird hier gar nicht behandelt sondern hauptsächlich auf die Anwendung von HDR reduziert. Gut, über das Motiv, die Anordnung (drittel Regel, Goldener Schnitt usw.) und die Komposition lässt sich streiten…

    Ich frage mich wie die Rezension ausgefallen wäre wenn nicht klar gewesen wäre das hier HDR zum Einsatz kam. Vielleicht liegt es auch daran das der Rezensent eigentlich eher in einem anderen Bereich der Fotografie angesiedelt ist.
    Nichts desto trotz gibt es Dinge über die man nachdenken kann und beim nächsten mal berücksichtigen kann.

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  3. Uwe S. says:

    Ich kann alles, was Robert zum Bild schreibt, nachvollziehen. Man kann nur zustimmen, dass das zugrunde liegende Landschaftsfoto den Weg durch die Felder nicht gerade spannungsvoll in Szene setzt.

    Was ich allerdings nicht verstehe ist, wieso Robert ein „Traumlandschaft-Feeling“ vermisst. Das hat doch Markus offensichtlich gar nicht im Sinn, wenn er den lapidaren Titel „Track across the fields“ wählt (siehe Flickr Fotostream von Markus Immerheiser). Er möchte ganz einfach einen Feldweg zeigen, und mittels HDR, genauer gesagt mittels extremem Tone-Mapping, verfremden.

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